In dieser Rubrik stellen wir Berliner Philharmoniker und ihre außermusikalischen Leidenschaften vor. Heute: Fagottist Markus Weidmann, der die Welt gerne durch eine Kamera betrachtet.
»Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre«, lautet ein Bonmot des französischen Filmregisseurs Robert Bresson. Markus Weidmann kann dem nur zustimmen. Wenn er etwa beim Wandern eine Eisblume am Wegesrand entdeckt, holt er seine Kamera aus dem Rucksack und fotografiert die fragile Blüte. »Es fasziniert mich, die Schönheit der Natur als einmaligen Moment festzuhalten«, erläutert Markus Weidmann bei unserem Gespräch in der Kantine der Philharmonie. Sir Simon Rattle ist in dieser Woche im Haus und probt mit den Berliner Philharmonikern Werke von Percy Grainger, Sergej Prokofjew und John Adams. Vor Kurzem hat die Pause begonnen, doch der Reihe nach.
Markus Weidmann ist seit 1997 Mitglied der Berliner Philharmoniker. Zum Fagott fand er im heimatlichen Musikverein, in dem bereits der Vater und der ältere Bruder mitspielten. Zwar war der damals gerade elfjährige Markus gut zehn Zentimeter kleiner als sein zukünftiges Instrument, doch dessen warmer, tiefer Klang hatte es ihm sofort angetan. Später studierte er an der Musikhochschule Hannover bei Klaus Thunemann sowie von 1993 bis 1995 als Stipendiat der Karajan-Akademie bei seinem heutigen Kollegen Stefan Schweigert.
Etwa ebenso alt wie Markus Weidmanns Liebe zum Fagott ist seine Leidenschaft für die Fotografie. »Zu meiner Erstkommunion habe ich von meinen Pateneltern eine kleine Kamera geschenkt bekommen«, erinnert sich der gebürtige Mainzer. »Die Paten haben selbst viel fotografiert und mir anfänglich manche guten Tipps gegeben.« Als sich sein älterer Bruder eine Spiegelreflexkamera zulegte, wollte er nicht nachstehen und kaufte sich ebenfalls eine. Zunächst nahm er häusliche Alltagssituationen vor die Linse, machte Nahaufnahmen von Insekten und Raupen oder fing die Schönheit eines Sonnenuntergangs ein, doch nach und nach weitete sich sein Fokus.
Als Markus Weidmann Mitglied im European Union Youth Orchestra und in der Jungen Deutschen Philharmonie wurde, begann er den dortigen Orchesteralltag zu fotografieren. Die fertigen Bilder klebte er in Alben, beschriftete sie und versah sie mit den zugehörigen Negativnummern, sodass seine Kolleginnen und Kollegen bei ihm Abzüge bestellen konnten. »Wenn ich heute durch diese Alben blättere«, stellt er erfreut fest, »wird mir bewusst, dass ich ein Stück der jeweiligen Orchestergeschichte dokumentiert habe.«
Im Laufe der Jahre hat Markus Weidmann neben Kolleginnen und Kollegen auch immer wieder Dirigentinnen und Dirigenten fotografiert: »Beispielsweise von Sir Simon dürften in all der Zeit gewiss mehr als hundert Bilder entstanden sein.« An der Porträtfotografie fasziniert ihn, jenen magischen Augenblick einzufangen, wenn die Hülle fällt und ein ganzes Leben aufscheint. Das sei allerdings eine Kunst, die viel Übung brauche. Ob er auch mit dem Mobiltelefon fotografiere? Das Handy habe den Vorteil der ständigen Verfügbarkeit. So könne man ohne viel Aufwand im Vorbeigehen einen außergewöhnlichen Moment festhalten, doch alles in allem biete die Handyfotografie weniger künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten.
Wie jeder Fotograf produziert auch Markus Weidmann mehr Bilder, als er letztlich verwerten kann. In einem ersten Arbeitsschritt lösche er gewiss die Hälfte, um dann aus den verbleibenden Aufnahmen eine Handvoll guter Arbeiten herauszufiltern. Auf die digitale Nachbearbeitung dieser Fotos legt er dann viel Wert.
Die Pause nähert sich dem Ende und Markus Weidmann muss zurück auf das Podium. Ob es ihn einmal reizen würde, eine Ausstellung seiner Fotografien zu erarbeiten, will ich zuletzt wissen. Das sei ein Traum, ruft er mir lächelnd zu, gleichwohl würde es ihn völlig überfordern, eine Zusammenstellung vorzunehmen. Welches Foto wählt man aus, welches fällt unter den Tisch? Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der selbst ein leidenschaftlicher Fotograf war, hatte eine Idee: »Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist die höchste Kunst der Fotografie.«
Markus Weidmann
Kurzporträt des Fagottisten der Berliner Philharmoniker
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