Streit um »Don Juan«

Ein philharmonischer Moment

Steinerne Wand mit Kriegerstatuen, rot einfgefärbt

Richard Strauss verdankte Hans von Bülow fast alles. Die gegenseitige Bewunderung schien grenzenlos, doch eine Berliner Aufführung des Don Juan trübte das Verhältnis nachhaltig. Ein philharmonischer Moment.

Keiner der großen Komponisten feierte so frühe Konzerterfolge wie Richard Strauss, keinem wurden ähnliche Lobeshymnen gesungen. Der damals schon legendäre Dirigent Hans von Bülow war auf die Serenade für 13 Bläser des jungen Müncheners aufmerksam gemacht worden, vermittelte Strauss einen Verleger und führte das Werk 1883 mit seiner Meininger Hofkapelle auf. Er bestellte auch eine weitere Komposition für dieselbe Besetzung und überließ Strauss bei einem Münchener Gastspiel den Taktstock.

Darin lag eine unerwartete Gunstbezeugung, denn die bayerische Residenz war Bülow eigentlich verhasst; er hatte dort 20 Jahre zuvor als Dirigent von Wagners Opern heftigen Widerstand erfahren und nicht vergessen, dass unter der Opposition ein Hornist namens Franz Strauss besonders unangenehm aufgefallen war. Dessen Sohn Richard, der nun sein erstes Dirigat bestreiten sollte, erinnerte sich viele Jahre später an die peinliche Wiederbegegnung zweier alter Kontrahenten:

»Bülow hörte sich mein Debüt gar nicht an; eine Zigarette nach der anderen rauchend, rannte er wütend im Musikzimmer herum. Als ich dasselbe wieder betrat, kam mein Vater von der anderen Seite herein, um tief gerührt Bülow zu danken. Das war’s, worauf Bülow gewartet hatte. Wie ein wütender Löwe sprang er auf meinen Vater los: ›Sie haben mir gar nicht zu danken‹, schrie er, ›ich habe nicht vergessen, was Sie seinerzeit mir alles hier angetan, hier in diesem verdammten München. Was ich heute tat, habe ich getan, weil Ihr Sohn Talent hat, nicht für Sie‹.«

Groll gegen den Vater, Bewunderung für den Sohn

Talent? Das war gewiss untertrieben. Er teilte dem Zwanzigjährigen mit, dass er ihn zu den »Ausnahmemusikern« zähle und für geeignet halte, »sofort den höchsten kommandierenden Posten zu bekleiden«. Dem Berliner Konzertagenten Hermann Wolff beschrieb er den Münchener als einen »ungemein begabten jungen Mann … nach Brahms bei Weitem die reichste Persönlichkeit … elastisch, lernbegierig, taktfest und taktvoll, kurz eine firstrate Kraft.«

Die Wertschätzung schlug sich in Bülows Meininger Konzertprogrammen nieder, und er sorgte sogar dafür, dass Richard Strauss zu seinem Assistenten ernannt wurde, zum zweiten Dirigenten der landesweit bestaunten Hofkapelle. Bülow hatte sie mit militärischer Disziplin zum führenden Beethoven-Orchester gedrillt und führte bei mehreren Gastspielen vor, wie man dem Titan gerecht zu werden hatte, nämlich durch Pathos und Präzision.

Wenig später übernahm er die Leitung der Philharmonischen Orchester in Hamburg und Berlin, und unterwarf sich das Publikum dank der ihm eigenen Grandezza bedingungslos.

Richard Strauss, um 1900
(Foto: Deutsche Fotothek, Public Domain via Europeana)

Sensationell schneller Ruhm

Strauss war ihm in Meiningen nachgefolgt, wanderte jedoch schon nach einem Jahr, sensationell schnell zu Ruhm gekommen, zur Hofoper München ab. Werke aus seiner Feder erklangen bereits in ganz Deutschland, ja sogar in den Vereinigten Staaten, wo das New York Philharmonic 1884 die Zweite Symphonie f-Moll aus der Taufe hob.

Etliche Kontakte, die Strauss zu knüpfen verstand, erwiesen sich als zukunftsweisend, etwa die Bekanntschaft mit Ernst von Schuch, der in Dresden nach 1900 die Uraufführungen von Feuersnot, Salome, Elektra und Rosenkavalier dirigieren sollte.

Hermann Levi war die Münchener Premiere der Ersten Symphonie d-Moll zu danken; Franz Wüllner, Leiter der Berliner Philharmoniker, bis ihn Bülow dort 1887 ablöste, gehörte zu den ersten und beharrlichsten Förderern von Strauss, dirigierte in Köln die deutsche Erstaufführung der Zweiten Symphonie f-Moll und sorgte später mit dem Gürzenich-Orchester für die Uraufführungen von Till Eulenspiegels lustige Streiche und Don Quixote; Hans von Bülow setzte die Zweite Symphonie in Hamburg aufs Programm und in Berlin den Don Juan und die Burleske für Klavier und Orchester, Strauss selber durfte Aus Italien sowie Tod und Verklärung dirigieren.
 

Bülow vergötterte Brahms, Strauss tendierte zu Wagner

Hans Guido Freiherr von Bülow, um 1870–1875
(Foto: Fritz Luckhardt (Fotograf), Wien Museum, CC0)

Doch die lange Zeit stabile und beinahe freundschaftliche Verbindung zwischen dem dämonischen Bülow und dem eher gemütlichen Strauss geriet schließlich aus den Fugen. Die Auffassungen und Vorlieben divergierten schon geraume Zeit, Bülow vergötterte Brahms, Strauss tendierte mehr und mehr zu Wagner beziehungsweise zu dessen Witwe Cosima, Bülows erster Ehefrau. Komplizierte Verhältnisse allenthalben.

Die Konflikte ließen sich anfangs einigermaßen kaschieren, doch Bülows Berliner Aufführung des Don Juan am 31. Januar 1890 führte zu einer merklichen Verstimmung. Die Kritik schoss sich auf das Werk ein und nahm den Dirigenten in Schutz: »So viel Maßlosigkeit des Ausdrucks und Unklarheit der Darstellung«, textete die Vossische Zeitung.

»Welche Gewaltsamkeit der Tonsprache, Übertriebenheit der Empfindung, insbesondere durch die gellenden hohen Trompeten und Hörner, die plumpe Kraft der Tuba, die zischend dreinfahrenden Schläge der Becken, welch krasse Dissonanzen in der Harmonie.

Nach der Wiedergabe, eine meisterliche Leistung des Orchesters und seines Dirigenten, klatschte Herr von Bülow dem anwesenden Komponisten lebhaft zu, und leitete damit das Urtheil des Publikums. Herr von Bülow liebt diese Art, Stimmung zu machen.«

»Don Juan« entzweit

Diese Art liebte Strauss keineswegs. Ohnehin enttäuscht, nicht selbst das neue Werk in Berlin vorstellen zu dürfen, beklagte er in einem Schreiben an seine Eltern, Bülow habe sich für den Don Juan und dessen poetischen Gehalt überhaupt nicht interessiert, habe falsche Tempi gewählt und nur ein raffiniert instrumentiertes Stück vorgeführt. Vier Tage später versuchte sich Strauss an einer eigenen, um ein gutes Drittel schnelleren Interpretation mit den Philharmonikern. So ließ sich der Don Juan vielleicht retten, nicht aber die Beziehung mit Bülow, der nun ebenfalls auf Distanz ging, auch weil ihm die Entwicklung seines Protegés immer unverständlicher wurde.

Er versuchte, die Berliner Erstaufführung von Tod und Verklärung aufzuschieben und schwieg sich gründlich aus, nachdem Strauss doch im Februar 1891 eine erfolgreiche Aufführung gelungen war. Vor Jahren schon hatte Bülow eine Revision des Macbeth veranlasst, der ersten symphonischen Dichtung von Strauss, bevor er diese »Hexenküchenbrodeleien« in der dritten Fassung 1892 dann »toll und betäubend, aber genial in summo grado« nannte.

Strauss wiederum monierte den reaktionären Geschmack Bülows, ohne dessen phänomenale Fähigkeiten als Pianist und Dirigent je infrage zu stellen. Die Trauerfeiern für Bülow jedoch boykottierte er. Der eiserne Kapellmeister war 1894 in Ägypten gestorben, wo er verzweifelt Linderung seiner unheilbaren Krankheiten gesucht hatte. Es lag nahe, die Gedächtniskonzerte seinem Lieblingsschüler anzuvertrauen und Brahms spielen zu lassen, aber Strauss wollte partout Werke von Wagner und Liszt durchsetzen.

Das Hamburger Gedenkkonzert leitete dann Gustav Mahler, das Berliner Ernst von Schuch. Ein Jahr später allerdings hatte Strauss seinen ideologischen Furor überwunden; in der Saison 1894/95 agierte er als Bülows Nachfolger in Berlin, setzte dessen Byron-Fantasie Nirwana aufs Programm und zweimal sogar Brahms. In seinen Persönlichen Erinnerungen an Hans v. Bülow fiel es ihm 1909 nicht mehr schwer, den großen Förderer in höchsten Tönen zu loben – Strauss war auf dem besten Wege, nun seinerseits reaktionär zu werden.

Volker Tarnow

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