In dieser Rubrik stellen wir Berliner Philharmoniker und ihre außermusikalischen Leidenschaften vor. Diesmal Geiger Raimar Orlovsky, der gerne auf dem Wasser wandert.
Herbert von Karajan liebte die Geschwindigkeit zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Er steuerte eigenhändig sein zweistrahliges Düsenflugzeug, eine Dassault Falcon 10, fuhr Ferrari, Mercedes 300 SL und Porsche und segelte mit der »Helisara VI« (Masthöhe 30 Meter) über die Weltmeere. Noch 1982 gewann er mit der von dem renommierten Designer Germán Frers entworfenen Yacht die Giraglia-Regatta von Toulon nach San Remo. Zuletzt machte die »Helisara VI« allerdings unrühmliche Schlagzeilen, als sie im August 2024 während eines schweren Unwetters an der Küste von Formentera strandete und seither dort auf Grund liegt. Doch das ist eine andere Geschichte.
Herbert von Karajan ging es beim Sport immer um Tempo und Perfektion. Wenn Raimar Orlovsky ans Bootfahren denkt, dann träumt er nicht von Tempo, sondern von Entschleunigung. »Auf dem Wasser kann ich innerhalb weniger Minuten perfekt abschalten«, erklärt der Musiker, der seit September 1991 Mitglied in der Gruppe der Zweiten Geigen der Berliner Philharmoniker ist. »Es bedeutet die pure Entspannung für mich, wenn ich mit unserem kleinen Motorboot über die Gewässer rund um Berlin schippern kann.«
Raimar Orlovskys Talent für die Geige ist familienbedingt. Er spielt seit seinem fünften Lebensjahr Violine, hat vier weitere Geschwister, von denen zwei ebenfalls Berufsmusiker geworden sind. Er selbst wurde von Herbert Koloski, Werner Heutling, Thomas Brandis und Walter Forchert ausgebildet und spielte in verschiedenen Ensembles, darunter das Bach-Collegium Stuttgart und das Chamber Orchestra of Europe.
Doch auch Raimar Orlovskys Liebe für den Wassersport hat familiäre Wurzeln. Sein Schwiegervater Heinz-Henning Perschel, der von 1971 bis zu seiner Pensionierung 2006 selbst philharmonischer Geiger war, besaß ein kleines Boot und hat Raimar Orlovsky gelegentlich auf Ausflüge mitgenommen. So war es naheliegend, dass er irgendwann selbst den Bootsführerschein erwarb. Mit der Entschleunigung geht auf dem Wasser eine Vereinfachung des Lebens einher: »Bootfahren hat ein bisschen was von Campingurlaub«, schwärmt der 59-Jährige lächelnd. Zwar biete sein Boot ausreichend Platz für zwei Personen, allerdings dürfe man keine allzu großen Bequemlichkeiten erwarten. Doch genau das ist für Raimar Orlovsky das Reizvolle: einen Gang runterschalten, zur Ruhe kommen, Landschaft und Natur genießen.
In der Zeit von Mai bis September versuchen Raimar Orlovsky und seine Familie möglichst viel ihrer Freizeit auf dem Boot zu verbringen. Das gelingt nicht immer, denn er hat noch eine weitere Leidenschaft, die ihn fordert: Raimar Orlovsky gehört zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Barock Solisten, einem Ensemble der Berliner Philharmoniker, das sich seit 1995 der Aufführung der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts widmet, und ist deren Organisator und Geschäftsführer. »Als Kind und Jugendlicher habe ich mich sehr für Barockmusik interessiert«, berichtet er. »Ich besuchte Kurse bei Nikolaus Harnoncourt, der mir ein ganz anderes Klangerlebnis vermittelte, als ich es beispielsweise im Bundesjugendorchester kennengelernt habe. Auch während meines Studiums beschäftigte ich mich intensiv mit Alter Musik.«
Im vergangenen Dezember haben die Berliner Barock Solisten mit einem weithin beachteten Konzert ihren 30. Geburtstag gefeiert. Ob er in der Barockmusik einen Lieblingskomponisten habe? »Ich liebe Bachs Brandenburgische Konzerte und Telemanns Tafelmusik. Telemann war als Vielschreiber verschrien. Aber man tut ihm Unrecht damit, denn er hat wie Bach oder Händel ebenso fantastische Werke geschrieben.«
Doch wir schweifen ab. »Die Fluss- und Seenlandschaft rund um Berlin ist in Europa einzigartig«, erklärt Raimar Orlovsky, »sie zieht sogar Wassersportler aus Frankreich und der Schweiz an.« Das könne er nur zu gut verstehen, sagt er zum Abschluss unseres Gesprächs. Bevor wir uns dann verabschieden, erzählt er mir noch von einem ganz besonderen Supermarkt-Parkplatz am Tiefen See in Potsdam: »Die Aldi-Filiale in der Berliner Vorstadt bietet eine Anlegestelle für zwölf Boote!«
Raimar Orlovsky
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