Vor einem Jahr erregte das Label Berliner Philharmoniker Recordings mit einer besonderen Edition Aufsehen. Dank bisher unveröffentlichter Rundfunkmitschnitte konnte man in die 1950er- und 60er-Jahre eintauchen und die Frühzeit der Berliner Karajan-Ära nacherleben. Jetzt erscheint die zweite Folge – für uns ein Anlass, auf die Zusammenarbeit von Dirigent und Orchester in den Siebzigerjahren zurückzublicken.
Die 1970er-Jahre repräsentieren eine Art »goldene Mitte« in der Karajan-Ära der Berliner Philharmoniker. Das Orchester und sein Chefdirigent musizierten damals auf der absoluten Höhe ihres Könnens, der unverkennbare, diese Zusammenarbeit prägende Klang erreichte seine Vollendung. Beim Vergleich mit früheren Interpretationen fällt vor allem der homogenere, strahlendere – man könnte auch sagen: prachtvollere – Klang des Orchesters auf. Aber da ist noch mehr: ein Musizieren, in dem jeder Ton gestaltet ist und ein klangliches und dramaturgisches Gesamtkonzept unterstützt. Damit verbindet sich ein Reichtum an Nuancen, der den immer wieder geäußerten Vorwurf der Einförmigkeit widerlegt.
Der Weg zu dieser Qualität führte über eine unermüdliche Arbeit an den großen symphonischen Werken. Als Simon Rattle Mitte der Achtzigerjahre Karajan kennenlernte, überraschte dieser den Nachwuchskollegen mit der Feststellung: »Ihre ersten 100 Aufführungen von Beethovens Fünfter können Sie vergessen.« Das war nur zum Teil als Witz gemeint. Tatsächlich sollte Karajan die Symphonie mit den Berliner Philharmonikern im Laufe seines Lebens 104 Mal interpretieren, Studioaufnahmen nicht mitgerechnet.
In den Proben konnte Karajan scheinbar unbegrenzt an einer einzelnen Artikulation oder einer Farbgebung arbeiten. Im Konzert hingegen war es Karajan wichtig, das Orchester nicht durch zu viele Vorgaben auszubremsen. Er selbst hat das mit einem Bild aus dem Reitsport erklärt: »Wenn du über einen Zaun springen willst, versuche nicht das Pferd zu tragen, es wird dich tragen«. So hielt er es auch mit seinen Musikern: Er brachte sie in Position – springen mussten sie selbst. Eine wichtige Rolle spielte dabei Karajans Eigenheit, im Konzert mit geschlossenen Augen zu dirigieren, während er in den Proben durchaus per Blickkontakt mit seinen Musikern kommunizierte. Alexander Wedow, ab 1962 als Cellist im Orchester, erinnert sich, dass das Fehlen dieses Kontakts im Konzert zwar für Verunsicherung gesorgt habe, »auf der anderen Seite erhielten wir dadurch eine unglaubliche Freiheit. Karajan hat uns damit von der Leine gelassen.«
Das hohe Niveau des gemeinsamen Musizierens erreichte über die Medien ein weltumspannendes Publikum. 1970 schloss Karajan einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon ab, der ein gewaltiges Volumen an Veröffentlichungen mit den Berliner Philharmonikern vorsah, mit Werken von Vivaldi bis Strauss, von Schumann bis Schönberg. Parallel dazu setzte er ein in den Sechzigerjahren gestartetes Lieblingsprojekt fort: die audiovisuelle Aufzeichnung des Kernrepertoires, etwa mit Symphonien von Beethoven, Brahms und Tschaikowsky.
So sehr man musikalisch und geschäftlich auf einer Linie lag – der persönliche Kontakt blieb distanziert. Karajan erklärte zwar 1974, die Berliner Philharmoniker und er seien während ihrer Zusammenarbeit »zu einer Familie geworden«, damit meinte er aber nur die Nähe in künstlerischen Fragen. Manche Musiker erzählen, dass sie während ihrer gesamten Dienstzeit nie direkt mit ihrem Chefdirigenten gesprochen hätten. Rudolf Watzel war ab 1968 Kontrabassist bei den Berliner Philharmonikern und berichtet: »Ich habe 21 Jahre unter Karajan gespielt und bin mir sicher, dass er meinen Namen nicht kannte. Der Abstand zwischen dem Maestro und dem Orchester war einfach wesentlich größer als in späteren Zeiten.« Andererseits ist überliefert, dass sich Karajan hingebungsvoll um erkrankte Orchestermitglieder kümmerte und ihnen bei der Arztsuche half. Sogar als die Mutter eines Cellisten vergeblich auf eine Herzoperation wartete, regelte Karajan den Fall, indem er im Münchner Herzzentrum vorsprach und dem Direktor einen Stapel Schallplatten überreichte.
Trailer: Karajan-Edition
Karajans empathische Seite offenbarte sich in den Siebzigerjahren vor allem in seinem Engagement für die nachrückende Musikergeneration. Ab 1969 veranstaltete er regelmäßig einen Dirigentenwettbewerb, dessen berühmtester Preisträger 1971 Mariss Jansons wurde. Auch für Claudio Abbado, Riccardo Muti und vor allem Seiji Ozawa setzte er sich ein. Eine Rolle spielte dabei der eigene Werdegang Karajans, der sich selbst in jungen Jahren einen Mentor gewünscht hätte. Stattdessen musste er erleben, wie Wilhelm Furtwängler seinen Aufstieg nach Kräften behinderte. So wollte Karajan nicht sein, er sah sich an der Seite junger Talente – und damit wie so oft als Anwalt der musikalischen Zukunft.
Am nachhaltigsten wirkte Karajans Nachwuchsförderung mit der von ihm 1972 gegründeten Orchesterakademie. Die Idee dahinter war zugleich neu und zwingend: An den Hochschulen werden Studierende auf eine Solokarriere vorbereitet, aber das Spielen im Miteinander eines Spitzenorchesters erfordert noch andere Qualitäten. Diese werden an der Akademie von Mitgliedern der Berliner Philharmonikern vermittelt, hinzu kommt das regelmäßige Mitspielen in Orchesterkonzerten. Auf diese Weise trägt die Akademie – die 2017 in Karajan-Akademie umbenannt wurde – bis heute wesentlich dazu bei, dass das spezifische Musizieren der Berliner Philharmoniker generationenübergreifend weiterlebt.
Man darf vermuten, dass Herbert von Karajan die Siebzigerjahre mit den Berliner Philharmonikern als eine glückliche Zeit erlebt hat. Er verwirklichte nicht nur seine musikalischen Visionen, sondern auch seine Medien- und Ausbildungsprojekte, zudem war seine Autorität als Dirigent in der Öffentlichkeit wie in seinem Orchester unangefochten. 1973 wurde er – als bisher einziger Chefdirigent der Berliner Philharmoniker – zum Berliner Ehrenbürger ernannt. Mit der neuen Edition mit Rundfunkmitschnitten, wird es nun möglich, in diese besondere Zeit zu reisen.
Der Text ist ein gekürzter Artikel aus dem Begleitbuch zur Edition »Die Berliner Philharmoniker und Herbert von Karajan: 1970–1979 live in Berlin«.
Karajan-Edition (1953–1969)
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