Von: Martin Demmler
ca. 6 Minuten

Musik mit geöffneten Fenstern Über Komponistin Cathy Milliken und ihr neues Werk »why feather yellow«

Eine Frau steht vor einer mit Graffiti besprühten Stahlkonstruktion und blickt in die Kamera. Sie trägt dunkle Kleidung und stützt eine Hand auf ein Metallgeländer.
Cathy Milliken | Bild: Annika Bauer

Die Oboistin und Komponistin Cathy Milliken ist eine der profiliertesten Musikerinnen ihrer Generation. Für die Berliner Philharmoniker hat sie ein neues Konzert für Englischhorn und Orchester geschrieben, das Mitte September unter der Leitung von Sir Simon Rattle Premiere feiert. Den Solopart spielt Dominik Wollenweber.

Cathy Milliken ist nicht nur eine äußerst gefragte Oboistin und Komponistin, sie ist auch Initiatorin neuer Konzertformate und experimenteller Produktionsweisen. Grenzen aufzuheben, durchlässig zu machen, zwischen Komposition und Improvisation, Musiker*innen und Publikum – das ist eines der erklärten Ziele ihres musikalischen Wirkens.

Einer der zentralen Begriffe ist dabei für Milliken die Partizipation, die aktive Teilhabe. »Ich fing mit Fragen an: Wie kann man Partizipation so gestalten, dass sie sich nahtlos zwischen Zuständen des Hörens und des Teilnehmens bewegt und es allen erlaubt teilzunehmen, zu kreieren, aufzuführen und zuzuhören? Wie kreiert man ein Werk, das die Freude weckt, es gemeinsam aufzuführen? Vor allem aber: Wie schreibt man eine Komposition, die offen ist, mit Fenstern für Improvisation, für kollaborative Komposition oder unbekannte Ergebnisse, und die trotzdem die Aufmerksamkeit und Konzentration aller aufrechterhält?«

Das klingt nach Experiment, nach der Infragestellung herkömmlicher Produktions- und Darbietungsprozesse. Cathy Milliken hat sich denn auch nie auf die Rolle der Instrumentalistin oder Komponistin beschränkt, sie ist stets auf der Suche nach innovativen Formaten, neuen medien- oder ortsspezifischen Performances oder noch nicht erprobten Formen und Modellen musikalischer Zusammenarbeit.

Oboen-Studium, Ensemble Modern und erste eigene Werke

1956 im australischen Brisbane geboren und dort aufgewachsen, studierte sie zunächst Oboe und Klavier am Queensland Conservatorium of Music, ging dann jedoch nach Europa, um ihre Ausbildung bei Heinz Holliger in Freiburg fortzusetzen. Dieser Wechsel schuf zugleich eine Brücke zur Neuen Musik und so war es fast folgerichtig, dass Cathy Milliken als Oboistin 1980 zu den Gründungsmitgliedern des Ensemble Modern gehörte, damals noch eines der ganz wenigen Ensembles, die sich ausschließlich auf zeitgenössische Musik konzentrierten. Hier kam sie in Kontakt mit allen wichtigen Komponist*innen der Gegenwart, von György Ligeti, Helmut Lachenmann und Karlheinz Stockhausen bis zu Pierre Boulez und Frank Zappa. Zahlreiche Werke hat sie damals mit dem Ensemble Modern uraufgeführt.

Gleichzeitig entstanden ab 1995 erste eigene Werke, meist experimentellen Charakters. Theatralische Arbeiten finden sich da ebenso wie radiophone Stücke oder Instrumentalmusik mit Live-Elektronik oder Zuspielband. Noch während ihrer Zeit beim Ensemble Modern übernahm Cathy Milliken 2005 die Leitung des vom damaligen Chefdirigenten Sir Simon Rattle ins Leben gerufenen Education-Programms der Berliner Philharmoniker. In dieser Funktion entwickelte sie zahlreiche maßgebende musikpädagogische Projekte. »In den Education-Projekten haben wir uns oft mit dem Erfinden von Musik beschäftigt. Und es ist schon erstaunlich, wie junge Menschen, Jugendliche, in der Lage sind, sich um 180 Grad zu drehen. Wenn sie etwa das Gegenteil von einem Wohlklang hervorbringen sollen, können sie das genauso schön finden wie den Wohlklang selbst. Das ist diese Freiheit, ganz unvoreingenommen Klänge zu erfinden und zu hören, um die ich sie sogar ein wenig beneide.«

Ein Mann mit weißen Locken und einem schwarzen Hemd steht vor einer neutralen Wand. Sein Blick in die Kamera ist entspannt.

Sir Simon Rattle dirigiert die Uraufführung eines Werks von Cathy Milliken

Und immer wieder: Musik teilen

Für diese Tätigkeit bei den Berliner Philharmonikern – sie leitete das Education-Programm bis 2012 – war Cathy Milliken wie geschaffen, versteht sie doch Musik als einen offenen Prozess gemeinsamer Erfahrung und Komponieren als lebendigen Teil sozialer Wirklichkeit. »Als Komponistin genieße ich die Herausforderung, kollektiv etwas zu schaffen, gemeinsam musikalische Resultate zu erforschen. Es bedeutet auch, Urheberschaft zu teilen und demokratische Beziehungen zu ermöglichen, ebenso wie Freude daran zu haben, sich verschiedene Zugänge und neue Formate auszudenken.«

Ein schönes Beispiel dafür ist Night Shift von 2021, das auf William Shakespeares Sommernachtstraum basiert. Hier werden spielerisch das Publikum sowie ein Laienchor und ein Instrumentalensemble mit einbezogen, so die Komponistin: »Die Beteiligung des Publikums umfasst das Improvisieren mit Musikinstrumenten, den Gebrauch der Stimme und die theatralische Einflussnahme, auch kreative Schreibimpulse. Das Publikum wird mal mit dem Laienchor, mal mit den Musikerinnen und Musikern agieren und manchmal auch eine unabhängige Rolle spielen.«

In Earth Plays entführt Milliken das Publikum an magische Orte der Menschheitsgeschichte wie den sagenumwobenen isländischen Versammlungsort Thingvellir oder das Theater Epidauros im antiken Griechenland. »Das sind zwei ganz besondere Orte, an denen Menschen etwas in Gemeinschaft kreiert haben«, so die Komponistin. 

Konzert für Englischhorn »why feather yellow«

Jetzt hat Milliken, die seit vielen Jahren in Berlin lebt, ein vergleichsweise traditionelles Konzert für Englischhorn und Orchester geschrieben, im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker. Sir Simon Rattle wird am 17. September die Uraufführung dirigieren. Den Solopart in dem neuen Werk, das den poetischen Titel why feather yellow trägt, wird Dominik Wollenweber übernehmen, der sich auch deshalb auf das neue Stück freut, weil die Literatur für Englischhorn eher überschaubar ist: »Es gibt nur sehr wenige echte Solokonzerte für Englischhorn«, so Wollenweber. »Man kann da wirklich nicht aus dem Vollen schöpfen. Die guten Stücke sind alle in den letzten 30 Jahren geschrieben worden. Deswegen bin ich immer sehr daran interessiert, neue Stücke zu bekommen. Insofern war ich gleich begeistert von der Idee, von Cathy etwas komponiert zu bekommen. Sie hat sich in kürzester Zeit einen herausragenden Ruf als Komponistin erarbeitet.«

Persönlich kennengelernt haben sich Cathy Milliken und Dominik Wollenweber in ihrer Zeit als Leiterin des Education-Programms, so der Englischhornist: »Als herausragende Oboistin und Spezialistin für zeitgenössische Musik kenne ich Cathy schon sehr lange. In erster Linie verbindet uns, abgesehen von gegenseitiger Sympathie, unser gemeinsames Instrument.« Doch auch, was Milliken dem Englischhorn in diesem Konzert abverlangt, kommt Wollenweber sehr entgegen: »An ihrem neuen Stück schätze ich sehr die sinnliche und lyrische Komponente. Mein Instrument wird in seinen Stärken dargestellt, das Englischhorn ist ja immer auch ein melodisches Instrument. Das kommt in dem neuen Konzert sehr schön zur Geltung.«

 

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