Von: Susanne Stähr
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Sepiafarbenes Porträt eines jungen Mannes mit gewelltem, zerzaustem Haar, der eine dunkle Jacke, ein weißes Hemd und eine große Fliege trägt und mit einem neutralen Gesichtsausdruck leicht zur Seite blickt.
Hans Rott, Wien 1883 | Bild: Mertens, Mai & Cie, W, Dr. Uwe Harten und Klaus Schramm, Internationale Hans Rott Gesellschaft

»Das klingt ja wie Gustav Mahler!« Diesen Ausruf hört man häufig, wenn Hans Rotts E-Dur-Symphonie gespielt wird. Erst 110 Jahre nach seiner Entstehung gelangte das visionäre Werk zur Uraufführung – mittlerweile ist es endlich im Repertoire angekommen. Im Februar steht es bei den Berliner Philharmonikern auf dem Programm, Paavo Järvi dirigiert.

Vergessen wurde er, die Musikwelt hatte sein Schaffen aus dem historischen Gedächtnis getilgt, mehr als 100 Jahre lang. Hätte man noch vor 40 Jahren eine Runde von Fachleuten befragt, wer eigentlich Hans Rott sei, Achselzucken wäre wohl die Antwort gewesen. Vielleicht allerdings hätte der ein oder die andere sich erinnert, dass Gustav Mahler einmal gegenüber seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner von einem Jugendfreund und früh verstorbenen Komponistenkollegen gesprochen hatte: »Was die Musik an Hans Rott verloren hat, ist gar nicht zu ermessen: zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser Ersten Symphonie, die er als 20-jähriger Jüngling schrieb und die ihn – es ist nicht zu viel gesagt – zum Begründer der neuen Symphonie macht, wie ich sie verstehe. […] Ja, er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen, die derselbe Boden erzeugt, die gleiche Luft genährt hat.« 

Mahlers euphorisches Urteil führte aber merkwürdigerweise nicht dazu, dass sich die wachsende Schar seiner Verehrer auch für Rott interessiert hätte. Es dauerte vielmehr bis zum Jahr 1989, ehe die von Mahler so schwärmerisch erwähnte E-Dur-Symphonie im amerikanischen Cincinnati ihre Weltpremiere feierte. Dann jedoch kam eine Lawine ins Rollen. Das Wort von »Mahlers Nullter« machte rasch die Runde und hob das Werk in den Rang eines Modells und Vorläufers. Aufführungen in Paris, London und Wien schlossen sich an – mittlerweile liegen zwölf Einspielungen vor, dazu mehrere Buchpublikationen sowie eine Fülle wissenschaftlicher Beiträge – und Hans Rott, der Unbekannte, galt mit einem Mal als Brückenkopf zur Moderne.

Studium bei Bruckner

Zur Legendenbildung taugte der 1858, also zwei Jahre vor Mahler geborene Rott nicht zuletzt wegen seines kurzen und tragisch anmutenden Lebensweges, der 1884 in der Niederösterreichischen Landesirrenanstalt endete. Als Sohn eines Wiener Schauspielerpaares war er früh schon mit den Künsten in Berührung gekommen, seine musikalischen Neigungen wurden im Elternhaus nachhaltig gefördert, und so konnte er sich 1874/75 am Wiener Konservatorium immatrikulieren. Dort muss seine Begabung ebenfalls aufgefallen sein, denn als die Familie nach dem Tod des Vaters 1876 in finanzielle Bedrängnis geriet, wurde Hans Rott sogleich ein Stipendium gewährt, mittels dessen er seine Ausbildung fortsetzen konnte. 

Gemeinsam mit Mahler besuchte er die Kompositionsklasse von Franz Krenn, sein Orgellehrer wiederum war Anton Bruckner, der ihn 1877 mit einem exzellenten Empfehlungsschreiben ausstattete: »Hans Rott […] ist ein genialer Musiker, höchst liebenswürdig und bescheiden, sehr sittlich, spielt Bach ausgezeichnet und improvisiert (als 18-jähriger Jüngling) staunenswert«, attestierte ihm Bruckner und folgerte: »Er war bis jetzt mein bester Schüler.«

Ablehnung durch Brahms

Bei den maßgeblichen musikalischen Kräften der Stadt allerdings kam der »beste Schüler« nicht gleichermaßen gut an. 1878, zum Abschluss seines Studiums, nahm er an einem hochschulinternen Kompositionswettbewerb teil; eingereicht hatte er den Kopfsatz seiner E-Dur-Symphonie. Sechs der sieben Teilnehmer, darunter auch Gustav Mahler, wurden mit Preisen bedacht – Rott aber ging leer aus, als Einziger: Zu wagnerisch sei das Werk, nörgelten die gestrengen Juroren und ließen bei der Vorführung höhnisches Gelächter erschallen. Rott aber setzte die Arbeit an der großangelegten Symphonie unbeirrt fort und konnte die Partitur im Spätsommer 1880 abschließen. 

Noch einmal wollte er sich damit der Konkurrenz stellen, und zwar dem Vergabeverfahren für ein Staatsstipendium. Diesmal plante er, taktisch klüger vorzugehen, er wollte den Fachberatern vor ihrer Entscheidung höchstselbst eine Visite abstatten, sie persönlich überzeugen von seiner künstlerischen Vision. Er erbat deshalb einen Termin bei Johannes Brahms, dem er die Symphonie Mitte September 1880 zur Beurteilung vorlegte. Die Reaktion hätte vernichtender nicht ausfallen können. Neben allerlei Schönem finde sich »so viel Triviales oder Unsinniges in der Composition«, dass Rott sie selbst nicht zur Gänze geschrieben haben könne, befand der Meister und legte dem hoffnungsfrohen Aspiranten nahe, doch besser die Profession zu wechseln.

Psychische Erkrankung

Für Hans Rott kam dieses Verdikt einem Todesurteil gleich. Dass Brahms ihn verhindern und vernichten wolle, stand für ihn fortan fest – ein Verdacht, der sich zu einer »Idée fixe« steigerte. Immer wieder fühlte er sich von quälenden, männlichen Stimmen verfolgt und verfiel in wahnhafte Halluzinationen. Ende Oktober schließlich bedrohte er im Bahnabteil einen Mitreisenden, der sich gerade eine Zigarre anzünden wollte, mit vorgehaltener Pistole: Brahms habe den ganzen Waggon mit Dynamit füllen lassen, man fliege in die Luft, wenn er Feuer gebe, ließ er den verdutzten Reisegefährten wissen. Rott wurde der Zugaufsicht überstellt, in eine Wiener Klinik eingewiesen und, als sich sein Zustand nicht besserte, in der Nervenheilanstalt festgehalten.

Zwei Selbstmordversuche hat er in den verbleibenden dreieinhalb Jahren seines Lebens unternommen, nur an wenigen Tagen war er klarer Gedanken fähig und versuchte noch einmal zu komponieren. Heilanstalten dieser Tage waren aber eher nicht dazu geeignet, psychische Leiden wirklich zu heilen. Am Ende verweigerte Rott gänzlich die Nahrung und starb, abgemagert bis aufs Skelett, am 25. Juni 1884 an einer Tuberkuloseerkrankung – nicht einmal 26 Jahre alt.

Ein Mann mit einer Halbglatze und in einem schwarzen Hemd sitzt vor einem neutralen Hintergrund. Er schaut neutral in die Kamera.


Live in der Digital Concert Hall

Hans Rotts Erste Symphonie unter der Leitung von Paavo Järvi

Verwandtschaft mit Mahler

Und das nur, weil Brahms die E-Dur-Symphonie verwarf? Hatte das Werk tatsächlich solch harsche Kritik verdient? Gewiss wirkt manches eklektisch in dieser Partitur, zum Beispiel die Anspielungen auf Wagners Meistersinger gleich im ersten Satz, die nicht zu überhören sind. Auch Anton Bruckner klingt mitunter durch, etwa in der Behandlung der Bläser, in der orgelähnlichen Registrierung der Klänge oder in der fast manischen Repetition motivischer Floskeln. Am frappierendsten freilich erscheint die Verwandtschaft zu Gustav Mahler, in dessen Symphonien sich bestimmte melodische Wendungen fast im Wortlaut wiederfinden. Auch die Vorliebe für trivialmusikalische Einflüsse – von Volksliedern oder Militärmärschen – eint die beiden. 

Der mit »Sehr langsam« überschriebene zweite Satz von Rotts Symphonie weckt ganz unmittelbar Assoziationen an das Finale von Mahlers Dritter Symphonie, wohingegen das Scherzo auf die Fünfte verweist. Wohlgemerkt: Hans Rott schuf seine Musik einige Jahre, bevor die erwähnten Werke Mahlers entstanden. Die Frage, wer hier von wem profitiert haben könnte, ist also bereits beantwortet.

Ein Vorwurf muss diese Feststellung nicht sein: Kein Komponist kommt aus dem Nichts, auch ein Mozart oder ein Beethoven kannten ihre Vorbilder. Bedauerlich bleibt allein die Tatsache, dass Mahler, der den Wert des Rott’schen Œuvres zu schätzen wusste, nichts dafür unternommen hat, es zu verbreiten – als einem der gefragtesten Dirigenten seiner Zeit hätten ihm alle Möglichkeiten offen gestanden. Wollte er also den Schleier des Geheimnisses bewusst wahren und den Eindruck vermeiden, er habe Rotts Symphonie gewissermaßen als Steinbruch der Inspiration genutzt? Mahler hätte dies nicht nötig gehabt, sein Rang und seine Größe brauchten keinen Vergleich zu scheuen. Hans Rott aber wäre schon viel früher Gerechtigkeit zuteilgeworden, denn seine E-Dur-Symphonie, die bei aller Heterogenität doch originell wirkt und eine erstaunliche Reife aufweist, lohnt in jedem Fall die Begegnung.