Die Erzählung von Ludwig van Beethoven als gleichsam mürrischer wie aufbrausender Dickschädel und schwerhöriges Genie ist bis heute überliefert. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere zeigt Beethoven als treffenden Analysten, der mit Ironie seine Zeitgenossen charakterisierte. Sein hintergründiger Humor zeigt sich auch in vielen seiner musikalischen Werke.
Titanisch, heroisch, dämonisch: so wollte das 19. Jahrhundert seinen Beethoven haben. Was nicht in dieses Bild passte, schob der bürgerliche Geniekult als irrelevante Caprice beiseite. Humor erklärte man zum Privileg Haydns, dem im Gegenzug alles Titanische abgesprochen wurde. Mozart erhielt die Rolle des Götterjünglings – eine Mixtur aus Irrtümern und Halbwahrheiten, aber bestens geeignet, um ideologisch in Stein gemeißelt zu werden. Nur wenige Zeitgenossen erkannten Beethovens humoristische Begabung.
So schrieb Robert Schumann 1835, nachdem er das Klavierstück Die Wut über den verlorenen Groschenentdeckt hatte: »Etwas Lustigeres gibt es schwerlich, als diese Schnurre. Hab’ ich doch in einem Zug lachen müssen, als ich’s neulich zum ersten Mal spielte« – und setze sogleich hinzu: »Aber hab’ ich euch endlich einmal, Beethovener! […] Ihr werdet’s gemein, eines Beethovens nicht würdig finden, eben wie die Melodie zu »Freude schöner Götterfunken« in der D-moll-Symphonie, ihr werdet’s verstecken weit, weit unter die Eroika!«
Und so kam es zunächst auch. Auf die Dauer jedoch weckten die geistvollen und derben Späße in seinen Werken ein gewisses Misstrauen hinsichtlich der weit verbreiteten Klischees. War Beethoven tatsächlich nur der große Pantheist und Freiheitsapostel? Nein, seine Zoten und Zornesausbrüche ließen sich nicht mehr vollständig verstecken, noch weniger seine hämischen Kommentare über Kritiker, Kopisten und Kanzlisten – vor seinem Spott waren alle Menschen Brüder, also gleich.
Da Beethoven keinen ordentlichen Hausstand führte und Haushälterinnen, die sich seiner Tyrannei nicht unterwerfen wollten, für Todfeinde hielt, musste er auf die Kochkünste von Wirtshäusern zurückgreifen. Dahin zogen ihn auch der Wein und die Geselligkeit. In »aufgeknöpfter« Stimmung, wie er das nannte, nahm er sich Freunde und Kollegen und am liebsten Kellner vor. Es spielten sich Szenen unfreiwilliger Komik ab, die eines Hans Moser würdig gewesen wären. Ob Zum Schwarzen Kameel oder Weißer Schwan oder Goldener Ochse, kaum ein Etablissement entging seinen Vernichtungsurteilen. Aber auch gegenüber Vertrauten schlug er mit gedrechselten Wortspielen, mit sarkastischen und ironischen Bemerkungen nicht selten erbarmungslos zu, Geschäftspartnern erging es nicht besser.
So musste sich 1794 der Verleger Nikolaus Simrock durchaus unhöfliche Zeilen gefallen lassen: »Ich versprach ihnen im vorgen Briefe etwas von mir zu schicken, und sie legten das als Cavalier Sprache aus, woher hab ich denn dieses praedikat verdient? – Pfui, wer würde in unsern demokratischen Zeiten noch so eine Sprache annehmen.« Den ungarischen Beamten Zmeskall von Domanovecz, der sich gern als Baron ausgab, erwischte es noch härter. Beethoven sandte ihm, das Duett mit zwei obligaten Augengläsern betreffend, folgende Epistel: »Liebster Baron Dreckfahrer, je vous suis bien obligé pour votre faiblesse de vos yeux [Ich bin ihnen sehr dankbar für Ihre schwachen Augen] – übrigens verbitte ich mir in’s künftige mir meinen frohen Muth, den ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch ihr Zmeskal-domanovezisches geschwäz bin ich ganz traurig geworden, hol sie der Teufel, ich mag nichts von ihrer ganzen Moral wissen.« Glücklicherweise war der »Baron« einer von Beethovens treusten Freunden und derartige Ausfälle gewöhnt.
Gewöhnen mussten sich Freunde und Bekannte auch an sein Finanzgebaren. Hier zeigte sich, dass Beethoven nicht nur die Grobheit ausgezeichnet gelang, sondern auch der hohe diplomatische Ton, selbstverständlich ironisch verdreht. Ihn setzte er vorzugsweise dann ein, wenn es galt, Gläubiger zu be(un)ruhigen – unübertroffen in seinem Grußwort an den Verlagsmitarbeiter Tobias Haslinger: »Ihr seht meine Besorgniß für euer SeelenHeil, u. ich verbleibe allzeit mit gröstem Vergnügen von Ewigkeit zu Ewigkeit Euer treuester Schuldner.« Beethoven war mit der Rückzahlung eines Kredits über 1200 Gulden im Verzug und sandte dem Verlag zum Trost einen dreistimmigen Kanon auf die Zeile: ›O Tobias, O Tobias, Dominus Haaaaaslinger, O!‹ Mehrmals hat Beethoven, meist eigene vergnügliche Texte, als Scherzkanons vertont. Darunter finden sich solch neckische Stücke wie Esel aller Esel und Ich bitt’ dich, schreib’ mir die Es Scala auf; auch nicht schlecht der Musikalische Scherz Graf, Graf, Graf, in dem – vom ersten Herausgeber geflissentlich übersehen – das Wort Graf gestrichen und durch Schaf ersetzt ist. Naheliegend, dass ihn auch Texte fremder Feder wie das Flohlied aus dem Faust unwiderstehlich anzogen.
Beethovens Humor hat unvermeidlich auch seine größeren Werke mitgeprägt. Witzig wirkende, verblüffende Wendungen sind ein Merkmal seines Personalstils, und das schon in den frühen Werken wie der Klaviersonate F-Dur op. 10 Nr. 2: ihr Presto-Finale enthält die meisten Staccati der Musikgeschichte, spitz abgehackt zu spielende Töne, die hier das Genrebild eines Bauerntanzes ad absurdum führen. In den Diabelli-Variationen op. 120, seinem letzten großen Klavierwerk sind Verfälschung und Irritation gleichsam zum Prinzip erhoben, Diabellis Walzerthema wird höchst kunstvoll zerstört. Hans von Bülow entdeckte in diesen 33 Variationen »alle Evolutionen des musikalischen Denkens und der Klangfantasie – vom erhabensten Tiefsinn bis zum verwegensten Humor – in unvergleichbar reichster Mannigfaltigkeit.«
Wer nach konkreten Zeugnissen sucht, macht es sich allerdings zu leicht. Gewiss, Die Wut über den verlorenen Groschen lässt das Klimpern der Münzen auf der Gasse hörbar werden und in der Achten Symphonie tickt deutlich vernehmbar das Metronom. Da Humor aber zum integralen Bestandteil der beethovenʼschen Tonsprache gehört, ist er auch in naturmystischen und pathetischen Werken wirksam. Es geht nicht nur um Jux und Dollerei. Viel einträglicher ist es, jenem Humor oder jener göttlichen Ironie nachzuspüren, von der die Romantiker sprachen. Sie erlaubte es Beethoven, in seinem späten Streichquartett a-Moll op. 132 gänzlich disparate Welten nebeneinander zu stellen: eine schmerzerfüllte, meditative Fuge im ersten Satz, einen Ländler und eine Musette als Dudelsackbegleitung im zweiten, einen in alter Kirchentonart geschriebenen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit als dritten, die Parodie eines Marsches als vierten Satz und schließlich ein Finale, das jeden sanglichen Ansatz erbarmungslos unterminiert und dabei die kompositorische Struktur selbst aus den Angeln zu heben droht.
Zahlreiche Tragödien und Beschwernisse machten Beethoven zum Misanthropen, doch konnten sie seine Liebe zu Scherz, Satire und Ironie nicht töten. Davon kündet noch sein letzter Satz, den er am 24. März 1827 auf dem Sterbebett gesagt haben soll: »Plaudite amici, comoedia finita est« – ›Applaudiert, Freunde, die Komödie ist zu Ende‹…
Beethoven 200
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