Die Liste vielversprechender Komponist*innen, deren Schaffen durch einen vorzeitigen Tod ein jähes Ende fand, ist bedauerlich umfangreich. Dazu zählt auch Vítězslava Kaprálová, und auch bei ihr schmerzt die Vorstellung, was für großartige Musik auf ewig ungehört bleibt.
Wäre sie nicht 1940 im Alter von nur 25 Jahren im französischen Exil gestorben, hätte sie der tschechischen Musik im 20. Jahrhundert mit Sicherheit eine zentrale Stimme gegeben. Vítězslava Kaprálová war die große Hoffnungsträgerin in der Zwischenkriegszeit und wäre, neben und nach Bohuslav Martinů, vermutlich zur herausragenden Figur in der Musikwelt ihrer Heimat geworden. Geboren 1915 in einer musikliebenden Familie ‒ der Vater war Komponist, die Mutter Sängerin ‒ besuchte sie zunächst das Konservatorium in ihrer Heimatstadt Brünn, wechselte später nach Prag und studierte Komposition und Dirigieren bei Vítězslav Novák und Václav Talich, zwei der führenden Musikerpersönlichkeiten der damaligen Tschechoslowakei.
Als sie 1937 nach Paris ging, um ihre Ausbildung an der École normale de musique fortzusetzen, war sie Schülerin von Bohuslav Martinů und Charles Münch. Ihren ersten großen, auch internationalen Erfolg konnte sie mit der Military Sinfonietta verbuchen, für die sie mit dem Smetana-Preis ausgezeichnet wurde. Sie selbst dirigierte nicht nur die Uraufführung, sondern stellte das Werk 1938 auch beim Festival der Internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Musik in London vor. Nach der Annexion ihrer Heimat durch Nazi-Deutschland 1939 beschloss Kaprálová, in Frankreich zu bleiben (was sie ursprünglich nicht vorgehabt hatte). Im Jahr darauf heiratete sie den tschechoslowakischen Schriftsteller und Publizisten Jiři Mucha. Als die deutschen Truppen 1940 kurz vor Paris standen, evakuierte man die bereits Schwerkranke nach Montpellier, wo sie am 16. Juni nach längerer Krankheit verstarb.
Nach dem Krieg geriet ihr Schaffen, das etwa 50 Werke umfasst, zunächst in Vergessenheit, erlebte jedoch in den vergangenen dreißig Jahren eine Art Renaissance. Vítězslava Kaprálová war die erste Frau, die die Tschechische Philharmonie dirigierte. Zu ihren großen Bewunderern gehörte der Dirigent Rafael Kubelík, der immer wieder Werke von ihr auf seine Konzertprogramme setzte. 1948 wurde sie posthum in die Tschechische Akademie für Wissenschaft und Künste aufgenommen.
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