Das kleine Klavierlexikon

Etuden, Nocturne, Impromptu, Sonaten und Co.

Prélude, Nocturne, Sonate, Etüde – wer einen Klavierabend besucht, wird oft mit einer Fülle von Werkbezeichnungen konfrontiert. Was bedeuten diese Namen und was macht diese Stücke aus? In unserem kleinen Klavierlexikon stellen wir Ihnen sukzessive die wichtigen Genres der Klaviermusik vor.

Was ist eine Klaviersonate?

Wer Klavier spielt – egal, ob Profi oder Laie – kommt an ihr nicht vorbei: die Klaviersonate. Doch was genau macht sie aus? Der Begriff »Sonata« kommt aus dem Italienischen und bezeichnet seit der Barockzeit ein rein instrumental gespieltes Musikstück – als Gegensatz zur gesungenen »Canzone«. Die Klaviersonate, wie wir sie heute kennen, ist ein Kind der Wiener Klassik (ca. 1760 – ca. 1825). Die Erfindung und Weiterentwicklung des Hammerklaviers eröffnete den Komponisten in Hinblick auf die solistische Musik für Tasteninstrumente ganz neue Möglichkeiten: Dynamik und Klangfarben konnten sehr viel differenzierter gestaltet werden als auf dem bislang gebräuchlichen Cembalo.

Erfolgsmodell in drei Sätzen

Hinzu kam während der Wiener Klassik ein Wandel der musikalischen Ästhetik: Es wurde nicht mehr – wie zu Barockzeiten – ein musikalischer Gedanke etabliert und fortgesponnen. Vielmehr prallten in einem Musikstück zwei kontrastierende Themen aufeinander, die zerlegt, verarbeitet und wieder zusammengefügt wurden. Dieses kontrastierende Prinzip bestimmt die große orchestrale Form der Symphonie ebenso wie die der solistischen Klaviersonate. Letztere war ein Erfolgsmodell in drei Sätzen. Dem ersten, schnellen Satz mit seinen beiden kontrastierenden Themen folgt ein langsamer zweiter Satz von gesanglichem, liedhaftem Charakter. Zum Schluss erklingt nochmal ein schneller, oftmals tänzerisch gestalteter Finalsatz.

Sonate: Von leicht bis schwer

Nahezu jeder Komponist produzierte während der Wiener Klassik Klaviersonaten – und zwar in jedem Schwierigkeitsgrad. Die Sonate gehörte zu den wichtigsten Formen der musikalischen Unterhaltung. Tonangebend waren Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven, die in diesem Genre Maßstäbe setzten. Umfasste eine Klaviersonate von Haydn noch durchschnittlich 255 Takte, so brauchte Beethoven bereits 560 Takte für seine Sonaten, der diese immer komplexer und virtuoser konzipierte. In der Romantik steigerte sich die Klaviersonate noch hinsichtlich des poetischen Ausdrucks, des harmonischen Klangfarbenreichtums und der technischen Virtuosität – allerdings galt ihre Form bereits als veraltet. So schrieb Robert Schumann, die Sonate habe »mit drei starken Feinden zu kämpfen […]. Das Publikum kauft schwer, der Verleger druckt schwer, und die Komponisten halten allerhand, vielleicht auch innere Gründe ab, dergleichen Altmodisches zu schreiben«. Ganz aus der Mode kam die Klaviersonate aber nie. Davon zeugen auch die Sonaten, die Komponisten wie Béla Bartók, Leoš Janáček oder Igor Strawinsky im 20. Jahrhundert geschrieben haben. Und so gilt nach wie vor: Wer Klavier spielt – egal, ob Profi oder Laie – kommt an der Klaviersonate nicht vorbei.


Was ist ein Impromptu?

Fast jeder von uns fühlte sich als Kind von einem Klavier magisch angezogen: Deckel auf und mit allen zehn Fingern rein in die weißen und schwarzen Tasten! Das klangliche Ergebnis hörte sich, sofern wir nicht bereits pianistisch geschult waren, meist schrecklich an – aber genau darauf basiert das Prinzip des »Impromptu«. Der Begriff kommt aus dem Französischen und bedeutet »unvorbereitet«, »improvisiert«. Jemand trägt etwas ganz spontan aus dem Stegreif vor. Im 18. Jahrhundert verstand man darunter vor allem ein Gedicht, das ein*e Schauspieler*in während einer Theateraufführung improvisierte. So weist beispielsweise ein Darsteller in Goethes Singspiel Lila mit folgenden Worten auf den bevorstehenden Vortrag hin: »Da wird ein schönes Impromptu zusammengehext werden«.

Freies Fantasieren am Klavier

Im 19. Jahrhundert übertrug sich der Begriff auf die Klaviermusik. Die Kunst, sich ans Klavier zu setzen und ohne Vorbereitung und längeres Überlegen ein kleines Musikstück zu erschaffen, beherrschten damals Komponisten wie Pianisten. Was als besonders gelungen schien, wurde anschließend notiert und veröffentlicht. Für das Genre Impromptu gelten die Stücke von Franz Schubert, Robert Schumann, Frédéric Chopin, Franz Liszt und Alexander Skrjabin als richtungsweisend. Wie schmal manchmal die Gradwanderung zwischen Improvisation und Komposition war, beschreibt Chopins Lebensgefährtin George Sand: »Chopins Schaffen war spontan, bewundernswert. Seine Ideen kamen, ohne dass er danach suchte, unvorhergesehen. Dann aber begann die entsetzlichste Arbeit, die ich je erlebt habe.« Chopin stellte jede Note infrage, suchte zu verbessern – nur um am Schluss zum ersten Entwurf zurückzukehren.

Leichter, lyrischer Charakter

Im Laufe der Zeit ging der Bezeichnung Impromptu der improvisatorische Gestus immer mehr verloren. Die Abgrenzung zu anderen Klaviergenres verschwimmt. Charakteristisch ist der heitere, liedhafte, verspielter Charakter. Zusammen mit ähnlichen musikalischen Miniaturen wie Moments musicaux, Nocturnes oder Balladen gehören Impromptus zu den vielen lyrischen Klavierstücken, die im 19. Jahrhundert die Gattung der Klaviermusik so bereichern.
 

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