Von: Clemens Matuschek
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Moderner wird’s nichtWas uns Ludwig van Beethoven heute noch zu sagen hat

Schwarz-Weiß-Illustration eines Mannes mit lockigem Haar, der einen eleganten Mantel, einen Schal und eine Krawatte trägt und mit ernstem Gesichtsausdruck leicht zur Seite blickt. Der Hintergrund ist einfarbig.
Ludwig van Beethoven; 1877 | Bild: Wien Museum, CC0

Ludwig van Beethoven war nicht nur musikalisch ein Revolutionär, sondern auch gesellschaftlich ein Vordenker: unabhängig, nahezu antiautoritär und zutiefst humanistisch. Seine kompromisslose Haltung im Leben und in der Musik sowie sein Glaube an Freiheit und Selbstbestimmung machen ihn bis heute zu einer hochaktuellen Figur.

Im Sommer 1812 wurde der böhmische Kurort Teplitz, gelegen auf halber Strecke zwischen Dresden und Prag, zum Schauplatz eines denkwürdigen Gigantentreffens: Johann Wolfgang von Goethe und Ludwig van Beethoven, zwei lebende Legenden, lernten sich endlich persönlich kennen. Mehrfach spielte Beethoven dem Dichter am Klavier vor, der daraufhin »in Erstaunen gesetzt war«, aber auch die »ungebändigte Persönlichkeit« des Komponisten bemerkte. Keine Erwähnung findet in Goethes Aufzeichnungen hingegen eine Anekdote, die Bettina von Arnim überlieferte: Als den beiden beim Spaziergang die Kaiserin Maria Ludovika von Österreich mit ihrem Hofstaat entgegenkam, trat Goethe zur Seite, zog den Hut und verneigte sich, während Beethoven die Arme verschränkte und die adlige Gesellschaft quasi beiseiterempelte. »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und achte«, ließ der Komponist Goethe anschließend wissen, »aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan«.

Belegen lässt sich diese Geschichte nicht – im Gegenteil: Offenbar fälschte Bettina von Arnim sogar eigens Briefe von Beethoven, um ihre Story zu untermauern. Zur besten Freundin der beiden Geistesgrößen stilisierte sie sich wohlweislich auch erst nach deren Ableben. Unabhängig davon verdeutlicht diese Episode aber zweierlei. Zum einen den Kontrast der Künstlertypen: Hier der formvollendete Hofdichter, dort der Rebell, von dem es kein Porträt mit gepuderter Perücke gibt. Zum anderen die Tatsache, dass solche Klischees gezielt konstruiert und kultiviert wurden.

Eine kompromisslose Haltung

Natürlich war Beethoven selbst an dieser marketingwirksamen Imagepflege nicht ganz unschuldig. Hinter seiner rauen Fassade stand aber tatsächlich eine kompromisslose künstlerische und gesellschaftspolitische Haltung, die auf seine Zeitgenossen ungeheuerlich gewirkt haben muss. Noch heute, 200 Jahre nach seinem Tod, wirkt er damit so modern und aktuell wie kaum ein anderer Komponist – ganz zu schweigen von seinen bahnbrechenden musikalischen Neuerungen.

Neben der Goethe-Begegnung gibt es zahlreiche andere (belegte) Anekdoten, die Beethovens republikanische, ja fast antiautoritäre Überzeugungen untermauern. »Für solche Schweine spiele ich nicht!« grollte er, als ein junger Graf im Publikum ausdauernd mit einer Dame flirtete, anstatt sich auf die Musik zu konzentrieren, wie wir es heute erwarten – und wie es Beethoven schon damals erwartete. Einem anderen schrieb er: »Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Was ich bin, bin ich durch mich! Fürsten wird es noch Tausende geben, Beethoven gibt es nur einen.« (Sein eigener Name enthält übrigens kein Adelsprädikat, sondern bedeutet auf Niederländisch »von den Rübenhöfen«.) Und die ursprünglich Napoleon zugedachte Widmung der »Eroica«-Symphonie zog er abrupt zurück, als dieser sich selbst zum Kaiser krönte und damit die Ideale der Französischen Revolution verriet. Auf der Titelseite kratzte Beethoven den Namen »Bonaparte« so heftig aus, dass er das Papier durchscheuerte.

Vollender der klassischen Musik

Zugleich scheint in dieser Episode eine Geschäftstüchtigkeit auf, die Beethoven ebenfalls sehr heutig wirken lässt; jedenfalls nicht wie einen livrierten Musikdiener, als der sich sein Lehrer Haydn noch ganz unkritisch verstand. Denn eigentlich hatte er sich mit der »Eroica« als Hofkomponist in Paris bewerben wollen. Als sich diese Aussicht zerschlug, machte die Widmung an Napoleon keinen Sinn mehr – und Beethoven änderte flugs das Cover, um vom neuen Widmungsträger, dem Grafen Lobkowitz, nochmals eine Stange Geld zu kassieren. Im Gegensatz zu Mozart, der als freier Komponist und Opernunternehmer immer am Rande der Pleite operierte, gelang es Beethoven dank solcher Schachzüge, wohlwollender Mäzene und der Kaufkraft des erstarkenden Bürgertums als unabhängiger Künstler sein Leben zu finanzieren.

Ob sich in Beethovens Musik selbst demokratische Aspekte finden, darüber lässt sich diskutieren. Mit Symphonie und Streichquartett bevorzugte er jedenfalls Gattungen, die auf gleichberechtigtes Teamwork ausgerichtet sind und die er auch so ausgestaltete. Das stumpfe Rezept »Melodie plus Begleitung« findet man darin selten. Auch sind seine Solokonzerte keine typischen Showstücke für Virtuosen wie die etlicher Zeitgenossen. Deren »Hohlheit« persiflierte er einmal, indem er ein Notenblatt eines Kollegen verkehrt herum aufs Klavier stellte und darüber improvisierte.

Vor allem aber gilt Beethoven im besten Sinne als Vollender der klassischen Musik überhaupt, die bei ihm so nah am Menschen ist wie selten vor oder nach ihm. Seine Art, Werke wie etwa die Fünfte Symphonie aus kleinsten Motivbausteinen zu entwickeln und so inneren Zusammenhalt zu stiften, ist ebenso bestechend wie instinktiv nachvollziehbar.

Kein leuchtendes Genie, sondern Arbeiter und Kämpfer

Seine Kompositionen entfalten eine unmittelbare emotionale Wirkung und stießen damit das Tor zur Romantik weit auf – man denke nur an die berühmte »Mondscheinsonate«. Zugleich hob Beethoven die Musik als Kunstform auf ein komplett neues Level. Bis dahin diente sie der Ehre Gottes oder des Königs, erklang zum Tanz oder zum Essen. Nun erklärte sie sich unabhängig und etablierte sich als künstlerischer Selbstzweck. Kein anderer Komponist übte auf folgende Generationen je eine größere Wirkung aus. »Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört«, stöhnte etwa Johannes Brahms über Beethoven.

Die Bewunderung ist umso größer, wenn man sich vor Augen führt, unter welch widrigen Umständen Beethoven agierte. Dass ein ertaubter Mensch Musik zu Papier bringen kann, ist bis heute ein Wunder. Dass er dabei aber nicht als himmlisch leuchtendes Genie erscheint, sondern als Arbeiter und Kämpfer, macht ihn wieder nahbar. Wie sein erschütterndes »Heiligenstädter Testament« offenbart – ein Brief, den er an seinen Bruder schrieb, aber nie abschickte –, trug er sich zwischenzeitlich mit Suizidgedanken, entschied sich aber dann dafür, »dem Schicksal in den Rachen zu greifen«. Man kann nur den Hut ziehen und davon lernen, egal ob es um eine Erkrankung geht oder um die nächste Mathearbeit.

»Wem meine Musik sich verständlich macht, der wird frei von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen«, erklärte Beethoven einmal, »allein Freiheit ist in der Kunstwelt wie der ganzen großen Schöpfung Zweck.« Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit blieben zeitlebens seine Vision. Eine seiner Lieblingsfiguren aus der griechischen Mythologie war der Halbgott Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und sie so zu mündigen Geschöpfen machte. Symptomatisch, dass seine Neunte Symphonie – die erste überhaupt, die die menschliche Stimme einbezieht – nicht das Lob einer höheren Autorität besingt, sondern das der Freude, einer urmenschlichen Emotion. Humanere Musik als die von Ludwig van Beethoven ist wohl nie geschrieben worden. Modernere – vor dem Hintergrund ihrer Zeit – auch nicht.

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