Von: Bjørn Woll
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Die Kraft der Stille Mirga Gražinytė-Tyla im Porträt

Eine Frau mit langen Haaren dirigiert ein Orchester, hält einen Taktstock in einer Hand und hebt die andere Hand. Sie trägt ein ärmelloses schwarzes Oberteil vor einem dunklen Hintergrund.
Mirga Gražinytė-Tyla | Bild: Ealovega Benjamin

Mirga Gražinytė-Tyla schrieb bereits Geschichte, als sie mit 29 Jahren als Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra in die Fußstapfen berühmter Vorgänger wie Sir Simon Rattle, Sakari Oramo und Andris Nelsons trat. Für ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern hat die litauische Dirigentin nun ein außergewöhnliches Programm mit Werken von Mieczysław Weinberg, Sergej Prokofjew und Filmmusiklegende John Williams zusammengestellt. Eine Begegnung.

Pünktlich auf den Glockenschlag erscheint Mirga Gražinytė-Tyla zum Online-Interview. Ohne gutes Zeitmanagement geht nichts bei der litauischen Dirigentin und Mutter von drei Kindern. In Salzburg, wo die Familie wohnt, hat sie gerade ihren Sohn in die Schule gebracht und die erste Stunde gemeinsam mit der 1. Klasse gesungen. »Ich war sogar ein bisschen aufgeregt«, berichtet sie lachend. »Man weiß ja nie, auf wen man da trifft und wie das laufen wird.« Genauso ließe sich das wohl über ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern sagen, wobei Aufregung für Mirga Gražinytė-Tyla »viel mit Freude zu tun hat, mit der Mobilisation von Kräften«.

Im April ist es so weit, dann steht sie zum ersten Mal am Pult der Philharmoniker, im »göttlichen Olymp«, wie sie sagt. Zum Vorbild nimmt sie die Ära Abbado, »mit diesem Ideal, möglichst weg von Autorität hin Richtung Augenhöhe«. So möchte sie selbst den Musikerinnen und Musikern nämlich gerne begegnen, mit Offenheit und Vertrauen. »Bernstein hat einmal gesagt: ‚Vor jeder einzelnen Probe muss ich sie neu gewinnen‘ – und genauso ist es!« Am besten gelingt ihr das mit einer guten Vorbereitung: »Je profunder man selbst in der Materie steckt, desto leichter findet man den richtigen Schlüssel für den Zauber der Musik.«

Am Pult verströmt die Dirigentin eine vibrierende Energie und Intensität und ihre Verbindung zu den Musikerinnen und Musikern ist fast physisch greifbar. Als Gesprächspartnerin strahlt sie angenehme Ruhe und fast heitere Gelassenheit aus. Sie nimmt sich Zeit, macht Pausen, denkt nach, um dann umso präziser zu formulieren. Der Namenszusatz »Tyla«, den sie sich selbst zugelegt hat, passt da wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, denn er bedeutet so viel wie Stille, Ruhe oder Schweigen. Auch ihren Karriereweg ist sie mit Bedacht und klaren Vorstellungen gegangen, 2016 startete sie dann richtig durch, da wurde sie Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra, als Nachfolgerin von Andris Nelsons und Sir Simon Rattle.

Eine Person mit schulterlangem Haar sitzt an einem Holztisch und stützt den Kopf auf die Hand. Sie trägt ein schwarzes Langarmshirt und blickt mit neutralem Gesichtsausdruck vor einem schlichten weißen Hintergrund in die Kamera.

Mirga Gražinytė-Tyla debütiert mit Prokofjews »Romeo und Julia«

Tiefe Liebe zur Musik Mieczysław Weinbergs

Als sie wenige Jahre später vom Label Deutsche Grammophon unter Vertrag genommen wurde, entschied Mirga Gražinytė-Tyla selbstbewusst, für ihr Debütalbum Musik von Mieczysław Weinberg einzuspielen, anstatt auf populäre Klassiker zu setzen. Sie selbst spricht von einer tiefen Liebe zur Musik des polnischen Komponisten, dessen Eltern und Schwester von den Nazis ermordet wurden. Das Grauen der Konzentrationslager hat er in Werken wie seiner 13. Symphonie oder der Oper Die Passagierin verarbeitet.

Zum ersten Mal begegnet ist sie der Musik von Weinberg als Kind, nach dem »Wunder der litauischen Unabhängigkeit« und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Damals liefen Zeichentrickfilme im Fernsehen, für die Weinberg die Musik komponiert hatte. Und die sei wiederum verwandt mit der Welt von Burattino und das goldene Schlüsselchen, einem Ballett, in dem es um den russischen Pinocchio geht. Mirga Gražinytė-Tyla schwärmt von dieser »Charaktermusik von großer Feinheit und Tiefe, unglaublich geistreich, spritzig, virtuos, farbig und mit viel Verwandtschaft zu Prokofjew«. Filmmusik sei ohnehin das verbindende Element ihres Debütprogramms mit den Berliner Philharmonikern, denn alle drei Komponisten haben auch für den Film geschrieben.

Das Klavierkonzert des mehrfachen Oscar-Gewinners John Williams wurde im Juli 2025 in Tanglewood aufgeführt, mit Andris Nelsons am Pult und dem Widmungsträger Emanuel Ax als Solisten. Mirga Gražinytė-Tyla dirigiert es in Berlin nun zum ersten Mal, Emanuel Ax ist wieder dabei. Just nach diesem Gespräch gehe sie die gedruckte Partitur abholen, erzählt sie: »In digitaler Form habe ich sie schon länger, aber mir ist das Haptische wichtig, um richtig eintauchen zu können.« Ein ganz normaler Tag also im Leben von Mirga Gražinytė-Tyla, zwischen Schulbesuchen, Partiturstudium und Konzertbühne. Und wenn sie ihre Akkus einmal laden muss, dann tut sie das am liebsten in der Natur ihrer Heimat: »Die Wälder in Litauen sind eine unglaubliche Quelle der Kraft und Inspiration. Es ist zwar verdammt schwer, die lange Dunkelheit im Winter auszuhalten, dafür pulsiert im Sommer das Licht fast ewig mit einer enormen Vitalität und Energie.«

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