Von: Martin Demmler
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Italiens Klangregisseur Ottorino Respighi im Porträt

Ein Schwarz-Weiß-Porträt eines Mannes im Anzug, der auf einem Stuhl sitzt, den Arm darauf abgestützt, und nach links blickt. Das Bild ist leicht unscharf und in der linken unteren Ecke signiert.
Ottorino Respighi, 1934 | Bild: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Er war ein stiller Beobachter mit dem Gehör eines Malers: Ottorino Respighi liebte es, Alltägliches – spielende Kinder in einem Park, das Plätschern eines Brunnens, den Gesang der Vögel – in Klang zu verwandeln. Seine Art und Weise Klangtableaus zu schaffen, sollte spätere Filmmusikgrößen wie John Williams und Hans Zimmer beeinflussen. Mit seiner Rom-Trilogie schuf er einen der erfolgreichsten Instrumentalzyklen des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Porträt

»Zwischen den Pinien der Villa Borghese spielen Kinder. Sie tanzen Ringelreihen, inszenieren Paraden und Kämpfe und berauschen sich an ihrem Geschrei wie Schwalben am Abend; dann laufen sie davon. Unvermittelt wechselt die Szene ...« 

So überschrieb Ottorino Respighi in einer poetischen Partiturnotiz den Inhalt des ersten Satzes seiner Pini di Roma. Diese kurze Beschreibung ist typisch für diesen Komponisten, der zu seiner Zeit in Italien als erfolgreichster Schöpfer von Orchesterwerken seit Antonio Vivaldi galt. Typisch insofern, als dass Respighi sich in seiner Musik nicht auf literarische Vorlagen bezog, also eine Handlung musikalisch nacherzählte, sondern einzelne Tableaus und Szenarien klanglich umsetzte. Bilder, Szenen, Impressionen – dass sich hier Parallelen zum damals noch jungen Medium Film aufzeigen lassen, ist sicher kein Zufall. Denn Respighi komponierte in der Tat geradezu kinematografisch: Seine berühmten programmatischen Tondichtungen Fontane di Roma und Pini di Roma beschreiben äußerst bildhafte und geradezu konkrete Situationen in der italienischen Hauptstadt. 

Wegbereiter für Hollywoods Filmmusik

Das blieb nicht unbemerkt. Der Filmkomponist John Williams etwa zählt Ottorino Respighi zu denjenigen Komponisten, die ihn am nachhaltigsten prägten. Auch andere Hollywood-Komponisten wie Bernard Herrmann und Hans Zimmer ließen sich von seinem charakteristischen Sound mit kräftigen Blechbläsern, ausladenden Streicherpassagen und dem Sinn für dramatische Höhepunkte inspirieren. Respighis symphonische Dichtung Pini di Roma fand sogar in Walt Disneys Fantasia 2000 Verwendung. Dies alles zeigt seinen bis in die Gegenwart reichenden Einfluss auf das visuelle Erzählen von Geschichten. 

Diese Nähe zur Filmmusik wurde Respighi immer wieder zum Vorwurf gemacht. Seine Musik ziele vor allem auf Effekt. Doch gilt das nicht ebenso für Richard Wagner oder Richard Strauss? Respighi war zweifellos ein genialer Orchestrator. Er nutzte alle Möglichkeiten des modernen symphonischen Apparats für seine großangelegten Stimmungsgemälde. Üppige Instrumentierung und programmatische Erzählweise verbinden sich in seinen Werken zu einer ganz eigenen, oft impressionistisch angehauchten, aber immer verständlichen musikalischen Sprache.

Von Bologna über Berlin nach Rom

1879 in Bologna geboren, studierte Respighi ab 1891 Geige, Bratsche und Komposition am Konservatorium seiner Heimatstadt. Saisonweise arbeitete er als Orchestermusiker an der Kaiserlichen Oper in St. Petersburg und am Moskauer Bolschoi-Theater. Während seines ersten Russland-Aufenthalts nahm er Unterricht bei Nikolaj Rimsky-Korsakow, dessen raffinierte Art der Instrumentierung deutliche Spuren in seinen Werken hinterließ. 

Nach mehreren Aufenthalten in Berlin – hier präsentierten Arthur Nikisch und die Berliner Philharmoniker 1908 sehr erfolgreich seine Orchesterbearbeitung von Claudio Monteverdis Lamento d’Arianna ‒ erhielt er 1911 eine Professur für Komposition in seiner Heimatstadt Bologna, bevor er zwei Jahre später in gleicher Funktion ans Liceo musicale Santa Cecilia nach Rom wechselte.

Zwar galt Respighi schon zu Beginn seiner kompositorischen Karriere als talentierter Bearbeiter Alter Musik und Meister der Orchestrierung. Doch erst die triumphale Mailänder Aufführung der symphonischen Dichtung Fontane di Roma im Februar 1918 unter Arturo Toscanini begründete seinen Ruhm gewissermaßen über Nacht. Von da an galt er als einflussreichster Vertreter der italienischen Musik nach Puccini. Bis 1928 ließ Respighi den Fontane di Roma zwei weitere, ähnlich konzipierte und ähnlich erfolgreiche Stücke über die Pinien und die Feste Roms folgen. Es waren vor allem weniger erfolgreiche Neider, die seine »Römische Trilogie« als »tönenden Reiseführer« der italienischen Hauptstadt verspotteten. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um Liebeserklärungen an Respighis Wahlheimat Rom.

Italiens Musik jenseits der Oper

Das zentrale künstlerische Anliegen Respighis war die Suche nach neuen Wegen für die italienische Musik jenseits der Oper, die nach wie vor das dortige Musikleben beherrschte. Er fand sie für sich in der Alten Musik und im gregorianischen Choral. Das belegen Arbeiten wie die Antiche danze ed arie per liuto und Orchesterbearbeitungen von Orgelwerken Johann Sebastian Bachs. 

Besonders offenkundig wird die Auseinandersetzung mit dem gregorianischen Choral in dem 1921 entstandenen Violinkonzert. »Wie eine Sucht hatte uns die Gregorianik ergriffen. Kein Tag verging, an dem er mich nicht gebeten hätte, einige Stellen aus dem Graduale Romanum zu intonieren«. So erinnert sich die Sängerin und Komponistin Elsa Olivieri-Sangiacomo in ihrer Biografie über ihren Mann an die Entstehungszeit des Violinkonzertes Concerto gregoriano. Eine weitere Reise in die Vergangenheit markieren Gli uccelli (»Die Vögel«). In diesem Werk bearbeitete Respighi Cembalo- und Klavierstücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert, in denen Vogelstimmen nachgeahmt wurden.

Kirill Petrenko im schwarzen Anzug leitet leidenschaftlich das Orchester. In der Hand hält er einen Taktstock, vor einem dunklen Hintergrund. Vor ihm steht ein Notenständer mit Notenblättern.

Kirill Petrenko dirigiert Respighis Rom-Zyklus

»Atonalität? – Dem Himmel sei Dank, das ist vorbei!«

Von neuen Tonsystemen oder der von Arnold Schönberg entwickelten Zwölftonmusik hielt Respighi nichts. »Atonalität? – Dem Himmel sei Dank, das ist vorbei! Die Zukunft der Musik? Wer weiß! Ich glaube, dass jeder Komponist zuallererst individuell sein muss«, schrieb er 1925. Respighi war kein Zukunftsmusiker, er blieb eher der Vergangenheit verhaftet. »Ein logisches Band verbindet die Vergangenheit und die Zukunft – die Romantik von gestern wird wieder die Romantik von morgen sein«, heißt es in einem Manifest, das er unterzeichnete.

Zwar schmückte sich das faschistische Regime in Italien gern mit seiner Musik, Respighis eigenes Verhältnis zu Mussolinis Italien blieb ambivalent. Er starb am 18. April 1936 mit 56 Jahren in Rom an Herzversagen. 

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