Ein glückliches Paar

Im Porträt: Bratschist Antoine Tamestit

Antoine Tamestit
(Foto: Lenaka.net)

Der 44-jährige Antoine Tamestit begeistert auf der Bratsche mit seiner warmen, farbenreichen Tongebung. Im Bratschenkonzert von Jörg Widmann, das Tamestit gewidmet ist, kann der Schüler von Tabea Zimmermann sein Instrument noch von einer ganz anderen klanglichen Seite zeigen – perkussiv, grimmig, aufrüttelnd.

Vielleicht hätte er doch bei der Violine bleiben sollen! Wäre Antoine Tamestit Geiger geworden, dann hätte er sicher schon vor Jahren bei den Berliner Philharmonikern debütieren können. Violinkonzerte stehen regelmäßig auf dem Programm des Orchesters, und wer mit Preisen so hoch dekoriert ist wie der 1979 geborene Franzose, der wäre fast zwangsläufig zum Einsatz gekommen. Da sich Tamestit aber nach vier Jahren Violinunterricht für die Bratsche entschied, dauerte es eben etwas länger – die Zahl der Orchesterwerke mit Soloviola ist überschaubar. Doch jetzt endlich, nach zwei Jahrzehnten in der Topliga des internationalen »Geschäfts«, darf er sich auf seinen Einstand bei den Philharmonikern freuen. Mit einem Werk, das eigens für ihn und seine geradezu universellen Fähigkeiten als Virtuose, Musiker und Darsteller entstanden ist: mit dem Violakonzert von Composer in Residence Jörg Widmann.

Eine glückliche Entscheidung

Tamestit selbst bedauert keinen einzigen Moment, dass er die Bratsche zu seinem Instrument gewählt hat. Es geschah, als er neun Jahre alt war und auf einer Schallplatte seinen Landsmann Paul Tortelier mit Johann Sebastian Bachs Suiten für Violoncello solo hörte. Was für ein warmer, dunkler, tiefer Klang! Das war doch etwas anderes als seine kleine Dreiviertelgeige, auf der er täglich üben musste. Doch als er sich selbst am Cello versuchte, fühlte sich der junge Antoine nicht wohl damit. Die Bratsche bot da einen wunderbaren Kompromiss: Er konnte die gewohnte Spielhaltung beibehalten, zugleich aber Klangregionen und farbliche Valeurs erobern, etwa den vielbeschworenen »bratschigen Brustton«, die ihm auf der Geige verschlossen geblieben wären.

Als besonders »menschlich« empfindet Tamestit den Ton der Bratsche: »Er ist für mich wie eine Muttersprache, wirkt tröstlich, trifft direkt ins Herz.« Dass er als Bratschist auch im übertragenen Sinne nicht die erste Geige spielen kann, stört ihn gar nicht – im Gegenteil: »Wir sind einfach anders, wir sind die Mitte. Man kann uns mit normalen Menschen vergleichen, und das gibt uns eine gewisse Leichtigkeit. Wir sind relaxter als die anderen.« Mit seinem Faible steht er nicht allein. »Auch Bach liebte die Bratsche und spielte sie, Mozart und Schubert ebenso. Sie alle haben dann auch besonders schöne Bratschenstimmen in ihren Orchesterwerken und ihrer Kammermusik geschrieben. Die Bratsche war für sie zentral: der Kern der Musik.«

Antoine Tamestit ist so vielseitig wie kaum ein zweiter – ihn auf die Rolle eines Virtuosen zu reduzieren, würde klar zu kurz greifen. Sein Repertoire reicht von Telemann bis zur Gegenwart, seine Ausdruckspalette vom seraphischen Schönklang bis zur Geräuschkunst und Performance. Vielleicht hat seine Offenheit auch mit seiner Herkunft zu tun. Tamestits Großeltern stammten aus jüdischen, aus sephardischen Familien, sie lebten im Maghreb: die eine Hälfte in Marokko, die andere in Algerien. Er selbst kam in Paris zur Welt, Vater Gérard Tamestit wirkte dort als Geiger und Komponist.

Musik war allgegenwärtig im Elternhaus, und zwar Musik aller Arten: von Pergolesi bis Berio, von Bach bis Mahler, von Ravel bis Jacques Brel. Als Antoine fünf war, erteilte ihm der Vater den ersten Violinunterricht. Jean Sulem brachte ihm am Pariser Konservatorium die Grundlagen der Technik nahe; bei Jesse Levine an der Yale University ergründete Tamestit die Geheimnisse von Klang und Ausdruck; und Tabea Zimmermann machte ihn an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule mit den Finessen der Konzertpraxis vertraut. Sie verehrt er noch heute mehr als alle anderen, schwärmt von ihrer Eleganz und Vornehmheit.

Ein junger Wilder

Liest man die Liste der internationalen Preise, die Antoine Tamestit ab dem Jahr 2000 gewann, so fehlt keiner der großen Wettbewerbe: Die Primrose Viola Competition ist ebenso dabei wie die Young Concert Artists Auditions in New York oder der ARD-Musikwettbewerb in München, den er 2004 als Sieger verließ. Die BBC ernannte ihn zum »New Generation Artist«, das Konzerthaus Dortmund rief ihn mit einer dreijährigen Residenz als »Jungen Wilden« aus. Jung sei er mittlerweile zwar nicht mehr, aber ein wilder Künstler wohl noch immer, räumt Tamestit ein. Denn er liebt das Experiment. Mal gibt er ein Überraschungskonzert, bei dem das Publikum nicht weiß, was kommt, mal konzertiert er im Dunkeln und lässt auf dem Podium nicht mehr als die Lampe am Notenpult leuchten: »Dadurch entsteht eine ganz andere Art des Zuhörens.«

Vor allem aber löst sich Tamestit immer wieder von der traditionellen Position des Solisten zwischen den ersten Geigen und dem Dirigentenpult. Als er mit John Eliot Gardiner in München und Paris Berlioz’ Harold en Italie zur Aufführung brachte, bespielte er gleich die gesamte Bühne. Am Anfang stand Tamestit links oben neben der Harfe und duettierte mit ihr – wie ein Dialog in einem Theaterstück oder Kammermusik wirkte das. Dann durchstreifte er das gesamte Orchester, ganz wie Lord Byrons Held Harold, der durch Italien wandert und die wechselnde Landschaft bestaunt. Die Bratschenstimme, so Tamestit, kommentiere dabei die gewonnenen Eindrücke. Berlioz’ Symphonie mit Soloviola gewinnt durch diese Form der Darstellung eine erstaunliche Suggestivkraft und bezaubernde Poesie.

Selbstfindungen

Einen großen Schritt weiter noch geht er mit Jörg Widmanns Violakonzert, das bei seinem philharmonischen Debüt im Januar 2024 erklingt. Denn Widmann hat das Stück ganz auf Tamestits erstaunliche Qualitäten als Performer zugeschnitten. »Bevor Jörg das Konzert komponierte, hatten wir schon acht Jahre lang gemeinsam Kammermusik gespielt und festgestellt, dass wir dieselbe Musiksprache sprechen«, berichtet Tamestit und vergleicht das Werk mit einer Selbstfindung. »Jörg weiß, dass wir Bratschisten immer einen Weg in der Musik suchen. Wir wissen nicht, ob wir Kammermusiker oder Solisten sind, ob wir Recitals spielen wollen oder mit Orchester. Ich finde am Ende mit den Streichern einen Weg zwischen romantischer und moderner Musik. Das gefällt mir sehr.«

Auf der Strecke zum Ziel muss Tamestit sich sein Instrument erst erobern: In den ersten zehn Minuten darf er mit dem Bogen nicht über die Saiten streichen, sondern er klopft zunächst auf die Kinnstütze; dann entdeckt er das Pizzicato, und erst danach folgt ein gestrichener Ton, leise und zaghaft. Dafür darf er auf der Reise durchs Orchester mit seinem Bogen in der Luft gestikulieren oder sich mit der Tuba duellieren; auf dem Höhepunkt der Musik soll er sogar singen und schreien. »Ich muss da wirklich viel machen«, bekennt Tamestit und gesteht, dass es nicht einfach sei, gleichzeitig zu laufen und virtuose Passagen zu meistern.
 

Bodenhaftung

Ob Mozart, Berlioz oder Widmann: Antoine Tamestit interpretiert sie alle auf seiner Stradivarius »Mahler« von 1672, der wohl berühmtesten Viola der Welt und der ersten Bratsche, die der legendäre italienische Instrumentenbauer anfertigte. Die Schweizer Habisreutinger-Stiftung vertraute sie Tamestit 2008 als Leihgabe an, und der ist sich seiner Verantwortung bewusst: »Meine Stradivari ist ein Kunstwerk, wie ein Gemälde von Leonardo da Vinci. Aber sie ist auch mein tägliches Arbeitsgerät.« Also darf er nicht zu befangen sein, darf nicht ständig an die 40 Millionen US-Dollar oder mehr denken, die sein Instrument heute wohl bei einer Versteigerung erbringen würde. Aber eines weiß er sicher: »Diese Bratsche erstaunt mich immer wieder. Sie lässt mich glauben, dass wir zu zweit auf der Bühne sind. Es ist eine symbiotische Beziehung, wie bei einem glücklichen Paar. Ich gehe den Weg, den sie vorschlägt, und sie folgt mir zugleich. Beim Schlussapplaus bedanke ich mich stets mit einer Bogenbewegung bei ihr. Denn sie ist es, die den Klang ausmacht – natürlich mit etwas Hilfe von mir …«

Antoine Tamestit, der mit einer Sängerin verheiratet und Vater zweier Kinder ist, steht mit beiden Beinen im Leben. Wenn er nicht auf Tour ist, liebt er die Häuslichkeit, unternimmt etwas mit der Familie, geht in Ausstellungen, backt und kocht. »Dann vergesse ich den ganzen anderen Stress«, weiß er. Denn aufgeregt ist er noch immer vor seinen Auftritten, auch wenn er mit Stretching und Meditation ein gutes Mittel gefunden hat, um die Nervosität zu bekämpfen. Das große Ziel ist am Ende immer wichtiger. Und für Tamestit heißt es: »Die Leute sollen die Bratsche genau so lieben, wie ich sie liebe.«

Susanne Stähr

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