Der Magier mit den graugrünen Augen

Im Porträt: Komponist Karol Szymanowski

Karol Szymanowski
(Foto: George Grantham Bain Collection/Library of Congress, Washington, D.C.)

Karol Szymanowski führte ein Leben, wie es im Buche steht. Glänzende Erfolge und bittere Niederlagen, Reichtum und Armut, Exzesse und Krankheiten lösten einander ab. Die Berliner Philharmoniker spielten Szymanowskis hymnisch-schwärmerisches Erstes Violinkonzert bereits 1926 – es entwickelte sich daraufhin zu einem Klassiker der Moderne. Jetzt steht es unter der Leitung von Chefdirigent Kirill Petrenko erneut auf dem Programm. Solistin ist unsere Artist in Residence Lisa Batiashvili.

Es gibt über ihn unendlich viele Anekdoten – sie alle sind wahr. Karol Szymanowski könnte einem Roman entsprungen sein, allerdings ist es selbst Polens großen Schriftstellern wie Jarosław Iwaszkiewicz oder Ignacy Witkiewicz (beide waren mit dem Komponisten eng befreundet) trotz wiederholter Versuche nicht gelungen, eine ähnliche Figur zu erschaffen. Nein, dieser Mann ist nur als Produkt jener sonderbaren, fantastischen Verhältnisse denkbar, wie sie um 1900 unter den Landadligen der polnischen Diaspora herrschten, fernab der Kulturhochburgen Europas, irgendwo in der tiefsten Ukraine.

Die Familie besaß das einträgliche Gut Tymoszówka und Häuser in Jelisawetgrad (heute Kropywnyzkyi), wo man abwechselnd die Sommer und Winter verbrachte. Karol Szymanowski und seine vier Geschwister führten das Leben hedonistischer Müßiggänger: Lesen, Musizieren, Tennis, Kricket, gut essen und noch besser trinken. Karol oder Katot, wie er liebevoll genannt wurde, behielt den aristokratischen Habitus bis zu seinem Tode bei, trotzdem die Familie vor der Revolution nach Warschau geflohen und über Nacht verarmt war. Fortan lebte er, zeitweilig recht fürstlich, von staatlichen Renten und privaten Mäzenen. Drohte der Bankrott, pumpte er Freunde an, vorzugsweise seinen größten Interpreten Arthur Rubinstein.

Komponiert wurde nur vormittags, das Instrumentieren größerer Werke langweilte ihn

Szymanowski beherrschte sechs Fremdsprachen, Alkohol und Nikotin beherrschten ihn. Er liebte Reisen, sie führten von Russland nach Amerika, ins Maghreb und durch alle europäischen Metropolen. Das kostete, ebenso wie die permanenten Festivitäten und seine bedeutend jüngeren Liebhaber, viel Geld – Geld und Zeit. Komponiert wurde nur vormittags, das Instrumentieren größerer Werke langweilte ihn, Klavierübungen hasste er. Die Entstehung des Balletts Harnasie zog sich über zehn Jahre hin. Nur wenn er Hilfe bekam, ging es schneller voran, sie war unausgesetzt vonnöten. So überließ er es dem Dirigenten und Widmungsträger Grzegorz Fitelberg, seine Zweite Symphonie umzuarbeiten, ohne sich selbst im Geringsten für das Resultat zu interessieren.

Die erste Fassung war von Fitelberg 1911 mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt worden. Bereits 1905 hatten Szymanowski und seine Mitstreiter Paweł Kochański, Ludomir Różycki und Grzegorz Fitelberg in Berlin den Vereinsverlag »Junges Polen« gegründet. Sie hofften sich so im Westen etablieren zu können, Warschau war ihnen zu provinziell und konservativ. Der Maßstab hieß Richard Strauss. Sonst zählten für ihn nur Bach, Beethoven, Wagner und Chopin; in einer bemerkenswerten rhetorischen Volte erklärte Szymanowski, nie »irgendwelche homosexuellen Verirrungen zur Musik von Leuten wie Puccini, Massenet oder Mascagni« gehabt zu haben.

Bei dem impressionistischen Ersten Violinkonzert assistierte ihm 1916 der Geiger Paweł Kochański, weswegen es in nur zwölf Tagen fertiggestellt war. Die Schwierigkeiten begannen erst mit der Uraufführung. Sie sollte in Petrograd stattfinden, doch konnte der Komponist krankheitshalber nicht anreisen, weswegen man das Konzert auf die nächste Saison verschob. Aber die nächste Saison gehörte den Bolschewisten. Erst 1922 konnte Józef Ozimiński das Werk in Warschau aus der Taufe heben. Der Widmungsträger Kochański musste bis 1924 warten, er spielte es unter Leopold Stokowskis Leitung in Philadelphia und New York.

Im Vorjahr hatte es Nathan Milstein in Moskau vorgetragen, begleitet von Wladimir Horowitz, der den Orchesterpart am Klavier imitierte. Zum großen Champion des Violinkonzertes entwickelte sich der legendäre Bronisław Huberman, der damit im November 1926 in Wien auftrat und einen Monat später in Berlin; die Philharmoniker dirigierte Grzegorz Fitelberg, von dessen ekstatischer Deutung wiederum eine Tonkonserve erhalten blieb, allerdings aus dem Jahre 1948, das Philharmonia Orchestra London agierte damals gemeinsam mit Eugenia Umińska – es war zugleich die erste Schallplattenaufnahme eines Orchesterwerkes von Szymanowski. Die Geigerin, die während der Besatzungszeit nur im Untergrund musizieren und sich durch Flucht ihrem Abtransport zur Zwangsarbeit entziehen konnte, spielte das Violinkonzert, abermals mit Fitelberg, bereits 1949 wieder in Berlin.

Eugenia Umińska stand auf vertrautem Fuße mit Szymanowski, sie traten öfter als Duo auf, auch im Dezember 1934 beim Berliner Rundfunk. Wenige Tage vorher hatte das philharmonische Konzert stattfinden sollen, bei dem Szymanowski – wie in anderen großen Kulturzentren – seine Vierte Symphonie für Klavier und Orchester präsentieren wollte. Aber aufgrund der sogenannten Hindemith-Affäre, also Furtwänglers Konflikt mit Hitler, der zu seiner Demission von allen Ämtern führte, entfiel das Konzert und folglich – besonders dramatisch für Szymanowski – auch das dringend benötigte Honorar. Umińska hat eine Szene überliefert, die für den Hypochonder Szymanowski sehr bezeichnend ist: als sie ihn im Hotel am Kurfürstendamm aufsuchte, betrachtete er gerade deprimiert sein Spiegelbild und lehnte es ab, das Zimmer zu verlassen. »Meine ganze Visage ist schief, schrecklich, ich sehe aus wie eine Karikatur, so kann ich doch nicht unter die Leute gehen.« Tatsächlich sah er so gut aus wie immer, aber der Einwand interessierte ihn nicht.

»Der eingebildete Kranke«

Szymanowski war es gewohnt, sich elegant zu kleiden, mit Cremes und Parfums zu verwöhnen, wie ein Grandseigneur aufzutreten. Er wirkte unwiderstehlich auf Frauen und Männer, sein charmantes Lächeln, seine dunkel raunende Stimme, der geheimnisvolle Glanz seiner graugrünen Augen – reine Hypnose! Dieser gewinnenden Art kontrastierten sein Snobismus, seine Egozentrik und Wehleidigkeit. In Freundeskreisen hieß er »der eingebildete Kranke«, und daran hatte selbst ein renommierter Psychiater, der ihn jahrelang betreute, nichts ändern können. Seit frühester Jugend gewohnt, dass ihm Mutter und Geschwister alles einigermaßen Mühsame abnahmen, konzentrierte sich Katot ganz auf seine Musik und seine kostspieligen Leidenschaften.

Es ist nicht bekannt, ob er sich allein die Schnürsenkel binden konnte, aber mit der Bartpflege funktionierte es hervorragend; Szymanowski zelebrierte seine Morgentoilette gern öffentlich und empfing Besucher am liebsten im »Bristol«, Warschaus teuerstem Hotel, um ihnen sein britisches Rasierbesteck vorzuführen. Überhaupt die Freunde! Sie übernahmen im Laufe der Zeit die Aufgaben der Familienangehörigen, kümmerten sich um alles Mögliche und Unmögliche. Szymanowski machte sie fast ausnahmslos zu devoten Bewunderern. Fotografen und Maler konnten genauso wenig wie Schriftsteller seine magische Aura festhalten; sie teilt sich uns nur durch seine Musik mit.

Als angehender Musiker war er glücklicherweise nicht dem Ratschlag Emil Młynarskis gefolgt, lieber die väterliche Farm zu leiten. Eine Kränkung, die er dem herausragenden, oft mit Arthur Nikisch verglichenen Dirigenten nie verzieh, auch wenn der Gründer der Warschauer Philharmonie und Operndirektor später beharrlich Szymanowski aufs Programm setzte.

Von seinem Lebenswandel zugrunde gerichtet, verbrachte Szymanowski die letzten Jahre häufig in kostspieligen Sanatorien, wofür der polnische Staat aufkam. Die Diagnose lautete wenig überraschend Kehlkopftuberkulose. Er soll kein Gran seiner magischen Aura eingebüßt haben, als er im März 1937 in Lausanne starb. In Berlin, wo seine internationale Laufbahn begonnen hatte, erregte er das letzte Mal eine Woche danach Aufsehen: am Anhalter Bahnhof stand sein Sarg in einem offenen Waggon, sodass Musikliebhaber und Abgeordnete der deutschen Regierung feierlich von ihm Abschied nehmen konnten. Zwei Jahre später verboten die Nazis seine Musik. Karol Szymanowskis Herz, das man wie im Falle Chopins und Reymonts separat in einem Schrein bestattete, verbrannte 1944 beim Warschauer Aufstand.

Volker Tarnow

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