Von: Frederik Hanssen
ca. 4 Minuten

Europakonzert im BarockjuwelDie Berliner Philharmoniker zu Gast im Schloss Esterházy

Blick von der Bühne eines großen Konzertsaals mit kunstvoll bemalten Decken, Notenblättern auf Ständern und einem sitzenden Publikum, das auf den Beginn einer Aufführung wartet.
Haydnsaal im Schloss Esterházy | Bild: Andreas Hafenscher

Zum 35. Jubiläum findet das Europakonzert der Berliner Philharmoniker im geschichtsträchtigen Schloss Esterházy statt – der einstigen Wirkungsstätte Joseph Haydns. Folgerichtig eröffnet auch ein Werk des Komponisten das Programm, das Kirill Petrenko am 1. Mai dirigiert. Wir stellen Ihnen den musikalisch bedeutenden Ort näher vor.

Freche Fratzen blicken aus luftiger Höhe auf die Besucher herab: Ganz oben, direkt unterm Dachgesims, bilden diese steinernen Maskarons einen heiteren Abschluss für die prächtige Fassade von Schloss Esterhazy im österreichischen Eisenstadt. Ab 1663 ließ sich die frisch vom Kaiser in den Fürstenstand erhobene Adelsfamilie eine mittelalterliche Burg zum repräsentativen Stammsitz umbauen, nach barockem Gusto – und natürlich von italienischen Baumeistern, wie es damals en vogue war. 

Es gibt Pilaster, geschwungene Fensterverzierungen und Schmuck-Balustraden, Büsten ungarischer Könige und Heerführer stehen in Nischen zwischen Piano Nobile und zweitem Obergeschoss, gekrönt wird das Gebäude von vier mächtigen Türmen und einem Wandelgang. Im Innern gibt es Salons mit ostasiatischer Dekoration aus dem späten 17. Jahrhundert, hinter dem Schloss erstreckt sich ein Landschaftspark mit pittoreskem Tempel, Obelisk und Orangerie. Das Herzstück des noblen Ensembles aber ist der Haydnsaal. 

Mit der Entscheidung, Joseph Haydn als Hofkapellmeister zu engagieren, ist die Familie Esterhazy in die Musikgeschichte eingegangen. Ganze 29 Jahre, von 1761 bis 1790, stand der Komponist im Dienst von Fürst Nikolaus, dem Prachtliebenden. Über 1000 Konzerte soll er in dieser Zeit geleitet haben. 

Der Festsaal des Schlosses in Eisenstadt misst 28 mal 14 Meter, die Wänden werden von eleganten Blumengirlanden und Grisaille-Medaillons geschmückt, an der Decke kann das Publikum Szenen aus der antiken Mythologie bestaunen. Einzigartig aber macht den Ort seine exzellente Akustik – die frei schwingende Holzkonstruktion der Deckengemälde sowie der historische Parkettboden sorgen für beste klangliche Bedingungen. 650 Menschen finden hier Platz, rund 100 Aufführungen gibt es pro Jahr.

Konzertprogramm von Haydn bis Tschaikowsky

Und an diesem 1. Mai sind nun auch die Berliner Philharmoniker zu Gast. Seit 1991 feiert das Orchester den Tag seiner Gründung an wechselnden Orten mit einem Europakonzert. Nach Barcelona 2023, Tsinandali in Georgien 2024 und dem süditalienischen Bari im vergangenen Mai ist nun also Schloss Esterhazy Schauplatz der festlichen Matinee. Vom »Hausherren« Joseph Haydn wird zur Eröffnung eine Ouvertüre erklingen, dann folgt die Zweite Symphonie eines weiteren genialen Wiener Klassikers, nämlich Ludwig van Beethoven. Dass Chefdirigent Kirill Petrenko auch Werke von Strawinsky und Tschaikowsky ausgewählt hat, passt zum genius loci – denn hier im Südosten Österreichs ist die Nähe zum slawischen Kulturkreis überall spürbar.

Schloss Esterhazy bildet das Zentrum von Eisenstadt, der mit 16.000 Einwohnern geradezu dörflichen Hauptstadt des Burgenlands. Trotz der Nähe zur Hauptstadt – nach Wien braucht man nur eine Stunde im Auto – war die Region an der Grenze zu Ungarn, der Slowakei und Slowenien traditionell arm und dünn besiedelt. Denn sie liegt abseits der großen Handelsrouten. 

Im 17. Jahrhundert richteten die türkischen Truppen schlimme Verwüstungen an, ab 1781 suchten hier dann viele Protestanten aus Salzburg oder Tirol Zuflucht vor den Schikanen der Gegenreformation. Zusammen mit den Zuzüglern aus den Balkanländern entstand eine bunte Vielvölker- und Glaubensgemeinschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich wurde das südöstlichste der österreichischen Bundesländer zum kapitalistischen Zonenrandgebiet am Eisernen Vorhang.

Das Bild zeigt ein prächtiges, kunstvolles Gebäude mit einer kunstvollen Fassade, symmetrischem Design und einem zentralen, gewölbten Eingang. Es verfügt über drei Türme mit Uhren und steht vor einem strahlend blauen Himmel.
Schloss Esterházy in Eisenstadt | Bild: Andreas Hafenscher

Europakonzert auf Schloss Esterházy

So können Sie das Konzert live erleben

Inspirierende Provinz

Haydn war sich der Abgeschiedenheit des Lebens im provinziellen Österreich bewusst – eine Situation, die er später zugleich als einschränkend und als Quelle kreativer Freiheit beschrieb: »Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen – und so musste ich original werden.« Experimentierfreude und Humor prägen viele seiner Kompositionen aus den Esterhazy-Jahren, gleich zu Beginn seines Engagements überraschte der junge Komponist seinen Arbeitgeber 1761 mit dem Zyklus der »Tageszeiten-Sinfonien«, die den Morgen, den Mittag und den Abend in Töne zu bannen. 

Auf witzige Weise rebellierte er elf Jahre später dann mit der »Abschieds-Sinfonie« gegen einen Befehl des Fürsten. Am Ufer des Neusiedlersees hatte sich Nikolaus in Fertöd eine prachtvolle Sommerresidenz erbauen lassen. Sobald es warm wurde, siedelte der gesamte Hofstaat hierhin über – den Musikern der Hofkapelle war es allerdings verboten, ihre Familien mitzunehmen. Als sich 1772 der Aufenthalt des Fürsten schier endlos hinzog, protestierte Haydn im Namen seiner heimwehgeplagten Instrumentalisten musikalisch: Während des Finales der Sinfonie erhob sich ein Musiker nach dem anderen, löschte die Kerzen an seinem Notenständer aus und verließ den Saal. Der Fürst verstand und erlaubte dem Orchester, nach Eisenstadt zurückkehren.

Haydn war dankbar für seine Kapellmeister-Position bei den Esterhazys. Als Chorknabe im Wiener Stephansdom hatte er eine erste Karriere gehabt, nach dem Stimmbruch aber musste er sich mühevoll als Lehrer und Privatsekretär durchschlagen, bis er 1757 endlich eine Anstellung bei einem Adligen ergattern konnte. Nach vier Jahren im Dienst des Grafen Morzin wechselt er an die Hofkapelle in Eisenstadt - und komponiert hier ohne Unterlass Opern und Messen, Sinfonien sowie 126 Trios für Baryton, ein kurioses Modeinstrument mit Gambenkorpus und zahlreichen Resonanzsaiten, das der Fürst in seiner Freizeit zu spielen beliebte. 

Ende der 1770er Jahre entstand in Eisenstadt die Ouvertüre, mit der Kirill Petrenko das Konzert auf Schloss Esterhazy 2026 eröffnen wird. Für welche Oper das Werk ursprünglich gedacht war, ist nicht bekannt. Der pragmatisch veranlagte Komponist recycelte die Noten später als Finale für seine Sinfonie Nummer 53. Mit dieser Partitur erlangte er europaweite Bekanntheit, Abschriften verbreiteten sich in ganz Österreich, Süddeutschland und Italien, gedruckte Ausgaben erschienen in Berlin, Amsterdam, London und Paris. Dieser Erfolg ermöglichte dem Komponisten nach dem Tod seines Fürsten 1791 eine dritte Karriere als Freiberufler: Der bereits 58-jährige Haydn folgte einer Einladung in die britische Hauptstadt und stellte erfreut fest: »Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt.«

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