Von: Christoph Vratz
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Petr Popelka | Bild: K.M.Baalbaki

Petr Popelka hat als Dirigent so etwas wie einen Senkrechtstart hingelegt. Bis vor wenigen Jahren war er Solokontrabassist in Dresden, heute ist er Chefdirigent der Wiener Symphoniker und des Radio-Symphonieorchesters Prag. Im Januar gibt der gebürtige Tscheche sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Ein Porträt.

Petr Popelka bevorzugt einen weißlichen, relativ langen Taktstock. Vieles wirkt ungemein leicht, wenn er dirigiert. Das liegt vermutlich daran, dass er den Stab locker mit der rechten Hand oder genauer: mit seinen Fingerspitzen umschließt. So entstehen viele luftige Bewegungen, ein Federn, ein Hauch von Schwerelosigkeit, selbst in dramatischen Momenten.

Vielleicht liegt diese Souveränität auch in seinen musikalischen Wurzeln. Popelka ist mit einem Bogen in der rechten Hand groß geworden, denn er hat seine Musikerlaufbahn als Kontrabassist begonnen. »Dabei komme ich aus einer Familie, in der Musik nicht fest beheimatet ist.« Stattdessen Ärzte, wohin man schaut: die Großeltern, die Eltern, der Zwillingsbruder. Doch Petr tickt anders. »Ich bin das schwarze Schaf«, gesteht er augenzwinkernd. Dabei interessiert ihn die Musik anfangs kaum: »Ich wollte lieber Fußball spielen.« Doch als der ungefähr Zehnjährige einen Freund der Familie besucht – auch er Arzt, natürlich –, bestaunt Petr in dessen Wohnzimmer den großen Flügel: »Das war eine Zauberwelt, die sich plötzlich geöffnet hat.« Seit diesem Abend möchte er Klavier spielen lernen, oder Geige. Doch es gibt Bedenken: »Einige sagten mir, mit zehn sei es bereits zu spät für diese Instrumente. Aber Kontrabass, das könnte gehen.«

Musik als geteiltes Erlebnis

Ausgebildet wird Popelka zunächst am Konservatorium seiner Heimatstadt Prag, anschließend in Freiburg. »Ich bin sehr schnell sehr tief eingetaucht in die Welten des Repertoires.« Eine erste feste Stelle führt den 19-Jährigen zum Orchester des Prager Rundfunks, dann wechselt er zu den Kollegen des Bayerischen Rundfunks, schließlich zur Staatskapelle Dresden. Schon während dieser Zeit hat er neben seiner Kontrabass-Stimme immer auch die komplette Orchesterpartitur liegen. Er liest doppelt, denn sein Musikerherz schlägt zweifach. »Meine erste Partitur war Beethovens ›Eroica‹, eine Taschenpartitur, die mir meine Eltern in einem Antiquariat gekauft haben. Meine erste Opern-Partitur war Bizets Carmen. Ich war so verliebt in diese Musik, dass mein Vater mir die Partitur zu Weihnachten geschenkt hat.«

Allmählich gewinnt das Dirigieren in Popelkas Karriere an Raum. »Ich habe in meiner Zeit als Orchestermusiker oft erlebt, dass man ein Stück nur vorgesetzt bekommt. Das ist nicht gut«, erklärt Popelka. Aus diesen früheren Erfahrungen leitet er seine heutigen Ziele ab: »Ich möchte die Musikerinnen und Musiker zur Kooperation animieren.« Mehr noch: Ein Orchester soll jeden Abend wissen und spüren, warum es welche Musik spielt, jede und jeder soll mit seiner Stimme hörbar werden, soll sich mitgenommen fühlen. Musik als geteiltes Erlebnis.

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»Jeder Takt, jede Note hat ein Leben«

Schließlich gibt Popelka, der seit seiner Jugend auch komponiert, 2019 die sichere Kontrabassisten-Anstellung in Sachsen auf und wird bereits im Folgejahr Chefdirigent des Norwegischen Rundfunkorchesters in Oslo. Zu Beginn der vergangenen Saison wechselt er dann nach Wien zu den dortigen Symphonikern. Deren 125-jähriges Bestehen feiert er als neuer Chefdirigent nun in dieser Spielzeit, unter anderem mit einer Europatournee. So schließt sich für Popelka ein Kreis: »Schon als Jugendlicher bin ich regelmäßig mit meinen Eltern von Prag nach Wien gefahren, um in dieser Stadt die größten Orchester der Welt zu hören. Die Wiener Symphoniker sind für mich die musikalische Verkörperung Wiens.« Popelkas bisherige Vita spiegelt sich auch in seinem Debütkonzert mit den Berliner Philharmonikern: Antonín Dvořák steht für die böhmische Heimat, Alban Berg für Wien und die Moderne, und Robert Schumann liegt ihm ohnehin sehr am Herzen.

Gerade in Wien hat Popelka gelernt, wie sehr Musik schwingen kann, »jeder Takt, jede Note hat ein Leben, es sind nicht bloß Zeichen«. Diese Form von »Ur-Musikalität« bedeutet ihm viel – und einiges davon lässt sich auch in seinen Gesten erkennen – wenn sein Taktstock frei und doch kontrolliert in seiner Rechten schwingt.