Der Dirigent als Flugkapitän

Daniel Harding im Gespräch

Daniel Harding
(Foto: Julian Hargreaves)

Daniel Harding, Manchester-United-Fan, Privatpilot und seit elf Jahren Chefdirigent des Schwedischen Rundfunk-Symphonieorchesters, gastiert schon zum zweiten Mal in dieser Saison bei den Berliner Philharmonikern. Aus diesem Anlass trafen wir ihn zum Gespräch – unmittelbar nachdem sein Lieblingsverein im Stadtduell gegen Manchester City unterlag.

128: Daniel, so traurig es klingt, aber es ist die Wahrheit: Nach diesem verlorenen Match liegt Manchester United elf Punkte hinter dem Rivalen.
Daniel Harding: Na ja, da kann man nichts machen.

Bleiben wir dennoch kurz beim Fußball: Gut möglich, dass England und Deutschland bei der WM in Russland im Viertelfinale aufeinander treffen. Was machen Sie, wenn Sie am gleichen Tag ein Konzert dirigieren müssen?
Unser wahres Interesse gilt dem Vereinsfußball, jenen Mannschaften, die jede Woche auf höchstem Niveau spielen. Und das sind genau diejenigen, die man mit Orchestern vergleichen kann, mehr als Nationalmannschaften.

Vereinfacht gefragt: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen einem Trainer und einem Dirigenten?
Ja, die gibt es. Anders als der Regisseur im Theater, der nicht mehr da ist, wenn es losgeht, sind Trainer und Dirigent dann noch auf dem Platz. Machen können sie aber letztlich auch nichts.

Wie bitte?
Nun ja, der Trainer schießt nicht die Tore. Und der Dirigent erzeugt nicht den Klang. Aber er kreiert den Klang. Das ist die große Frage. Nehmen wir die Berliner Philharmoniker. Die wissen, was sie zu spielen haben; natürlich auch, auf wen sie zu hören haben. Wir sprechen über ein Orchester, das perfekt im Zusammenspiel ist. Die brauchen eigentlich keinen Trainer, der ihnen erklärt, wie es geht.

Was macht dann der Dirigent?
Das ist eine Frage, die man sehr leicht beantworten kann – oder eben gar nicht. Sagen wir es so: Wenn die Menschen fragen, ob die Musiker eines solchen Spitzenorchesters ohne Dirigenten spielen können, ist die Antwort klar: Ja, natürlich können sie das. Aber das ist nicht die Frage, die zu stellen ist. Darum geht es für einen Dirigenten nicht.

Worum geht es dann?
Es geht darum, einen ersten Schritt jenen Berg hinauf zu machen, an dessen Ende eine großartige Aufführung steht. Und dafür genügt es nicht, die Möglichkeit zu haben, etwas Bestimmtes zu machen. Es geht um mehr, um anderes. Ich persönlich glaube nicht, dass Musiker den Dirigenten als jemanden betrachten, der die Maschine zum Funktionieren bringt – gewisse Momente ausgenommen. Die Maschine sollte auch ohne Dirigent laufen. Die Herausforderung für einen Dirigenten besteht darin, den feinen Unterschied zu bewirken, einer Interpretation eine Richtung, eine Gestalt zu geben, die nur diese eine Person zu geben imstande ist. Ein großer Dirigent ist jemand, der die Integrität, Architektur und Gestalt eines Musikstückes aufrechterhalten kann und eine Vision davon hat, was erlaubt ist, welcher Raum für die Individualität der einzelnen Musiker gegeben ist: der lebendige Atem innerhalb des Ganzen. Wer zu strikt ist als Dirigent, verringert die Möglichkeiten der Gruppe; wer zu nachlässig ist, opfert die Kohärenz der Form.

Geben Sie ein positives Beispiel, bitte.
Claudio Abbado. Wir beide wissen, dass es diese Diskussionen über seinen Probenstil gab. Er sagte sehr wenig. Ich habe ihn über Jahre bei der Arbeit beobachtet, und immer versuchte ich, hinter sein Geheimnis zu kommen. Was macht er da? Ich denke, er wollte sehen, was passiert, wenn er seine Hände ruhen lässt: Kann ich die Kontrolle stoppen? Im Konzert war es dann so, dass alles wie natürlich floss. Eine Garantie dafür gibt es aber nicht, oder? Nein. Ich weiß aus Erfahrung, dass es diese Momente gibt, wo Dirigent und Orchester zu einer Einheit verschmelzen. Das sind die magischen Momente. Die anderen Momente gibt es aber auch: wenn es funktioniert, mehr aber nicht. Der Unterschied zwischen einer funktionierenden und einer außergewöhnlichen Interpretation kann riesig sein. Und jeder spürt das.

Es scheint fast, als seien die Dirigenten des alten Schlags diesbezüglich im Vorteil gewesen.
Ich kann das nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass diese sogenannte goldene Periode mit Dirigenten wie Karajan und Bernstein beinahe mythisch aufgeladen ist. Wenn aber jemand mit 60 erzählt, wie unglaublich es war, was er mit 20 erlebt hat, wirkt das gefärbt. Für jemanden wie mich, der Haitink oder Jansons im Konzert erlebt und sie mit Bernstein und Karajan vergleichen will, wirkt dieser Vergleich gestellt. Ich bin glücklich, dass es Dirigenten gab, die eine solch titanische Präsenz hatten. Ein Dirigent mit einer großen Persönlichkeit funktioniert heute anders. Und sieht anders aus.

Hat sich vielleicht auch die Bedeutung des Wortes »groß« verändert?
Wenn ich das Wort »groß« verwende, meine ich jemanden, der auf dem höchsten Level agiert. Was aber ein großer Dirigent ist? Schwer zu sagen. Wir leben in einer sehr visuellen Welt. Ich selbst dirigiere nun seit einem Vierteljahrhundert, und ich hatte in Hunderten von Proben und Konzerten die Möglichkeit, vor den größten Orchestern zu stehen. Ich würde sagen: Erfolgreiches Dirigieren besteht zu 80 Prozent aus Wahrnehmungsvermögen und zu 20 Prozent aus Gestik. Ich sehe viele junge Dirigenten, ich sehe perfekte Gesten – aber es hat überhaupt keinen Effekt auf das, was das Orchester macht.

Warum nicht?
Weil die Geste nur ein Werkzeug ist. Wenn das Vermögen zur Wahrnehmung nicht existiert, nützt die physische Geste gar nichts. Ein guter Tonmeister hört manchmal mehr als ein großer Dirigent! Ich persönlich habe Tonmeister getroffen, die hatten ein besseres Gehör als Pierre Boulez. Und trotzdem sind sie keine großen Dirigenten.

Und Sie?
(lacht) Ich war nur ein Jahr auf der Universität in Cambridge. Dann kam ich als ganz junger Musiker direkt zu den Berliner Philharmonikern, als Abbados Assistent. Meine einzige Qualifikation ist die, eine Pilotenlizenz zu haben. Zwischen einem Piloten und einem Dirigenten gibt es jedoch viele interessante Parallelen.

Und die wären?
Als Pilot sitzt man da und drückt auf Knöpfe, das meiste übernimmt der Computer. Und so ist es beim Dirigenten und dem Orchester. Der Dirigent steuert mit den Händen, aber nur das Orchester spielt. Die Möglichkeit einzugreifen, besteht für Dirigenten ebenso wie für Piloten lediglich situativ. Mein Job dabei ist es, die Maschine genau in die Richtung zu steuern, in die ich will und sie auch. Die Berliner Philharmoniker sind ein Orchester, dass es liebt, Momente zu haben, in denen der Autopilot an ist. Ich gebe nur den Impuls.

Sind die Berliner Philharmoniker mehr ein Boeing- oder mehr ein Airbus-Orchester?
(lacht) Diese Frage werde ich Ihnen nicht beantworten. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es andere Orchester gibt, die mehr gekitzelt werden wollen. Fakt ist jedenfalls: Ein begabter Dirigent, der von dem einen Orchester geliebt wird, hat es bei einem anderen Orchester plötzlich schwer obwohl er der selbe Dirigent ist Warum? Weil die Anforderungen und Wünsche unterschiedlich sind. Ich kenne aber außer den Berliner Philharmonikern kein anderes Orchester, das es bei einem komplizierten ritardando richtig findet, wenn ich ruhig bleibe und ihnen einfach zuhöre.

Gibt es erotische Kontexte im Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester?
Ich denke, dass das für jeden etwas anderes bedeutet. Musiker wie Dirigent profitieren von den Möglichkeiten und Ideen des Gegenübers. Aber beide benötigen zeitgleich einen Kompromiss, eine Verbindung dieser Möglichkeiten und Ideen mit den Möglichkeiten und Ideen dieses Gegenübers. Das ist das Geheimnis. Interaktion mit anderen ist immer ein Kompromiss. Wichtig ist, dass beide Schönheit darin finden.

Schönheit wird die Welt retten, hat Dostojewski geschrieben. Darf man Sie sich in diesem Sinn als glücklichen Menschen vorstellen?
Ja, absolut!

Die Fragen stellte Emil Sundström. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Interviews für das Magazin 128, das in unserem Online-Shop und in der Philharmonie erhältlich ist.