Gabriela Ortiz ist eine der wichtigsten Komponistinnen Lateinamerikas. Ihre Werke sind voll übersprudelnder Energie, ergreifend und von großer Klangschönheit. So auch die Ballettmusik Revolución diamantina, die Mitte Juni auf dem Programm der Berliner Philharmoniker steht. Es dirigiert Gustavo Dudamel.
2025 räumte die mexikanische Komponistin Gabriela Ortiz gleich drei Grammys ab – für ihr Ballett Revolución diamantina. Dieser spektakuläre Triple schob ihren Namen über Nacht ins internationale Rampenlicht. Schon seit Jahrzehnten gehört Gabriela Ortiz zu den prominentesten Stimmen lateinamerikanischer Musik. Aber erst seit wenigen Jahren ist die 61-Jährige ganz oben angekommen. Einer ihrer wichtigsten Türöffner war Gustavo Dudamel. Der Venezolaner programmiert Ortiz‘ Werke bei vielen Orchestern, zu denen er eingeladen wird. Und das Publikum nimmt es dankbar auf, denn ihre Musik ist energiegeladen und vital, farbig und mitreißend, ohne den Anspruch auf Vielschichtigkeit und Tiefe zu verlieren.
Bei den Berliner Philharmonikern dirigierte Dudamel bereits Ortiz‘ Téenek – Invenciones de Territorio (2023) und Kauyumari (2025). Nun hat er ihr Ballett Revolución diamantina mitgebracht. Das Thema ist ernst, denn es geht um Femizide. Ausgehend von einem Protestmarsch 2019 in Mexico City spiegelt sich der Mut der demonstrierenden Frauen in einer Partitur voll faszinierendem rhythmischem Drive und großer Klangsensibilität. Gegen das Fiesta-Mexicana-Klischee kämpft auch Gabriela Ortiz an. »Lateinamerikanische Musik ist ästhetisch gesehen enorm vielfältig«, sagt sie. Und sie lässt sich ganz gewiss nicht auf Sombrero tragende Mariachi begrenzen, wie man die »typischen« Folklorebands in Mexiko nennt.
Ortiz ist in Mexico-Stadt mit der Volksmusiktradition aufgewachsen: Ihre Eltern waren Mitglieder der populären Musikgruppe Los Folkloristas. Sie selbst begann mit neun Jahren Klavier zu spielen. »Mein Vater liebte auch Klassik, deshalb machte er mich mit den Werken von Mahler, Beethoven und Mozart vertraut. Ich hörte aber ebenso gerne Salsa und Mambo, die Beatles und die Rolling Stones.« Mit 13 Jahren entdeckte sie Béla Bartók für sich: »Das veränderte mein Leben völlig. Da beschloss ich, Komponistin zu werden.« Sie studierte in Paris und am Nationalen Musikkonservatorium in Mexico-Stadt. Ein Stipendium führte sie wieder nach Europa, wo sie sich mit der dortigen Avantgarde und elektronischer Musik auseinandersetzte. Aber Ortiz erkannte, dass dieser Weg nicht der ihre war. »Dieser Stil funktionierte für mich nicht. Ich bin ganz anders.« Zu einer Zeit, als man weder kulturelle Diversität noch Komponistinnen besonders beachtete, fiel Ortiz damit durch das Raster.
»Ich erinnere mich, als ich in Darmstadt war, kam ein Musiker zu mir und sagte herablassend: ›Oh, Sie kommen aus Mexiko – dann sind Sie also einer dieser mexikanischen Komponisten, die mit Melodie, Rhythmus und Harmonie arbeiten.‹ Und ich sagte: ›Ja. Ist das ein Problem?‹«
»Ich erinnere mich, als ich in Darmstadt war, kam ein Musiker zu mir und sagte herablassend: ›Oh, Sie kommen aus Mexiko – dann sind Sie also einer dieser mexikanischen Komponisten, die mit Melodie, Rhythmus und Harmonie arbeiten.‹ Und ich sagte: ›Ja. Ist das ein Problem?‹ Ich mag Musik. Und bei Musik geht es um Melodie, Rhythmus, Harmonie, Akkorde – nicht nur um Textur und Geräusche.« Ortiz blieb offen für reiche Anregungen. Als Lieblingskomponistinnen und Lieblingskomponisten nennt sie György Ligeti, Kaija Saariaho, Thomas Adès, John Adams, aber auch die lateinamerikanischen Granden Alberto Ginastera und Silvestre Revueltas.
Und einer ihrer größten musikalischen Helden ist der legendäre chilenische Folksänger Víctor Jara. Seine Protestsongs scheinen aufzuglühen, wenn Ortiz sich mit gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzt, wie in Revolución diamantina. Über das Stück gibt sie einige Gedanken mit: »Es ist ein Werk über kollektive Verantwortung, es betont die Idee, dass Wandel nicht nur einer Gruppe gehört – er gehört uns allen. Nur wenn wir gemeinsam voranschreiten, können wir uns einen Weg in die Zukunft vorstellen. Ich hoffe, das Publikum erlebt es nicht als distanzierte Erzählung, sondern als Einladung, gemeinsam zuzuhören, nachzudenken und zu fühlen.«
Das Energiebündel
Gustavo Dudamel – ein langjähriger Freund der Berliner Philharmoniker
Zu früh verstummt
Die Liste vielversprechender Komponist*innen, deren Schaffen durch einen vorzeitigen Tod ein jähes Ende fand, ist bedauerlich umfangreich. Dazu zählt auch Vítězslava Kaprálová, und auch bei ihr schmerzt die Vorstellung, was für großartige Musik auf ewig ungehört bleibt.
Nicht von dieser Welt
Das Schicksal hat es nicht gut mit Lili Boulanger gemeint. Mit 19 Jahren gewinnt sie als erste Frau den begehrten Kompositionspreis Prix de Rome – nur fünf Jahre später stirbt sie.