Von: Ilona Schneider
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Nicht der Hof, sondern der Markt Haydn, Salomon und die Erfindung des modernen Konzertbetriebs

Ölgemälde eines Mannes mit einer weiß gepuderten Perücke, der einen dunklen Mantel mit einer Rüschenkrawatte trägt und ein kleines Buch in der Hand hält.
Joseph Haydn, 1792 | Bild: Thomas Hardy (Künstler), Alamy Stock Photo

Ein neues Jahr, ein neuer Lebensabschnitt: Als Joseph Haydn am 1. Januar 1791 um 5 Uhr nachmittags erstmals englischen Boden betritt, beginnt für ihn beides. Und nicht nur für Haydn, für die gesamte Musikwelt ist das Datum ein besonderes. Es markiert einen kulturellen Umbruch, mit dem die Gesetzmäßigkeiten des Konzertbetriebs neu geschrieben werden. 

Natürlich ist die Aussage überspitzt. Als Joseph Haydn 1791 seine erste von zwei ungemein erfolgreichen Englandreisen antritt, hat sich in London für das zukünftige Konzertleben bereits einiges getan. Eine regelrechte Musikbesessenheit hat Großbritannien und allen voran seine pulsierende Hauptstadt seit Mitte des 18. Jahrhunderts erfasst. Musiziert wird immer und überall, auf allen erdenklichen Stilebenen und fast jeder kann in irgendeiner Form daran teilhaben. Auch hat sich in dem kommerziellen Musikmarkt eine wichtige Revolution ereignet: 1765 haben der Bachsohn Johann Christian und sein Kompagnon Carl Friedrich Abel an der Themse die erste Abonnementreihe Europas aus der Taufe gehoben. Was London aber wirklich zur einsamen Insel in der europäischen Musikszene macht, ist die Idee, dass nicht der Geschmack eines Fürsten, sondern das Urteil eines zahlenden Publikums darüber bestimmt, was auf dem Konzertpodium gespielt wird und – mehr noch – was in den Spielplänen Bestand haben kann.

Joseph Haydn Superstar!

Trotzdem ist es nicht nur für Haydn ein einschneidender Moment, als er in London eintrifft – mit Unwohlsein im Bauch. »Zuletzt aber«, schildert er nach den ersten Tagen in der Fremde und meint vielleicht nicht nur die stürmischen Stunden auf dem Ärmelkanal, »überfiel mich eine kleine Angst, und mit dieser eine kleine üblichkeit.« Mit Unterbrechung wird er bis 1795 drei Jahre in England zubringen: eine großartige Blütezeit für das gesamte Musikleben. Für den Komponisten selbst, so überliefert es sein erster Biograf Georg August Griesinger, sind es nach anfänglichem Respekt vor der großen Herausforderung »die glücklichsten [Tage] seines Lebens«. 

Bereits vor seiner Ankunft liegt Haydn das englische Publikum zu Füßen. Man kennt und liebt seine Musik schon lange und sehnt seit Jahren einen persönlichen Englandbesuch des Meisters herbei. Den hat Haydn mit Verweis auf seine streng bindenden Verpflichtungen als Kapellmeister am Hof von Fürst Nikolaus I. Esterházy bisher konsequent abgelehnt, was eine englische Gazette sogar fabulieren ließ: »Wäre es nicht das einer Pilgerfahrt ebenbürtige Unternehmen für aufstrebende junge Leute, ihn aus diesem Schicksal zu erretten und nach Großbritannien zu bringen, in das Land, das für seine Musik wie gemacht zu sein scheint?«

Rage for Musick

Als Haydns langjähriger Dienstherr im September 1790 stirbt, unternimmt ein aufstrebender, wenngleich nicht mehr ganz junger Mann ohne zu zögern die »Pilgerfahrt«, um Haydn mit attraktiven Konditionen auf die Insel zu locken. Es ist Johann Peter Salomon – gebürtiger Bonner, versierter Geiger und seit Kurzem im Begriff, sich als gewiefter Konzertunternehmer zu etablieren. Er kennt die hervorragenden Voraussetzungen, die seine Wahlheimat London für öffentliche Konzerte bietet: ein zahlungskräftiges Publikum aus Adligen und neureichen Bürgern, das gerne bereit ist, sich mit einer Subskription zu saftigen Preisen sämtliche Veranstaltungen einer Konzertsaison im Vorhinein zu sichern; fest gefügte und groß besetzte Orchester, deren Mitglieder nicht von höfischer Gunst abhängig sind; dazu eine einflussreiche Presselandschaft sowie geschäftstüchtige Verleger. Und seit 1774 steht mit dem Gebäude der Hanover Square Rooms außerdem eines der damals größten Konzerthäuser Europas zur Verfügung. Zahlreiche konkurrierende Konzertreihen werden darin veranstaltet und beleben zusätzlich das Geschäft. 

»Rage for Musick« nennen die konzerthungrigen Londoner ihre unstillbare Gier nach musikalischen Sensationen. Salomon weiß, welche Register zu ziehen sind, um in dieser vielstimmigen und konkurrenzgetriebenen Gemengelage ganz oben mitmischen zu können. Es braucht vor allem große Namen. Mit Haydn als Zugpferd traut sich Salomon, die erste Konzertsaison anzukündigen, für die er alleine das unternehmerische Risiko trägt. Ab Herbst 1790 rührt er massiv die Werbetrommel für die »Salomon’s Concerts«.

Gegen die Konkurrenz komponiert

Was folgt, ist ein Lehrstück in kommerzieller Logik. Salomons Konzerte müssen sich behaupten, um weder für den Impresario noch für seinen Star-Komponisten zum Desaster zu werden. Haydn komponiert also im Haifischbecken, in dem nicht mehr der Geschmack eines Fürsten ausschlaggebend ist, sondern Publikum und Presse zur Instanz werden. Eine Vielzahl von Individuen bekommt Urteilsmacht und bildet den Kern der »bürgerlichen« Konzertkultur: nicht, weil nur noch Bürgerliche die Hörerschaft bilden würden, sondern weil die Zustimmung der Vielen über den Erfolg entscheidet. 

Haydn hat von allen Komponisten seiner Zeit das vermutlich feinste Gespür dafür, was dem Publikum gefällt. Dass er seine zwölf »Londoner« Symphonien oder auch die Sinfonia concertante nicht für seinen Fürsten, sondern quasi gegen seine Konkurrenz komponiert, prägt diese Werke hörbar. Haydns Symphonien Nr. 93 bis 104 sind größer dimensioniert, effektvoller und überraschender als eigentlich alles, was er im Esterházy’schen Dienst zuvor geliefert hat. Die berühmten Paukenschläge der Symphonie Nr. 94 gehören zum Kalkül: Ein Publikum, das auch wegbleiben kann, braucht Futter. Künstlerische Ausdruckskraft und kommerzieller Erfolg treiben einander an.

Haydns neue Freiheit

Zur Wahrheit gehört: Die neue bürgerliche Instanz ist zunächst vor allem eine Instanz des Vermögens. Wer sich eine Saisonkarte am Hanover Square leisten kann, gehört zur Ober- oder mindestens zur oberen Mittelschicht. Man hebt sich vom gemeinen Volk durch einen Konzertbesuch in erster Linie durch Kaufkraft, nicht Kennerschaft ab. Das andächtige, gebildete Konzertpublikum ist eine Erfindung erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Haydns Publikum kommt ins Konzert, um sich zu amüsieren, zu sehen und gesehen zu werden. Der Starrummel und die »Eventisierung« des Musikereignisses zur (Londoner) Zeit von Haydn und Salomon führen trotz demokratischem Grundgedanken und Abonnementsystem noch nicht hin zu jener Idee, die ein wesentlicher Teil des Klassikbetriebs heute für sich in Anspruch nimmt: Bildungsarbeit zu leisten. 

Für Haydn mag das eine deutlich größere Umstellung gewesen sein als für den ohnehin schon florierenden Londoner Konzertmarkt. Erfunden haben Haydn und Salomon ihren Weg nicht. Aber sie haben den Beweis geführt, dass ein Komponist – angespornt von einem Publikum, das überzeugt werden will – ohne fürstlichen Gönner nicht nur überleben, sondern auch auf der absoluten Höhe seines Könnens komponieren kann. Dass Haydn diese Jahre später selbst als die glücklichsten seines Lebens bezeichnet, ist dabei vielleicht die eigentliche Pointe der Geschichte: Nicht der Hof, sondern der Markt hat ihm die Freiheit gegeben, für die seine Musik gemacht zu sein scheint.

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