Von: Nicole Restle
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Ein älterer männlicher Dirigent in einem dunklen Anzug leitet ein Orchester auf der Bühne, mit Musikern und Streichinstrumenten im Vordergrund und einem sitzenden Publikum im Hintergrund.
Dezember 2025: Jordi Savall erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker | Bild: Lena Laine

Der Gambist, Ensemblegründer und Dirigent Jordi Savall ist eine Institution in Sachen historisch informierter Aufführungspraxis. In dieser Saison stand er erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker – nun kehrt er zurück, um mit Le Concert des Nations das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart zu interpretieren. Im Interview spricht er über sein Debüt mit den Philharmonikern, verrät, was das Requiem so einzigartig macht, und zeichnet sein ganz persönliches Bild vom Menschen Mozart.

Seit 2011 laden die Berliner Philharmoniker Sie und Ihre Ensembles regelmäßig zu Gastspielen in die Philharmonie ein. Doch diese Saison war besonders: Im Rahmen einer Hommage kamen Sie gleich mehrfach nach Berlin – und standen mit Werken von Rameau, Gluck und Mozart erstmals selbst am Pult der Berliner Philharmoniker. Wie haben Sie Ihr Debüt erlebt?

Wunderbar! Am Anfang war ich ein bisschen skeptisch, ob sich so ein barockes Werk wie die Suite aus Rameaus Oper Naïs mit modernen Instrumenten stilistisch überzeugend umsetzen lässt. Umso mehr hat mich überrascht, wie schnell die Musikerinnen und Musiker den Charakter dieser Musik erfasst haben, wie viel Freude sie daran hatten, die Grenze zur Barockmusik zu überschreiten und die unterschiedlichen Verzierungstechniken stilsicher zu spielen. Natürlich ist es mit modernen Bögen und Stahlsaiten viel schwieriger, diese Flexibilität zu erreichen, die die Barockmusik verlangt – aber sie haben es großartig gemeistert: virtuos, engagiert und voller Spielfreude.

Sie treten vor allem mit Ensembles auf, die sich der historisch informierten Aufführungspraxis widmen. Im Vergleich dazu die Philharmoniker: Was war für Sie als Dirigent anders, woran haben Sie mit dem Orchester gearbeitet?

An der Artikulation, die steht für mich an erster Stelle. Es ist wie beim Sprechen: Wenn die Konsonanten nicht gut artikuliert sind, versteht man die Sprache nicht. Es geht nicht darum, nur forte und piano zu spielen – über den Noten stehen so viele Artikulationszeichen: Punkt, Akzent, Keil. Das muss alles unterschiedlich umgesetzt werden. Es gibt ein einfaches piano und ein piano mit Druck, bei dem es darauf ankommt, wie der Bogen die Saite berührt, wie der Druck entsteht – und wie man ihn wieder loslässt. Dann wird die Musik klarer, dynamischer und die Kontraste treten deutlicher hervor. Während unserer Proben sind die Philharmoniker richtig aufgeblüht. Sie haben sich untereinander angeschaut, gelacht, sich gefreut – und wirklich mit »Pfeffer und Salz« gespielt.

Jordi Savall dirigiert Mozarts »Jupiter«-Symphonie

Vom Cello zur Gambe

Sie sind ausgebildeter Cellist, haben nach dem Studium die Gambe als Ihr Instrument entdeckt – und damit auch das Repertoire der Alten Musik. Was hat Sie an der Gambe und der alten Musik so fasziniert?

Ja, ich habe ganz klassisch mit dem Cello begonnen und natürlich das gängige Repertoire dieses Instruments gespielt. Eher zufällig stieß ich dann auf die Musik für Gambe – und war sofort fasziniert. Anfangs spielte ich diese Stücke noch auf dem Cello. 1964 bekam ich schließlich meine erste Gambe und brachte mir das Instrument autodidaktisch bei. Mir war klar, dass kaum etwas von dieser Musik ediert – also nicht als gedruckte Notenedition (Anm. der Red.) vorlag. Also ging ich in die Bibliotheken nach Paris und London – und entdeckte dort die Werke aus der goldenen Zeit der Gambe. Ich war überwältigt: »Mein Gott, was für eine unglaublich schöne Musik!« Damals kannte diese Stücke fast niemand. Ich bestellte Mikrofilme der Originalhandschriften und erstellte mir daraus mein eigenes Notenmaterial.

Sie haben drei international sehr erfolgreich Alte-Musik-Ensembles gegründet: Hespèrion XX (heute Hespèrion XXI), La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations. Warum blieb es nicht bei einem, sondern wurden drei Ensembles?

Die Musikgeschichte ist sehr lang und vielseitig, wir machen Musik vom Mittelalter bis zum Barock: Mit einem einzigen Ensemble lässt sich dieses breite, stilistische Spektrum nicht adäquat wiedergeben. Nach meinem Studium fing ich an, mit sehr guten Musikerinnen und Musikern Konzerte zu geben. Eines Tages trat eine Plattenfirma an uns heran und wollte unser Programm sofort aufnehmen. Also brauchten wir einen Namen: Hespèrion XX. Später wollten wir Vokalmusik aufführen. Da entschied ich mich, ein Vokalensemble zu gründen: La Capella Reial de Catalunya – mit Sängerinnen und Sängern aus verschiedenen Ländern. Und dann brauchte ich für Opernaufführungen von französischer Musik ein größeres Orchester. So entstand Le Concert des Nations.

Le Concert des Nations bringen Sie zu ihrem letzten Berliner Konzert in dieser Saison mit. Was zeichnet dieses Ensemble aus?

Dieses Orchester ist etwas ganz Besonderes: Seit 2019 setzt es sich je zur Hälfte aus jungen Musikerinnen und Musikern und aus erfahrenen Profis zusammen. Die Jungen bringen Energie, Neugier, Fantasie, Spontaneität und Leidenschaft mit – die Etablierten sorgen für Sicherheit, Klangkultur und Stabilität. Zusammen entsteht eine elektrisierende Mischung. Die Europäische Union unterstützt uns dabei jährlich mit 600.000 Euro. Das klingt nach viel, deckt aber nur rund 40 Prozent unseres Projektbudgets. Den Rest muss ich Jahr für Jahr neu einwerben.

Schwerpunkt Mozart

Ein Programmschwerpunkt Ihrer Konzerte in dieser Saison bildet die Musik Mozarts. Bei ihrem Philharmoniker-Debüt dirigierten Sie die »Jupiter«-Symphonie, jetzt beim Auftritt mit Le Concert des Nations erklingt das Klarinettenkonzert und das Requiem. Letzteres hat für Sie persönlich eine besondere Bedeutung. Welche?

Ihm verdanke ich, dass ich Musiker geworden bin. Als 13-Jähriger saß ich in einer Probe des Requiems und mir kamen plötzlich die Tränen. Ich sagte zu mir: »Wenn Musik solche Emotionen erzeugen kann, dann will ich selbst Musik machen.« So entschied ich, Cello zu studieren. 

Sie kennen die ganze stilistische Bandbreite der europäischen Musik – von Anfang an. Requiem-Vertonungen gibt es aus allen Epochen. Was macht das Mozart-Requiem für Sie so besonders?

Als Mozart das Requiem komponierte, war er auf der Höhe seines Schaffens – und zugleich in einer existenziellen Grenzsituation. Schwer krank, von Schulden geplagt, die Möbel gepfändet, frierend in seiner Wohnung: Er führte damals ein bitterhartes Leben. Und ich denke: Das brachte etwas aus seiner Seele hervor, das einen sofort berührt, wenn man diese Musik spielt und hört. Man spürt in dieser Musik eine metaphysische Situation und einen Geist – einen revolutionären Geist – gegen alle Kräfte, die sein Leben zerstört haben. 

Inwieweit hat die Auseinandersetzung mit der Alten Musik Ihre Interpretation von Mozarts Musik geprägt?

Wir kennen die Renaissance, das 17. Jahrhundert, die Werke von Lully, Rameau, Händel, Bach, Gluck. Mit diesem »Gepäck«, diesem reichen Erfahrungsschatz, der noch in der Wiener Klassik gegenwärtig war, nähern wir uns Mozart. Wir versuchen, seine Musik so zu spielen, wie sie in seiner Zeit geklungen haben mag. Wer jedoch von der anderen Seite der Musikgeschichte kommt, von Strauss, Mahler und Strawinsky bringt ein anderes »Gepäck« mit. Doch entscheidend ist etwas anderes: Die Musik muss leben dürfen. Es ist wie zwischen zwei Menschen: Man kann jemanden lieben – aber wenn man ihm keinen Raum lässt, sich nicht entfalten zu dürfen, ist wahre Liebe unmöglich. Und mit der Musik ist es genauso.

Warum dirigieren Sie das Requiem und das Klarinettenkonzert in einem Programm? Das ist ein denkbar großer Kontrast.

Ja, aber ein Kontrast, der ideal passt. Das Klarinettenkonzert gehört – wie das Requiem – zu Mozarts letzten Werken. Und doch hört man darin pure Freude, die Lust am Amüsieren, diese tiefe Sehnsucht nach Schönheit. Das Konzert ist ein echtes Schmuckstück und das perfekte Gegengewicht zum Requiem.

Die Klarinette war zur Zeit Mozarts noch ein relativ modernes Instrument, was machte damals ihre Modernität aus, warum kam sie gerade damals so in Mode?

Weil sie die Zeit repräsentiert: die Leichtigkeit und Virtuosität von Rokoko und Klassik. Sie ist kein dramatisches Instrument wie beispielsweise das Cello. Sie spricht mit einem Klang, der nie scharf ist. 

Sie haben sich viel mit Mozart beschäftigt. Welche Hinweise gibt seine Musik auf den Menschen Mozart?

Er muss ein erstaunlicher Mensch gewesen sein, eine Kombination aus Kind und genialem Künstler. Seine Seele war rein wie die eines Kindes. Er konnte sich ganz komische Dinge vorstellen – und seine Briefe und seine Musik zeigen das. Er war provokant, hatte aber auch Respekt vor allem. Er hat immer um seine Freiheit gekämpft, um die Freiheit von der Kirche und dem gesellschaftlichen System, in dem Musiker wie er nur Diener waren.