Mahlers Musik ist ohne seine Liebe zur Literatur nicht denkbar. Diese diente ihm nicht bloß zur Bildung und Unterhaltung, sie war ihm Lebensnahrung und ein Spiegel seiner persönlichsten Erfahrungen. So prägten Bücher und Gedichte von Goethe bis Rückert auch sein kompositorisches Denken, wie nicht zuletzt seine Dritte Symphonie zeigt.
Gustav Mahler war ein berüchtigter Viel- und Allesleser. »Bücher ›fresse‹ ich immer mehr und mehr!«, schrieb er um die Jahreswende 1894/95 an seinen Jugendfreund Fritz Löhr. »Sie sind ja doch die einzigen Freunde, die ich mit mir führe! Und was für Freunde! Gott, wenn ich die nicht hätte!« Von antiken Denkern bis zu Brehms Tierleben, dessen 13 Bände er allesamt besaß, reichte die Palette seiner Lektüren. Eine rasante Lesegeschwindigkeit soll er dabei gehabt haben. Aber Mahler hat seine Bücher nicht nur »verschlungen« – er muss sie zugleich auch so sehr verinnerlicht haben, dass er Wesentliches im Kopf behielt und auswendig zitieren konnte. Das berichtete der Musikkritiker Ernst Décsey, der Mahler 1909 besuchte. Als er ihm in der Abenddämmerung aus Goethes Faust vorlas, sprach Mahler etliche Verse auswendig mit. Und Décsey hatte mit einem Mal den Eindruck, dass Mahlers Silhouette im Halbdunkel die Gestalt Goethes anzunehmen begann …
Von Kindheit an war das Lesen für Mahler ein tiefes Bedürfnis, und er litt darunter, dass die Eltern »meinen Appetit zu zügeln und mich sogar gänzlich von dieser für meinen Geist so notwendigen Nahrung abzubringen« versuchten. Als er mit 15 Jahren aus dem heimischen Iglau zum Studium nach Wien zog, gründete er dort bald mit einigen Freunden einen Literaturklub. Wie Robert Schumann soll auch Mahler zunächst zwischen einer musikalischen und einer literarischen Laufbahn geschwankt haben. Für seine ersten kompositorischen Versuche – die Märchenoper Rübezahl und die symphonische Kantate Das klagende Lied – schrieb er selbst die Textbücher. Und noch die berühmten Lieder eines fahrenden Gesellen von 1883/84 gründen größtenteils auf seinen eigenen Versen. Danach aber war Schluss mit Mahler, dem Dichter. »Ich muß nun einmal komponieren«, befand er und griff fortan nur noch mit ein paar Anpassungen in seine literarischen Vorlagen ein.
Wüsste man nicht, wer die Worte zu den Gesellen-Liedern verfasst hat, hätte man sie glatt für Volksdichtungen aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn halten können. Heiß und innig liebte Mahler diese scheinbar naiven Lieder und Gedichte, die Achim von Arnim und Clemens Brentano zwischen 1806 und 1808 veröffentlicht hatten. Sie schienen ihm eine ganze Welt von Gefühlen zu umspannen, stimmten Klage an oder weckten Hoffnung, brachten ihn zum Schmunzeln oder rührten ihn zu Tränen. Der 1860 geborene Mahler lebte in einer Zeit, die vom Fortschrittsdenken und der Industrialisierung geprägt war. Doch genau diese Entwicklungen wirkten auch bedrohlich und weckten die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Da erschienen die Wunderhorn-Gedichte als etwas Unverdorbenes und Reines, noch ganz Natur. Oder, wie Mahler es ausdrückte: »Lyrik aus erster Hand«.
Mit 24 Vertonungen fußt fast die Hälfe seines Liedschaffens auf Wunderhorn-Texten. Erst ab 1901 erwuchs ihnen Konkurrenz in Gestalt des fränkischen Lyrikers, Übersetzers und Orientalisten Friedrich Rückert, von dem Mahler neun Gedichte komponierte, darunter die erschütternden Kindertotenlieder. Darin betrauert Rückert den Tod zweier seiner Kinder – ein Schicksal, das auch Mahler ereilen sollte, als 1907 seine ältere Tochter Maria starb. Als er Rückerts Verse 1901 und 1904 in Musik setzte, konnte er das freilich noch nicht ahnen. Seine Frau Alma aber will damals gleich mit den Worten »Um Gottes willen, du malst den Teufel an die Wand!« reagiert haben. Vielleicht war es eine Selffulfilling Prophecy. Schließlich behauptete Mahler: »Meine Musik ist gelebte Musik«. Und gerade mit Rückert konnte er sich restlos identifizieren. »Das bin ich selbst«, soll er seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner mit Blick auf sein Rückert-Lied »Ich bin der Welt abhanden gekommen« gestanden haben.
Bei allem Respekt: Rückert ist kein Eichendorff, ist kein Heine. Als sich Mahler ihm zuwandte, galt er längst als veraltet, wenn nicht gar vergessen. Aber Mahler, der ohnehin einen eher konservativen literarischen Geschmack hatte, ließ sich von Moden nicht beeindrucken. Das zeigt auch sein Faible für Jean Paul, dessen Ruhm schon seit 1830 verblasste. Jean Pauls Siebenkäs sei Mahlers Lieblingsroman gewesen, berichtete sein Hamburger Assistent, der Dirigent Bruno Walter. Seine autobiografisch inspirierte Erste Symphonie wiederum wollte Mahler zeitweilig nach Jean Pauls Roman Titan benennen. Auch hier kommen sehr persönliche Bezüge ins Spiel: Wie für den Dichter waren für Mahler Humor, Naturliebe, Philosophie und Enthusiasmus zentrale Aspekte seiner Kunst. Und in beiden Werken geht es um Helden, die auch Niederlagen erleiden, also eigentlich Antititanen sind. Auch wenn sie sich wieder aufraffen und der Welt trotzen.
Am höchsten auf Mahlers literarischer Werteskala rangierte Johann Wolfgang von Goethe, vom Wilhelm Meister bis zu den Eckermann-Gesprächen, von den Briefen bis zu den Faust-Dramen. Kein Zufall, dass er die Schlussszene aus Faust II in seiner Achten Symphonie vertonte. Ähnlich hoch achtete Mahler sonst nur noch William Shakespeare, den er einmal als den »Größten aller Dichter und beinahe aller Menschen« bezeichnete. Auch der Russe Fjodor Dostojewski zählte zu Mahlers Lieblingen. Seinem Bewunderer Arnold Schönberg empfahl er: »Lassen Sie die jungen Leute, die bei Ihnen lernen, doch Dostojewski lesen – das ist wichtiger als der Kontrapunkt.« Weniger begeistert zeigte er sich von den Zeitgenossen. Henrik Ibsen? »Bloß die Analytik, die Negation, das Unfruchtbare«, fand Mahler. Und verbot seiner Frau Alma, Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray auch nur in die Hand zu nehmen.
Unter den Philosophen stand Mahler wohl Arthur Schopenhauer am nächsten. Zu Friedrich Nietzsche hatte er dagegen ein ambivalentes Verhältnis: Er schätzte ihn eher als Dichter denn als Denker. Den Zarathustra, den er im vierten Satz der Dritten Symphonie aufgreift, empfand er als »ganz aus dem Geiste der Musik geboren«; doch konnte er mit Nietzsches Nihilismus wenig anfangen und erst recht nichts mit der Idee des »Übermenschen«. Als er im Bücherregal seiner Verlobten Alma Schindler eine Nietzsche-Ausgabe entdeckte, riet er, sie doch einfach »in den offen brennenden Kamin« zu werfen. Dass er die Dritte Symphonie anfangs dennoch frei nach Nietzsche »Meine fröhliche Wissenschaft« nennen wollte, hatte wohl weniger mit dem Inhalt des Buches als mit dem Titel zu tun, der zu seinen Ideen gut passte. Das wahre literarische Vorbild zur Dritten findet sich dagegen bei Siegfried Lipiner. Dessen Gedicht Genesis umreißt genau denselben Stufenplan der Weltenschöpfung, den Mahler in seiner Symphonie umsetzte. Aber wer kennt heute schon noch Siegfried Lipiner?
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