Antonio Salieri genießt in der Musikwelt keinen guten Ruf: Er sei ein mittelmäßiger Komponist gewesen und er habe sogar versucht, seinen Widersacher Wolfgang Amadeus Mozart zu vergiften. Dabei war Salieri zu Lebzeiten überaus erfolgreich, noch dazu ein liebenswürdiger Mensch. Aber ist sein Schaffen dem Mozarts ebenbürtig? Anfang März bietet ein Kammermusikkonzert mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker die Gelegenheit, sich selbst ein Bild zu machen.
»Ich habe dich getötet, Mozart!« Verzweifelte Schreie hallen durch das weite Treppenhaus, die beiden Diener, die vor dem verriegelten Arbeitszimmer ihres Herrn stehen, wirken verstört. Immer wieder erhebt Antonio Salieri Anklage gegen sich selbst, bis die Domestiken schließlich die Tür aufbrechen. In einer langen Beichte wird er später einem Geistlichen haarklein von seinen vermeintlichen Missetaten berichten.
Hartnäckig ist dieser Mythos. Bereits unter den Zeitgenossen kursierten Gerüchte, Salieri habe Mozart auf dem Gewissen. Nur fünf Jahre, nachdem der Italiener das Zeitliche gesegnet hat, veröffentlicht Alexander Puschkin 1830 ein dramatisches Gedicht, das die Legende von der Vergiftung literarisiert. Nikolaj Rimsky-Korsakow macht 1898 eine Oper daraus. 1979 folgt Peter Shaffers Amadeus-Drama, uraufgeführt in London. 1984 bringt Miloš Forman das Bühnenstück auf die Leinwand, in einer kongenialen Verfilmung – mit der oben beschriebenen Szene als effektvoller optischer Ouvertüre.
Dabei ist die Mordtheorie da längst von der Wissenschaft entkräftet. Entweder führte ein rheumatisches Fieber zum Tod des 35-jährigen Mozart in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember 1791 oder eine Pharyngitis war die Ursache, eine schwere Rachenentzündung. Möglich ist auch, dass sich der Komponist selbst vergiftete, durch verdünntes Quecksilber, das er über Monate als Mittel gegen eine vermutete Syphilis-Erkrankung einnahm.
Warum machen sowohl Puschkin als auch Shaffer in ihren Werken Salieri zum Täter? Die Ursache ist im Geniekult zu suchen. Der war besonders in der literarischen Epoche des »Sturm und Drang« en vogue, also genau zu Mozarts Lebzeiten. Als »Originalgenie« gilt ein Künstler, der seine Werke losgelöst von den Traditionen erschafft, der es nicht nötig hat, Vorbildern nachzueifern oder gar etablierte Erfolgsmodelle zu kopieren. Diese Ästhetik etabliert sich als Gegenbewegung zur barocken und klassizistischen Lehrmeinung, dass es für die Verfertigung von Kunst klare Regeln gebe, sowie feste, überzeitliche Maßstäbe. Das Genie hingegen wirkt jenseits der Sphäre des Kunsthandwerklichen, seine Inspiration schöpft es nur aus sich selbst. Weil sein Talent mitnichten erlernbar ist und auch unnachahmlich, kann ein Genie niemals Kollegen haben. Sondern nur Bewunderer. Oder Neider – also Feinde.
Mozart war zweifellos ein Genie. Wer aber war Antonio Salieri? Geboren wird er 1750 im oberitalienischen Legnago, lernt als Kind Violine und Klavier, wird nach dem Tod der Eltern von einem Freund der Familie in Venedig aufgenommen, wo er Gesangs- und Kompositionsunterricht erhält. Bei einem Besuch in der Lagunenstadt fällt dem Wiener Komponisten Florian Leopold Gaßmann Salieris Talent auf. Er nimmt den 15-Jährigen als seinen Schüler mit nach Österreich.
Schnell lebt sich Salieri in Wien ein, heiratet 1775 eine Österreicherin und wird eingebürgert. Sein wichtigster Förderer ist Kaiser Joseph II., der ihn erst zum Kammerkomponisten und Kapellmeister der italienischen Oper und 1788 schließlich sogar zum Hofkapellmeister macht. Salieri ist äußerst fleißig, reüssiert auf dem Gebiet der Sakralmusik ebenso wie im Musiktheater. Insgesamt komponiert er 39 Opern, die nicht nur in Wien, sondern auch in Mailand und Paris, Rom und Venedig Begeisterung auslösen.
Betrachtet man die gesellschaftliche Stellung, so war der freiberuflich und prekär lebende Mozart also niemals ein ernstzunehmender Konkurrent für den finanziell abgesicherten Salieri. Und in der Tat hat der Italiener seinen sechs Jahre jüngeren Kollegen wohl nie bekämpft, sondern, im Gegenteil, sogar aktiv unterstützt. Salieri dirigierte Aufführungen von Mozarts g-Moll-Symphonie KV 550 und setzte sich auch nach dessen frühem Tod immer wieder für die Werke seines Kollegen ein. Nach einer Aufführung der Zauberflöte, die Salieri besuchte, notiert Mozart: »Er hörte und sah mit aller Aufmerksamkeit. Bis zum letzten Chor war kein Stück, welches ihm nicht ein bravo oder bello entlockte.«
Durch Salieri kommt Mozart auch mit seinem wichtigsten Librettisten in Kontakt. 1783 hatte Salieri Lorenzo Da Ponte aus Dresden nach Wien abgeworben, doch nach einer ersten, erfolglosen Zusammenarbeit wendet er sich anderen Textdichtern zu. Das Libretto zu Le nozze di Figaro, das eigentlich für Salieri geschrieben worden war, kann jetzt Mozart vertonen. Ähnlich verhält es sich später auch bei Così fan tutte: Nach zwei Arien bricht Salieri das Projekt ab und reicht das Textbuch an Mozart weiter. Für die Krönung Leopold II. zum König von Böhmen in Prag darf Mozart 1791 schließlich noch Metastasios La clemenza di Tito vertonen, nachdem Salieri den Auftrag wegen Arbeitsüberlastung abgelehnt hat.
Wolfgang Hildesheimer resümiert in seiner Mozart-Biografie: »Salieri war ein umgänglicher und anscheinend durchaus versöhnlicher Mann, seriös als ausübender Musiker und als Lehrer.« Beethoven nimmt Kompositionsunterricht bei ihm, schreibt Variationen über eine Arie aus Salieris Falstaff-Oper und widmet ihm seine Violinsonaten Opus 12. Auch Schubert und Liszt waren Salieri-Schüler – sowie Mozarts Sohn Franz Xaver. Und Salieri kommt keineswegs schon zu Lebzeiten aus der Mode. Goethe äußert sich lobend, der Medizinstudent Hector Berlioz ist 1822 in Paris von Salieris Oper Les Danaides derart begeistert, dass er beschließt, sein Leben künftig vollständig der Musik zu widmen. Und auch Richard Wagner vermag der Musik des Italieners etwas abzugewinnen.
Anfang März eröffnen sechs junge Mitglieder der Berliner Philharmoniker allen Interessierten die seltene Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden: Unter dem Saisonmotto Kontrovers! stellen sie an einem Abend Werke von Mozart und Salieri direkt einander gegenüber. Dabei heben sie auch gleich noch eine musikgeschichtliche Besonderheit aus dem Wien des 18. Jahrhunderts hervor: In der Regierungszeit von Kaiser Joseph II. waren dort Werke für Streichquartett-Besetzung beliebt, die als Finale eine Fuge enthielten. Komponisten wie Johann Adolph Hasse, Johann Georg Albrechtsberger und Johann Joseph Fux hatten diese Tradition begründet, Haydn hob in seinen stilbildenden Streichquartetten Opus 20 das galante »Divertimento a quattro« gerade auch durch die Schlussfugen auf eine neue Entwicklungsstufe.
Das Konzertprogramm wird mit Mozarts Beitrag zu dieser Spielart des Streichquartetts eröffnet, nämlich Adagio und Fuge in c-Moll, KV 546. Von Antonio Salieri wiederum sind vier leichtgewichtigere Stücke zu hören, die Scherzi strumentali di stile fugato. Der italienische Ausdruck »strumentali« zeigt dabei an, dass es sich um Instrumentalmusik handelt, mit dem Begriff »scherzo« werden in der Wiener Klassik Stücke betitelt, die schnell im Tempo sind, lebendig im Gestus sowie atmosphärisch heiter. Also im besten Sinne unterhaltsam – und dabei doch geschrieben im gelehrten Fugenstil. Außerdem erklingen bei diesem Kammermusikabend eine Streichquartett-Fuge von Salieri und zwei weitere Kompositionen von Mozart, nämlich das bezaubernde Hornquintett, das er einem alten Freund der Familie, dem Hornvirtuosen Joseph Leitgeb, auf den Leib geschrieben hat, sowie das Dritte Streichquintett, dessen schnelle Sätze nur so vor Fantasie sprühen, während im Andante die 1. Violine und die 1. Bratsche zu einem innigen Liebesduett zusammenfinden.
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