Ludwig van Beethoven war für spätere Komponisten sowohl Inspiration als auch Herausforderung. Wie konnte man es auch nur wagen, sich an jemandem zu messen, der solch vollendete Symphonien, Streichquartette und Klaviersonaten hinterlassen hatte? Unsere Serie Berliner Philharmoniker Ensembles blickt auf ein ambivalentes Verhältnis von Vorbild und Nachfolgern.
»Wie der Franzose seine Revolution hat und der Engländer seine Schifffahrt, so hat der Deutsche seine Beethoven’schen Sinfonien.« Ob Beethoven als nationales Wahrzeichen heute noch taugen würde, sei dahingestellt – für Robert Schumann war die Sache 1839 klar. Mit seinen neun Symphonien, seinen Streichquartetten und Klaviersonaten hatte der in Bonn geborene und in Wien gereifte Komponist Werke geschaffen, die als das Nonplusultra der Kunst galten. Wie kein anderer verknüpfte und veredelte er gleich mehrere scheinbar gegensätzliche Qualitäten: bestechende musikalische Logik und unmittelbare Emotionalität, die vollendeten Proportionen der Klassik und die Hemmungslosigkeit der anbrechenden Romantik. Zugleich war er der erste Komponist, der nicht länger als angestellter livrierter Musik-Diener auftrat, sondern als selbstbewusster freier Künstler.
Dass er all dies nicht als musengeküsstes, schwereloses Wunderkind erreichte, sondern im andauernden titanenhaften Kampf gegen seine Taubheit und die Verständnislosigkeit seiner Umwelt, zementierte einen Mythos, der weit über seinen Tod 1827 hinauswirkte. »Zusammengefasster, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen«, musste auch Johann Wolfgang von Goethe zugeben, selbst heißer Anwärter auf den Rang als deutsche Identifikationsfigur. Nachgeborene Komponisten mussten, ob sie wollten oder nicht, eigene Wege finden, sich gegenüber dem übermächtigen Vorbild zu behaupten. Einige von ihnen versammeln Mitglieder der Berliner Philharmoniker aus Anlass von Beethovens 200. Todestag in der Serie Berliner Philharmoniker Ensembles.
Das größte Trauma löste Beethovens Erbe sicher bei Johannes Brahms aus. »Du hast ja keinen Begriff davon, wie unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört«, schrieb er entnervt einem befreundeten Dirigenten. Da wirkte es höchst kontraproduktiv, dass ihn erwähnter Schumann in einem legendären Zeitungsartikel faktisch zum Nachfolger Beethovens ausgerufen hatte. Unter dem Druck dieser Erwartungshaltung entwickelte Brahms eine regelrechte Neurose und ließ von all jenen Gattungen, in denen Beethoven die größten Errungenschaften erzielt hatte, erst einmal die Finger. Fast 15 Jahre laborierte er an seiner Ersten Symphonie. Und 20 fertige Streichquartette verfeuerte er nach eigener Aussage im Ofen, weil sie seiner strengen Selbstkritik nicht genügten. Erst mit 40 Jahren veröffentlichte er sein erstes Quartett op. 51, das das Philharmonische Streichquartett nun am 10. Februar 2027 spielt. Dafür erreichte dieses Werk denn auch eine Konzentriertheit und Reife, die ihresgleichen sucht.
Im selben Konzert erklingt auch ein Streichquartett-Fragment von Franz Schubert, der ebenfalls mit dem allzu großen Vorbild haderte: »Zuweilen glaube ich wohl selbst im Stillen, es könne etwas aus mir werden, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?« Allerdings suchte Schubert ohnehin nie die große Bühne – nur ein einziges Konzert gab er in seinem ganzen Leben –, sondern konzentrierte sich auf die intime Gattung des Kunstliedes, dem er sich mit Freunden im heimischen Salon widmete. Entsprechend ist auch seine Instrumentalmusik stärker von der Melodie her gedacht als bei Beethoven, der eher mit einzelnen Motiven hantierte wie mit einem Baukasten. Der direkte Vergleich wird zudem durch Schuberts frühen Tod erschwert. Sein letztes Quartett schrieb er mit gerade einmal 29 Jahren – in diesem Alter hatte sich Beethoven überhaupt erst an die Gattung herangewagt. Wer weiß, in welche Welten Schubert noch vorgestoßen wäre?
Wenig Berührungsängste kannte Felix Mendelssohn Bartholdy. Schon mit 18 Jahren legte er sein erstes offizielles Streichquartett vor, ausgerechnet in Beethovens Todesjahr. Zu hören ist es im ersten Konzert des Zyklus. Dass er dessen Quartette intensiv studiert hatte, insbesondere das legendäre Opus 132, verraten zahlreiche Parallelen und direkte Zitate. Mit der Schroffheit, die Beethovens Spätwerk auszeichnet, hat seine elegante Tonsprache freilich nichts gemein. Die Art und Weise, in der er Beethovens Einfluss nicht kopiert, sondern sich wirklich zu eigen macht, zeugt von frühreifer Meisterschaft – immerhin zitiert er nicht nur das Vorbild, sondern auch ein eigenes Lied.
Eine selbstverständliche Bezugsgröße und fortwährende Quelle der Inspiration war Beethovens übrigens auch für den Ungarn Béla Bartók, neben Schostakowitsch einer der beiden großen Streichquartett-Komponisten des 20. Jahrhunderts. Im letzten Konzert der Reihe erklingt sein Klaviertrio »Kontraste«, das den auch bei Beethoven üblichen Part des Cellos durch eine Klarinette ersetzt und so in andere, folkloristisch angehauchte Klangwelten vorstößt.
Wieder andere Wirkungen von Beethovens Erbe lassen sich im Konzert der Holzbläser am 6. Januar beobachten. Denn sein Oktett op. 103 ist eine der Gründungsurkunden der Bläser-Kammermusik. Zu seiner Zeit nannte man die Besetzung aus je zwei Oboen, Klarinetten, Fagotten und Hörnern »Harmoniemusik«. Adelige wie Beethovens Bonner Fürst-Erzbischof leisteten sich solche Ensembles als repräsentative Tafelmusik oder für Open-Air-Anlässe – in der Schweiz werden Militärkapellen bis heute so genannt. Beethovens Verdienst war es, das kompositorische Potenzial der Gattung über die Gebrauchsmusik hinaus auszureizen und sie damit nachhaltig als veritables Konzertgenre zu etablieren.
Fazit: So strapaziös es für Komponisten auch war, sich Beethovens Erbe zu stellen – die Musikgeschichte wäre unendlich ärmer nicht nur ohne seine Werke, sondern auch ohne die durch ihn aufgelegte künstlerische Messlatte, die spätere Generationen zu Höchstleistungen anspornte.
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