Von: Susanne Stähr
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»Giebt es für uns eine Fortdauer?« Gustav Mahler und der Tod

Eine geschwungene Treppe mit weißen Steinstufen und einem glatten Geländer schlängelt sich entlang einer großen, hellen Steinmauer in einem modernen, minimalistischen architektonischen Umfeld.

Gustav Mahler umkreiste den Tod sein Leben lang – und verwandelte ihn in Musik. Was andere verdrängen, hat er in seinen Kompositionen thematisiert: Verlust, Trauer, Vergänglichkeit und die Hoffnung auf ein Danach. Seine Symphonien sind noch heute aktuell, weil sie zeitlose, elementare Fragen stellen. 

»Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben«: Diese mittelalterliche Sentenz hatte für Gustav Mahler noch eine andere Wahrhaftigkeit als für uns heute. Mahler stammte aus einer Familie mit 14 Kindern – aber nur sechs von ihnen überlebten die ersten Jahre. Auch wenn man nicht immer die Todesursache kennt, fielen einige nachweislich einer Herzerkrankung zum Opfer. Möglicherweise handelte es sich um eine genetische Disposition, denn auch die Mutter, Marie Mahler, litt unter einem angeborenen Herzfehler.

Besonders hart traf den 14-jährigen Gustav im April 1875 der Tod seines zwei Jahre jüngeren Bruders Ernst, der an einer Herzbeutelentzündung starb. Gustav begleitete ihn aufopferungsvoll während seiner letzten Tage, saß am Bett, erzählte ihm Geschichten. Und er komponierte zu seinem Andenken die Oper Herzog Ernst von Schwaben, deren Titelheld mit dem Bruder den Namen teilt und ebenfalls im jugendlichen Alter das Zeitliche segnet. Leider ist die Partitur verschollen.

Mahler selbst sollte immerhin 50 Jahre alt werden, aber sein Leben war von Krankheiten überschattet. Regelmäßig wurde er von schweren Halsentzündungen befallen, mehrfach entwickelten sich Abszesse, die chirurgisch behandelt werden mussten. Auch litt er immer wieder unter Hämorrhoiden, die zu heftigen Darmblutungen führten. Ganz schlimm war es am 24. Februar 1901. An diesem Tag hatte Mahler ein Mammutpensum zu bewältigen, dirigierte zunächst eine Matinee der Wiener Philharmoniker mit der Fünften Symphonie Bruckners, und abends leitete er Mozarts Zauberflöte. Doch als er gegen Mitternacht nach Hause kam, setzte ein Darmblutsturz ein – so heftig, dass er verblutet wäre, hätte man nicht sofort einen Notarzt gerufen. Mahler kam ins Krankenhaus und musste sich einer Operation unterziehen. Er habe »an der Scheidewand zwischen Leben und Tod« gestanden, erklärte er später und fügte hinzu: »Beinahe unlieb war mir die Vorstellung, in’s Leben wieder zurückzukehren.«

»Was ist dieses Leben – und dieser Tod?«

Hegte Mahler etwa eine geheime Todessehnsucht? »Meine Musik ist gelebt«, behauptete er gerne, und dazu passt keine seiner Symphonien besser als die Erste. Sie erzählt die Geschichte eines verliebten jungen Mannes, der nach kurzem Glück von der Angebeteten verlassen wird, an der fühllosen Welt um ihn herum verzweifelt und schließlich in den Selbstmord flüchtet. Eigene unglückliche Liebeserfahrungen griff Mahler dabei auf, und auch wenn er nicht Hand an sich selbst legte, so könnte er doch mit dem Gedanken daran gespielt haben. Erhärtet wird dieser Verdacht durch den Kopfsatz der Zweiten Symphonie, die Totenfeier, mit der Mahler die Erste fortspinnt. Als er diesen Satz im Januar 1888 zu komponieren begann, hatte er gerade die Oper Die drei Pintos von Carl Maria von Weber zur Uraufführung gebracht. Sein Zimmer war voller Blumengebinde, die ihm nach der Premiere überreicht worden waren. Aber Mahler freute sich nicht daran – er sah sich stattdessen selbst »unter Kränzen und Blumen aufgebahrt tot liegen«. Und empfing genau dadurch die nötige Inspiration für sein Werk.

Andererseits unternahm Mahler alles, um seiner kränklichen Konstitution und somit auch dem Tod zu trotzen. Er war ein begeisterter Sportler, konnte schnell schwimmen und lang tauchen. Er ruderte beachtliche Strecken, wanderte tagelang ohne die geringste Ermüdung durch die Berge, unternahm exzessive Radtouren, legte in der Stadt fast alle Wege zu Fuß zurück, im Laufschritttempo. Mahler war nicht groß, schätzungsweise 1,60 m, doch war er kein spilleriges Männlein, sondern durchtrainiert, ohne jeden Bauchansatz. Der befreundete Bühnenbildner Alfred Roller attestierte ihm neidvoll »einen tadellosen, schönen kräftig-schlanken Manneskörper« und verglich ihn mit einem »fitten Rennpferd«. Vielleicht ermöglichte es erst das Training, dass Mahler sein immenses Arbeitspensum durchhielt: die Einstudierung und Leitung von Opernproduktionen in Leipzig, Budapest, Hamburg und Wien, oft mehr als hundert Vorstellungen pro Saison. Dazu der Verzicht auf Urlaub in der Sommerpause, die er dem Komponieren widmete.

Musik gegen die Endlichkeit

Zur Selbsttherapie gehörte auch, dass Mahler dem Gedanken an den Tod nicht auswich. Wobei ihn vor allem interessierte, was danach kommt. »Was ist dieses Leben – und dieser Tod? Giebt es für uns eine Fortdauer? Ist dies alles nur ein wüster Traum, oder hat dieses Leben und dieser Tod einen Sinn?«, notierte er zur Zweiten Symphonie. Die Idee für das Finale kam ihm am 29. März 1894 während der Trauerfeier für den großen Dirigenten Hans von Bülow, als in der Hamburger St. Michaelis-Kirche der Choral »Aufersteh’n!« erklang. »Wie ein Blitz traf mich dies und alles stand klar und deutlich vor meiner Seele!«, bekannte Mahler. Freilich dichtete er den Choral weiter und erfand sechs neue Strophen hinzu, die seine weltanschauliche Botschaft liefern. »Es ist kein Gericht – Es ist kein Sünder, kein Gerechter, kein Großer und kein Kleiner. – Es ist nicht Strafe und nicht Lohn! Ein allmächtiges Liebesgefühl durchleuchtet uns mit seligem Wissen und Sein.« 

Immer wieder hat Mahler ähnliche Gedanken in seinem Schaffen aufgegriffen: in der Dritten Symphonie, die im Finale die Liebe zur höchsten und ewigen Daseinsform erhebt. Oder in der Vierten, die zum krönenden Abschluss mittenmang im Paradies endet. Mahlers geradezu manische Beschäftigung mit dem Tod und dem Leben danach führte jedoch auch dazu, dass er quasi schreckliche Erlebnisse vorwegnahm, die ihn später einholen sollten. Zwischen 1901 und 1904 schrieb er fünf Kindertotenlieder nach Friedrich Rückert, der darin den Tod zweier seiner Kinder betrauerte. Nur wenig später widerfuhr dasselbe Unglück auch Mahler, als seine kleine Tochter Maria an Diphterie starb. Und mehr noch: Die drei Schicksalsschläge, die den Helden seiner Sechsten Symphonie von 1903/04 »fällen«, ereilten ihn selbst, als er 1907 nicht nur die Tochter, sondern auch seinen Job als Wiener Hofoperndirektor verlor und zu allem Überfluss die Diagnose seines todbringenden Herzleidens erhielt. 

»Daß ich sterben muß, habe ich schon vorher auch gewußt«, kommentierte Mahler lakonisch die Hiobsbotschaft. Und räumte zugleich ein, »daß ich nun am Ende eines Lebens als Anfänger wieder gehen und stehen lernen muß«. Es blieben ihm dafür knapp vier Jahre. Als Mahler im Februar 1911 wieder einmal an einer Angina erkrankte, stellte sich keine Erholung mehr ein. Die Infektion führte zu einer Herzinnenwandentzündung, und der konnten seine geschädigten Herzklappen nicht standhalten. Am 18. Mai 1911 starb er. Doch sein Werk ist heute populärer denn je. Mahler lebt fort: Er hat die Endlichkeit überwunden – sein Nachruhm ist stärker als der Tod.

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