Von: Oliver Hilmes
ca. 4 Minuten

Olaf Maninger: Wenn ich nicht Musiker wäre …

Ein Mann in einem blauen Blazer lehnt sich an einen hellen Stuhl und steht vor einem großen abstrakten Gemälde mit dunklen und hellen Formen in einem hellen, modernen Raum.
Olaf Maninger | Bild: Anne Schoenharting

In dieser Rubrik stellen wir Berliner Philharmoniker und ihre außermusikalischen Leidenschaften vor. Heute: Cellist Olaf Maninger, der gerne über den Tellerrand schaut.

»Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen«, soll Helmut Schmidt einmal erklärt haben. Ob das berühmte Bonmot wirklich vom Altbundeskanzler stammt, ist nicht sicher, was seiner Verbreitung aber keinen Abbruch tut. Utopien und Zukunftsbilder erscheinen in dieser Lesart als weltfremde und ungesunde Spleens. Darauf angesprochen, schüttelt der Cellist Olaf Maninger den Kopf. »Wer die Zukunft gestalten will«, widerspricht er nachdrücklich, »braucht visionären Mut.«

Maninger weiß, wovon er spricht, denn als Medienvorstand der Berliner Philharmoniker und Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH muss er immer wieder Courage und Weitsicht beweisen. So etwa vor gut 20 Jahren: »Es wurde damals zunehmend schwieriger, klassische Musik im Fernsehen unterzubringen«, erinnert er sich. Die mediale Präsenz der Berliner Philharmoniker drohte in Gefahr zu geraten. In dieser Situation riefen Maninger und ein paar Mitstreiter 2008 die Digital Concert Hall (DCH) ins Leben, mit der die Berliner Philharmoniker Pionierarbeit leisteten. Nie zuvor war ein Orchester über den Spielort und den Zeitpunkt der Konzerte hinaus weltweit medial präsent. Wenn Olaf Maninger sich Schmidts Devise zu eigen gemacht hätte, gäbe es die DCH heute vermutlich nicht.

Doch niemand kommt als Vordenker auf die Welt. Olaf Maninger wurde in Recklinghausen geboren und absolvierte sein Cellostudium in Essen bei János Starker und Maria Kliegel. Anschließend studierte er in Köln bei Armin Fromm, Antonio Meneses und Boris Pergamenschikow sowie beim Amadeus Quartett. 1995 wurde er Mitglied in der Cellogruppe der Berliner Philharmoniker, deren Solocellist er seit 1996 ist.

Wann immer Olaf Maninger nicht gerade Cello spielt oder die Medienaktivitäten der Berliner Philharmoniker koordiniert, beschäftigt er sich mit zeitgenössischer Kunst. Bei Besuchen in Galerien wie Sprüth Magers, Museen oder Kunstmessen wie der Art Basel taucht er in eine Welt ein, die er als große Bereicherung seines Lebens empfindet. Zu nicht wenigen Künstlerinnen und Künstlern haben sich freundschaftliche Beziehungen entwickelt. Umso mehr bedauert Olaf Maninger es, dass beide Bereiche – die klassische Musik und die bildende Kunst – oft messerscharf voneinander getrennt sind. Diese Trennung aufzuheben, ist ihm seit Langem ein großes Bedürfnis, und mit der Gründung des orchestereigenen Labels Berliner Philharmoniker Recordings im Jahr 2014 bot sich eine Möglichkeit. In einer Zeit, in der viele schon den Abgesang auf die CD angestimmt hatten, verlieh Olaf Maninger dem totgesagten Silberling neues Leben.

»Wir haben gesagt, wir möchten etwas produzieren, das gar nicht wie eine CD aussieht«, erzählt er. Statt des traditionellen Booklets sollten diese Editionen ein richtiges Buch beinhalten. Sehr wichtig war ihm von Anfang an die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern wie Thomas Struth, Jorinde Voigt, Thomas Demand oder Wolfgang Tillmans, die das Design der Boxen gestalten. »So wie die Musik vom Orchester mit viel Liebe gespielt wird, sollen auch unsere Editionen mit größtmöglicher Liebe gestaltet sein.« Mancher Rezensent rümpfte damals die Nase, doch der Erfolg und die Zeit haben dem Team der Berlin Phil Media GmbH recht gegeben. Damit ist Olaf Maninger seinem großen Ziel, Musik und Kunst genreübergreifend zu vereinen, ein kleines Stück nähergekommen.

Die Zeit für unser Gespräch ist rum und Olaf Maninger eilt zu seinem nächsten Termin. »Nur eine vitale Kulturlandschaft macht eine Gesellschaft überhaupt leistungsfähig«, sagt er zum Abschied. Beim späteren Durcharbeiten meiner Aufzeichnungen wird es mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie falsch Helmut Schmidts Diktum über die Visionen ist.

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