Madeleine Carruzzo hat philharmonische Geschichte geschrieben: 1982 kam sie als erste Frau in das Orchester. Mit ihrer brillanten Technik, ihrer mitreißenden Musikalität und ihrem herzlichen Temperament war die Geigerin ein großer Gewinn für die Berliner Philharmoniker. 2023 verabschiedete sie sich in den wohlverdienten Ruhestand. In unserem Interview blickt Madeleine Carruzzo auf ihr spannendes Berufsleben zurück.
Vier Jahrzehnte waren Sie Geigerin bei den Berliner Philharmonikern. Mit welchen Gefühlen sehen Sie Ihrem Abschied zum Ende der Saison entgegen?
Es sind gemischte Gefühle. Ich bin glücklich und dankbar, dass ich 40 Jahre in diesem Orchester spielen durfte und in dieser Zeit auch gesund geblieben bin. Aber natürlich ist auch ein bisschen Wehmut dabei, weil eine wichtige Phase meines Lebens zu Ende geht. Es war eine sehr bereichernde und erfüllende Zeit.
Sie kommen aus der Schweiz, aus Sion, wo es ein berühmtes Musikfestival gibt. Es wurde von dem Geiger Tibor Varga ins Leben gerufen. Wie muss man sich Ihre Kindheit in Sion vorstellen?
Ohne Tibor Varga und dieses Festival wäre ich keine professionelle Musikerin geworden. In meiner Kindheit gab es in Sion keine Möglichkeit, Geige zu lernen. Meine Eltern, die schnell merkten, dass ich mich für Musik interessiere, schickten mich zum Gitarrenunterricht. Mein Lehrer war der Vater von Tibor Varga. Der erkannte, dass ich ein gutes Gehör habe und regte an, ich solle doch Geige lernen. So begann ich als Siebenjährige mit dem Geigenspiel. Anfangs hatte ich eine Lehrerin, die im ganzen Wallis von Stadt zu Stadt reiste, um die Kinder zu unterrichten. Als ich neun Jahre alt war, hörte Tibor Varga mich spielen und er zeigte Interesse an mir. Von dem Zeitpunkt an nahm ich zunächst als Zuhörerin, später als Teilnehmerin während des Sommers an seinem Festival teil. Schon bald wusste ich: Ich will Geigerin werden.
Später haben Sie bei Tibor Varga studiert. Was haben Sie von ihm gelernt?
Vor allem hat er mir eine sehr gute Technik beigebracht. Er hat sich viele Gedanken über das Geigenspiel gemacht, viele wunderbare Übungen selbst geschrieben und er konnte gut erklären, warum etwas auf der Geige so oder so funktioniert. Man braucht eine gute Technik, damit das Instrument klingt und damit man es 40 Jahre lang ohne Beschwerden spielen kann. Zudem war Tibor Varga sehr streng. Er brachte mir Disziplin bei und Respekt vor der Musik. Schließlich hat er auch meinen Sinn für die verschiedenen Klangfarben geschult. Ich verdanke ihm sehr, sehr viel.
Jahrzehntelang waren die Berliner Philharmoniker ein reiner Männerverein. Sie waren die erste Frau des Orchesters. Auf welche Weise haben Sie erfahren, dass sich auch Frauen bewerben können?
Als ich 20 Jahre alt war, hörte mich Peter Herrmann, ein ehemaliger Schüler von Tibor Varga und damals Geiger der Berliner Philharmoniker. Er fragte mich, ob ich bei ihnen vorspielen möchte. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass Frauen zum Probespiel bei den Philharmonikern zugelassen waren. Von Peter Herrmann erfuhr ich, dass bereits seit 20 Jahren immer wieder Frauen zum Vorspiel eingeladen aber nicht genommen worden waren. Ich meinte damals zu ihm: »Ja, das wäre eine Möglichkeit, aber ich will erst mal studieren und dann sehen wir weiter.« Als ich dann mit dem Studium fertig war, habe ich mich tatsächlich beworben.
Wenn man sehr gut Geige spielt, dann wäre ja auch eine Solistenkarriere denkbar. Warum haben Sie sich für die Orchesterlaufbahn entschieden?
Ich glaube, das liegt an meinem Charakter. Eine Solokarriere reizte mich nicht wirklich. Zeitgleich mit Berlin bewarb ich mich auf eine Konzertmeisterstelle im Zürcher Kammerorchester. Von dort erhielt ich aber eine Absage mit der Begründung, dass sie keine Frauen im Orchester haben möchten. Nach Berlin wurde ich eingeladen und es war für mich eine Genugtuung, dass ich dort die Stelle bekam.
Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Berlin zum Probespiel gereist?
Ich hatte nichts zu verlieren. Es war mein erstes Probespiel und eine große Chance. Ich hatte meine Stücke vorbereitet und ich ging in dieses Probespiel hinein, als ob ich ein Konzert spielen würde. Ich trug extra ein Kleid. Man sieht mich zwar ganz selten im Kleid, aber in diesem Fall wollte ich ein Zeichen setzen. Nach dem Vorspiel kamen die Kollegen auf mich zu, schüttelten mir die Hand und meinten: »Das ist ein historischer Moment. Sie sind die erste Frau im Orchester.« Da realisierte ich erst, dass ich angenommen war, aber ich wusste natürlich auch, dass ich noch die Probezeit bestehen musste.
Wie war Ihr Start im Orchester? Wie sind Sie aufgenommen worden?
Im Großen und Ganzen sehr gut. Es gab natürlich ein paar Kollegen, die prinzipiell dagegen waren, eine Frau im Orchester zu haben. Aber Gott sei Dank war mein Probespiel so überzeugend, dass sie mich aus fachlichen Gründen nicht ablehnen konnten. Ich versuchte meinen Job so gut zu machen, wie ich konnte. Ich wollte mich nicht extra als Frau herausstellen, sondern wie jeder andere im Orchester ganz normal mitspielen.
Damals war Herbert von Karajan Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Wie hat er auf Sie reagiert?
Karajan bestellte mich nach der ersten Probe zu sich und fragte: »Wie haben Sie das geschafft?« Ich meinte: »Na ja, ich habe vorgespielt.« Er war sehr freundlich, erkundigte sich, woher ich käme, bei wem ich studiert hätte. Er kannte natürlich Tibor Varga und meine Heimatstadt Sion, weil er dort einmal Flugstunden bei einem Pilot genommen hatte.
1982 waren Karajan und die Berliner Philharmoniker eine Institution. Wie nahmen Sie als damaliger Neuling dieses Orchester wahr?
Was mir als erstes auffiel, war diese unglaubliche Homogenität. Das Durchschnittsalter der Musiker lag damals bei 57 Jahren, es war also ein recht altes Orchester und ich spürte, dass alle sehr miteinander verbunden waren. Zudem hatten sie schon 30 Jahre lang mit Karajan zusammengearbeitet, der das Orchester zu einer Einheit geformt hatte. Für mich war Karajan ein genialer Dirigent. Er konnte mit einer minimalen Geste Unglaubliches erzeugen und er hatte einen wunderbaren Sinn für Klang. Das war eine reine Freude für mich!
War es nicht auch sehr herausfordernd? Sie mussten ja Ihren Platz finden …
Ich empfand das nicht als so schwierig, ich lernte schnell, mich anzupassen. Die Hauptarbeit war für mich vor allem, mir das neue Repertoire anzueignen. Damals kamen fast jede Woche zwei Programme zur Aufführung. Und wir hatten nur zwei Proben und die Generalprobe, dann folgten zwei Konzerte und dann stand schon das nächste Programm an. Wenn Karajan da war, hatten wir dazwischen auch noch Aufnahmen. Am Anfang musste ich sehr viel Neues lernen.
Sie haben dann später eine Familie gegründet und eine Tochter bekommen. Wie wurde das vom Orchester aufgenommen?
Ganz wunderbar! Die Kollegen waren rührend. Ich habe nur drei Monate pausiert, mein damaliger Mann hat mich anfangs sehr unterstützt. Wir engagierten auch gleich jemanden für das Kind, damit wir beide unseren Berufen nachgehen konnten. In den ersten zwei, drei Jahren verschoben sich natürlich die Prioritäten etwas. Mit dem kleinen Baby zu Hause konnte ich zunächst nicht mehr so viel üben. Insgesamt empfand ich diese Zeit als große Bereicherung.
Sie erwähnten bereits, dass der Altersdurchschnitt im Orchester sehr hoch war, als Sie zu den Philharmonikern kamen. Nach Karajan setzte mit dem neuen Chefdirigenten Claudio Abbado ein Erneuerungsprozess ein. Was änderte sich?
Claudio Abbado wollte einen leichteren Klang, vor allem in den Bässen. Außerdem achtete er stärker als Karajan, für den die große Linie wichtig war, auf Phrasierung. Er gestaltete auch seine Proben ganz anders. Karajan war sehr ökonomisch in den Proben. Er hat nur ein paar Übergänge geprobt und fast nie ein Stück komplett gespielt, selbst nicht in der Generalprobe. Abbado ließ uns dagegen immer durchspielen, dabei sagte er relativ wenig. Während des Spielens entstand dann seine Interpretation.
Wie hat sich für Sie der Klang des Orchesters im Laufe der Jahre geändert?
Unter Karajan gab es diesen dunklen, samtigen Klang. Daran hat man uns immer erkannt. Jetzt können wir diesen Klang auch abrufen, wenn der passende Dirigent kommt. Aber wir sind jetzt im Klang sehr viel variabler und flexibler geworden.
Wenn Sie jetzt zurückblicken, wie würden Sie Ihre eigene Entwicklung als Musikerin in diesem Orchester beschreiben?
Ich habe hier unendlich viel gelernt. Ich höre heute die Werke ganz anders, verstehe und kenne sie besser. Ich bin wirklich nur auf die Musik fokussiert.
Sie verlassen das Orchester in einer Phase, in der die Berliner Philharmoniker mit ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko zu neuen Ufern aufbrechen. Bedauern Sie es, gerade jetzt in den Ruhestand zu gehen?
Ich bedaure vor allem, dass diese Anfangszeit mit Kirill Petrenko von der Corona-Pandemie überschattet wurde. Aber ja, ich hätte gerne noch ein bisschen diese Entwicklung mitgemacht. Ich bin sehr glücklich über Petrenko, weil er für mich all das mitbringt, was dieses Orchester braucht: Er hat eine musikalische Vision, geht in die Tiefe der Musik und kann mit seinen Händen, mit seiner Körpersprache alles erreichen, was er möchte. Zudem hat er eine wunderbar menschliche Art, mit dem Orchester zu arbeiten.
Welchen Rat würden Sie den jungen Frauen geben, die jetzt zu den Berliner Philharmonikern kommen?
Eigentlich sollte es egal sein, ob man Frau oder Mann ist. Wichtig ist die Qualität des Spiels. Ich kann nur allen jungen Musikerinnen und Musikern raten, ins Orchester hineinzuhören, sich darin zu integrieren und sich die Leidenschaft fürs Spielen zu erhalten.
Welche Rolle wird Musik nach dem Ausscheiden aus dem Orchester für Sie spielen?
Musik wird immer ein Teil meines Lebens sein. Ich möchte anfangen, Klavier zu lernen. Im Gegensatz zur Geige ist das ein Instrument, auf dem ich Harmonien spielen kann. Dann werde ich öfter in der Schweiz sein, viel lesen, in Konzerte gehen und das Leben genießen.
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