Die Royal Albert Hall ist einer der berühmtesten Konzertsäle der Welt. Auch wer nichts über klassische Musik weiß, kennt wahrscheinlich das gewaltige Auditorium aus der »Last Night of the Proms«. Wer aber war Albert, dem der Saal seinen Namen verdankt? Da wird es schon schwieriger. Ein Prinz war er und der Ehemann von Königin Victoria – aber sonst? Wir stellen einen der wichtigsten Musikfreunde der britischen Geschichte vor.
Wie Prinz Albert ausgesehen hat, kann man bei einem London-Besuch leicht feststellen. Denn nicht weit von der Royal Albert Hall, in Kensington Gardens, sitzt er: golden und würdevoll als Monumentalstatue unter einem neugotischen Baldachin. Wie hat er sich diese unübersehbare Ehrung verdient?
Die Antwort beginnt im fränkischen Coburg: Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, 1819 auf Schloss Rosenau geboren und seit 1840 Ehemann Königin Victorias, war weit mehr als eine dekorative Figur am britischen Hof. Bildungshunger zeichnete ihn aus, Reformeifer, Organisationstalent und eine leidenschaftliche Liebe zur Musik. Diese war für ihn kein höfischer Zeitvertreib, sondern ein unverzichtbarer Teil der Allgemeinbildung.
Albert war selbst ein ausgezeichneter Musiker. Er spielte Orgel und Klavier, komponierte Lieder und geistliche Werke, und mit Felix Mendelssohn Bartholdy verband ihn freundschaftliche Zuneigung. Wenn Mendelssohn im Buckingham-Palast zu Gast war, setzten sie sich abwechselnd an die Orgel, und Albert war sich nicht zu schade, für den Komponisten die Register zu ziehen.
Sein Eifer blieb nicht auf die Musik beschränkt. Als Kanzler der Universität Cambridge setzte er sich für eine Reform der Lehrpläne ein: weniger Klassiker, weniger Mathematik – mehr Naturwissenschaften, moderne Geschichte und die sogenannten Moral Sciences. Auch gesellschaftspolitisch bezog Albert Position: Er verurteilte öffentlich Sklaverei und Kinderarbeit, was damals als ausgesprochen fortschrittlich galt.
Alberts kulturpolitisches Meisterstück war die »Great Exhibition« im Jahr 1851. Gemeinsam mit dem progressiven Politiker Henry Cole und entgegen vielfacher Skepsis brachte Albert die Weltausstellung im Crystal Palace im Hyde Park auf den Weg. Sie war ein überwältigender Erfolg und Albert beschloss, den finanziellen Gewinn in seine drei großen Leidenschaften zu investieren: Bildung, Wissenschaft und Kunst. Auf seinen Vorschlag hin wurde Land in South Kensington erworben und es entstand jenes Quartier, das von den Londonern bald (halb bewundernd, halb augenzwinkernd) Albertopolis genannt wurde.
Die dortigen Institutionen prägen noch heute die kulturelle Landschaft Londons: das Victoria and Albert Museum, das Science Museum, das Natural History Museum, das Imperial College, das Royal College of Music, und schließlich die große Halle, die zunächst Central Hall of Arts and Sciences heißen sollte. Albert selbst erlebte ihre Vollendung nicht mehr, er starb 1861 im Alter von nur 42 Jahren. Königin Victoria, die bis zu ihrem eigenen Lebensende um ihre große Liebe trauerte, legte 1867 den Grundstein und bestimmte, dass die Halle den Namen ihres verstorbenen Mannes tragen solle: Royal Albert Hall of Arts and Sciences.
Am 29. März 1871 wurde der Bau eröffnet. Architektonisch war er ein Triumph, akustisch – vorsichtig gesagt – eine Herausforderung. Die riesige Kuppel warf den Klang so konsequent zurück, dass man spottete, in der Royal Albert Hall könne man ein Werk gleich zweimal hören. Es gab Versuche, das Problem mit Segeltuch oder Aluminium zu beheben, doch wirklich gezähmt wurde das Echo erst 1969. Damals montierte man Akustiksegel aus Fiberglas unter der Decke, die von den Londonern wegen ihrer Form liebevoll mushrooms genannt werden.
Für die Berliner Philharmoniker ist die Royal Albert Hall längst mehr als ein gelegentlicher Stopp auf Konzertreisen. Insgesamt vierzig Mal war das Orchester hier zu Gast, zuerst unter Wilhelm Furtwängler am 4. Dezember 1927, damals mit der Tannhäuser-Ouvertüre und Beethovens Erster Symphonie. Seit 1973 tritt das Orchester im Rahmen der BBC Proms hier auf – die Leitung bei diesem Festival-Debüt lag in den Händen von Herbert von Karajan.
Auch in diesem Festivalsommer kehrt das Orchester mit Chefdirigent Kirill Petrenko in den gewaltigen Saal mit seinen über 6.000 Plätzen zurück. Zu hören sind Werke von Elgar, Tschaikowsky und Skrjabin sowie Beethovens Violinkonzert mit Augustin Hadelich als Solist: ein ebenso klangvolles wie vielfältiges Programm, von dem der musikliebende Prinz zweifellos begeistert gewesen wäre.