Ein Gastbeitrag von Frederik Hanssen

Ideal perfekter Schönheit in der Musik

Zum 30. Todestag von Herbert von Karajan

(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)

Was für ein schöner Zufall: Passgenau zum 30. Todestag des Dirigenten ist der Umbau der Herbert-von-Karajan-Straße vor der Philharmonie abgeschlossen. Der 1998 im Angedenken an die Jahrhundertpersönlichkeit umbenannte Teil der Matthäikirchstraße präsentiert sich den Passanten nun auf eine neue, urbane Weise einladend. Durch die Reduzierung der Straße von vier auf zwei Fahrstreifen wurde viel Platz zum Flanieren geschaffen. Wer ein Konzert am Kulturforum besucht, hat es jetzt noch bequemer. Und das passt bestens zu Karajan, der ja in allererster Linie ein Live-Künstler war. Ein Interpret, zu dessen Aufführungen man pilgerte.

Faszinierende Persönlichkeit

Wo auch immer er in der Welt auftrat, die Ausstrahlung dieses Ausnahmekünstlers faszinierte das Publikum. »Seine Person schien etwas von der geheimnisvollen Aura des romantischen Genies ins Jet- und Medienzeitalter zu transportieren«, beschrieb die Musikkritikerin Sybil Mahlke diese Wirkung in ihrem Nachruf im Juli 1989 im Tagesspiegel. Am Besten konnte sich dieser Zauber natürlich in der Philharmonie entfalten, dem grandiosen Weinberg-Saal des Architekten Hans Scharoun, für den sich Karajan von Anfang an stark gemacht hatte. Hier konnte er ab 1963 seine ästhetischen Ideale zur Perfektion kultivieren, in symbiotischer Wechselwirkung mit seinen Philharmonikern.

Proben mit viel Einfühlungsvermögen

Der Spitzname »Zirkus Karajani«, den die Berliner Schnauze dem Bau verpasste, verfehlt die Wahrheit. Denn hier ging es auch in der glanzvollen Ära des Maestros gar nicht um Glamour, sondern um die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Partituren. »Die Probenarbeit war von einer Intensität, einer Genauigkeit und einer Art kammermusikalischem Zusammenspiel«, schwärmt der langjährige Cellist Götz Teutsch über Karajan. »Er hat in den Proben mit viel Einfühlungsvermögen fast jedem einzelnen das Gefühl gegeben: Er spricht mit dir, er lässt dich mitarbeiten mit den Solobläsern und den Konzertmeistern.«

Die nachhaltige Beschäftigung mit Beethoven – dokumentiert in drei Gesamteinspielungen aller Sinfonien von Karajan und den Philharmonikern –, die Pflege des romantischen Kernrepertoires von Brahms bis Bruckner, die späte Hinwendung des Dirigenten zu Gustav Mahler, die rauschhaften Klangerlebnisse mit den Fin-de-Siècle-Wunderwerken von Richard Strauss – wer es miterlebt hat, wird sich an viele Momente erinnern, die würdig waren, »historisch« genannt zu werden. Dem Ideal einer perfekten Schönheit in der Musik ist wohl keiner so nahe gekommen wie Herbert von Karajan. »Ich brauche die vollständige Harmonie«, hat er mit Blick auf sein Kunstschaffen festgestellt – und betont, er sei fest davon überzeugt, dass Klassik den Menschen »in bessere Sphären« heben könne.

Pionier der Medien

Fast 35 Jahre währte die 1955 »auf Lebenszeit« mit den Philharmonikern geschlossene Künstlerpartnerschaft, in der es nur ganz am Ende ernsthafte Probleme zu meistern galt. Auf unzähligen Schallplatten, CDs und Videos ist Karajans Wirken dokumentiert. So manches davon ist nachzuhören und zu -sehen in der Digital Concert Hall der Philharmoniker, wo 19 Konzertmitschnitte abrufbar sind sowie vier Dokumentarfilme über das Phänomen Karajan. Technischen Neuerungen stand er immer aufgeschlossen gegenüber, beförderte schon die frühe Stereofonie, lancierte dann 1981 mit Sony die CD und begeisterte sich auch für die Laser-Disc-Technik, die sich dann allerdings nicht durchsetzen sollte. Dass die Berliner Philharmoniker heute in puncto Medienpräsenz und Distributionswege eines der weltweit innovativsten Orchester sind, verdanken sie auch der Vorarbeit ihres legendären Chefs.

Untrügliches Gespür für Talente

Auf besonders beglückende Weise lebt Herbert von Karajan im Musikleben fort durch die vielen Dirigenten, die er früh gefördert hat, denen er in der Anfangsphase ihrer Karriere mit Rat und Tat zur Seite stand. Lang ist die Liste dieser Namen, zu denen neben Seiji Ozawa und Christian Thielemann auch seine beiden Nachfolger Claudio Abbado und Simon Rattle gehören. Gutes tut der unvergessene Maestro weiterhin auch durch die Orchesterakademie, die seinen Namen trägt. Mit Geldern, die er bei finanzkräftigen Freunden aus der Wirtschaft eingeworben hatte, begründete der Dirigent 1972 ein Stipendiensystem, das es den besten Hochschulabsolventen ermöglicht, zwei Jahre lang Praxiserfahrungen in der Philharmonie zu sammeln, durch Einzelunterricht bei den erfahrenen Profis, durch eigene Kammermusikprojekte und vor allem auch durch die grandiose Möglichkeit, unter den bedeutendsten Dirigenten im großen Saal mitzuspielen. Der Kontrabassist Peter Riegelbauer, der heute die Karajan-Akademie leitet, war 1981 der Erste, der den Sprung aus dem Trainee-Programm in die Festanstellung schaffte. Mittlerweile rekrutiert sich fast ein Viertel der Philharmoniker aus der von Karajan einst so weitsichtig etablierten Akademie.

Wer sich jetzt, aus Anlass des 30. Todestages, mithilfe einer Tonkonserve zurückerinnern möchte an die Liveerlebnisse, die Herbert von Karajan seinen Fans rund um den Globus geschenkt hat, dem sei eine Technik der inneren Fokussierung anempfohlen, die der Maestro selber oft abends im Konzert angewandt hat. Wenn die Musik beginnt: die Augen schließen.

Der Autor ist Musikredakteur des Tagesspiegel. 

1938: Probe zum ersten Konzert mit den Berliner Philharmonikern
(Foto: Rudolf Kessler)
Ein Liebhaber schneller AutosVertragsunterzeichnung: Dirigent auf Lebenszeit
(Foto: Archiv Berliner Philharmoniker)
Bei der Grundsteinlegung der PhilharmonieMit dem Ersten Konzertmeister Michel Schwalbé, im Hintergrund der Cellist Mstislaw RostropowitschBei Aufnahmen1988: Das letzte Konzert in der Philharmonie
(Foto: Reinhard Friedrich)