Optimistisch und vorwärtsdrängend gibt sich Beethovens Zweite Symphonie – obwohl sie zur Zeit einer existenziellen Krise entstand. Der Komponist musste sich damals den unaufhaltsamen Verlust seines Gehörs eingestehen: ein Drama, das sein ganzes weiteres Leben überschatten sollte.
1792, im Alter von 22 Jahren verließ Beethoven seine Geburtsstadt Bonn und ging für den Rest seines Lebens nach Wien. Bald fühlte sich der junge Künstler in der Habsburger-Metropole heimisch und plante, sich von hier aus als selbständiger Musiker zu behaupten. Das war ein Wagnis. Kaum zwei Jahre nach dem Umzug stand er ohne festes Gehalt da, denn der kurfürstliche Hof zu Bonn, bei dem er angestellt gewesen war, stellte seine Zahlungen ein. Fürst Lichnowsky förderte Beethoven von Anbeginn und beherbergte ihn zeitweise, doch erst von 1809 an erhielt er von einem hochadligen Unterstützertriumvirat (Erzherzog Rudolph, Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky) eine jährliche Pension.
Beethoven wollte seine Künstlerexistenz auf zwei Säulen aufbauen: als freischaffender Komponist und als reisender Klaviervirtuose. Aber um die Jahrhundertwende bemerkte er erste Anzeichen einer nahenden Katastrophe, die diese Pläne zunichtezumachen drohte. Im Sommer 1801 teilte Beethoven zwei engen Freunden mit, womit er zu kämpfen hatte – er verlor sein Gehör. Nicht nur dass er bestimmte Töne nicht mehr wahrnahm, ihn plagte ein ständiges »Sausen und Brausen Tag und Nacht«, und besonders laute Geräusche bereiteten ihm körperliche Schmerzen. Schwerhörig sein – für einen Musiker undenkbar: »Seit 2 Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil’s mir nun nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub«.
Wann und wie genau das Übel begonnen hat, ist unbekannt; zumindest anfangs haben selbst Weggefährten wie der Schüler und Kollege Carl Czerny und der Dirigent Ignaz von Seyfried nichts von der Beeinträchtigung bemerkt. Einem seiner Freunde erklärte Beethoven, sein »Gehör sei seit drei Jahren immer schwächer geworden«, besonders auf dem linken Ohr. Die Obduktion konnte die Ursachen nicht vollständig klären; schuld war aber wohl eine Nervenatrophie, also der Schwund beziehungsweise das Absterben der Gehörnerven.
Zuerst versuchte Beethoven, sein Leiden vor der Mitwelt zu verbergen; nur Auserwählte wurden eingeweiht. Sein Schüler Ferdinand Ries schildert aus der Zeit um 1802, als Beethoven seine Zweite Symphonie beendete: »Die beginnende Harthörigkeit war für ihn eine so empfindliche Sache, dass man sehr behutsam sein musste, ihn durch lauteres Sprechen diesen Mangel nicht fühlen zu lassen. Hatte er etwas nicht verstanden, so schob er es gewöhnlich auf seine Zerstreutheit, die ihm allerdings in höherem Grade zu eigen war.« Auf Beethovens Komponieren schien sich der Hörverlust zunächst weniger auszuwirken; auf die Virtuosenkarriere musste er allerdings verzichten.
Selbst ein Jahrzehnt danach hielt Johann Wolfgang von Goethe fest, dass den Komponisten »sein Gehör verlässt, was vielleicht dem musikalischen Teil seines Wesens weniger als dem geselligen schadet«. Erst viel später, in den Werken der letzten Jahre, lassen sich klangliche Härten und Rücksichtslosigkeiten bei der Stimmführung ausmachen. Sie einzig aufs Nicht-mehr-hören-Können zurückzuführen griffe zu kurz. Denn schon nach 1800 wollte Beethoven ohnehin einen »anderen Weg« einschlagen, weil er mit seinen bisherigen Werken »nur wenig zufrieden« gewesen sei, wie Czerny überliefert; mit den Klaviersonaten op. 31, die etwa parallel zur Zweiten Symphonie entstanden, sei »die teilweise Erfüllung dieses Entschlusses« zu erkennen.
Als Beethoven die Partitur der Zweiten Symphonie beendete, brachte er fast gleichzeitig das sogenannte »Heiligenstädter Testament« zu Papier, jenes erschütternde, zwischen Verzweiflung und Aufbäumen schwankende Dokument, in dem er seine Lebenssituation schonungslos schilderte. Ohne wie in den zitierten Bekenntnisbriefen auf unmittelbare Adressaten Rücksicht nehmen zu müssen, gesteht er hier sogar ein, mit dem Gedanken an Freitod gespielt zu haben: »welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte«.
Hier kündigt sich eine neue Lebensdevise an – die Überwindung äußerer Misshelligkeiten im Dienste der vorbestimmten Aufgabe als Künstler. Im Tagebuch formuliert er ein Jahrzehnt später die Maxime so: »Ergebenheit, innigste Ergebenheit in dein Schicksal! Nur diese kann dir die Opfer zu dem Dienstgeschäft geben.«
Die Erkrankung schritt indessen fort; mal ging es besser, mal schlechter, aber insgesamt bergab. Lästige Kuren linderten die Beschwerden kurzzeitig. 1804 konnte Beethoven bei einer Probe die Blasinstrumente nicht mehr hören, 1813 ließ er sich von Johann Nepomuk Mälzel (dem Erfinder des Metronoms) ein Hörrohr anfertigen und von Johann Andreas Streicher Trichteraufsätze fürs Klavier. Um 1817 wurde laut Czerny Beethovens Taubheit »so stark, dass er auch die Musik nicht mehr vernehmen« konnte, 1818 begann er, mit Besuchern in den berühmten Konversationsheften schriftlich zu kommunizieren. Spätestens 1824 hatte er sein Gehör vollständig verloren. Als nach der Uraufführung seiner Neunten Symphonie der Applaus aufbrandete, drehte ihn die Solo-Altistin Caroline Unger zum Publikum um, damit er dessen Begeisterung wenigstens sehen konnte.
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