Jonathan Kelly

Wenn ich nicht Musiker wäre …

(Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz)

In dieser Rubrik stellen wir Berliner Philharmoniker und ihre außermusikalischen Leidenschaften vor. Heute: Jonathan Kelly hat einen grünen Daumen.

»Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem man einen Garten anlegt.« Jonathan Kelly würde diesem chinesischen Sprichwort vermutlich zustimmen. Solange er denken kann, ist er von Gärten fasziniert. In Birmingham, wo er zehn Jahre als Solooboist im City of Birmingham Symphony Orchestra tätig war, hat er seinen ersten eigenen Garten angelegt, als typisch englischen Garten, mit vielen Rosen.

Als er 2003 in die gleiche Position bei den Berliner Philharmonikern wechselte, wurde seiner Leidenschaft dann vorläufig ein Riegel vorgeschoben: In den ersten vier Jahren an der Spree lebte er in einer Etagenwohnung, die zwar über einen Balkon verfügte, aber wenig Raum fürs Gärtnern bot. Wie sollte er in der neuen Stadt ganz ohne eigenes Grün zurechtkommen? Ein Schrebergarten? Jonathan Kelly schüttelt den Kopf. »Das wäre mir zu bürokratisch«, sagt er lächelnd, »zu viele Vorschriften und Regeln. Dort würde ich mich eingeengt fühlen.« Als er schließlich in Kleinmachnow ein Haus samt Grundstück fand, konnte er den Traum seines eigenen Gartens wieder realisieren.

Jonathan Kellys Garten besteht aus Nutz- und Zierpflanzen. Dabei sind beide Bereiche nicht etwa voneinander getrennt: »Gemüse im Blumenbeet macht sich ganz prächtig«, erläutert der 54-Jährige. »Wenn es schön aussieht und obendrein auch noch gut schmeckt – was will man mehr?« Dem kargen märkischen Boden etwas abzutrotzen, fällt indes gar nicht so leicht. Es sagt schließlich einiges über den Zustand der hiesigen Böden aus, dass die Mark Brandenburg schon zu Zeiten Friedrichs des Großen als »Sandbüchse« verspottet wurde.

Als Kind wollte Jonathan Kelly Bühnenbildner werden, aus dieser Zeit datiert auch sein Interesse am Theater. Heute inszeniert er seinen Garten wie ein großes Bühnenwerk: manche Pflanzen sind die Solisten und stehen im Rampenlicht, andere reihen sich ein und bleiben eher im Hintergrund. Und da sei, wie er sagt, durchaus auch eine Parallele zur Musik zu sehen, in beiden Fällen – bei der Anlage eines Blumenbeets und der Interpretation einer Komposition – müsse man konkrete Vorstellungen davon haben, was man erreichen will.

»Ich bin überhaupt kein Kontrollfreak«, gesteht Jonathan Kelly. »Mein Garten darf auch ein wenig unordentlich sein.« Wenn er, seine Frau Lucy und die drei Töchter im Sommer viel auf Reisen sind, verwandelt sich der Garten leicht in einen Dschungel. Denn dank eines raffinierten Tropfenschlauchsystems bekommen seine Pflanzen auch in der größten Hitze immer genug Wasser. »Der Garten ist aber nicht nachtragend und vergibt schnell«, so Jonathan Kelly. Nach zwei oder drei Tagen des Unkrautjätens und Schneidens ist in der Regel alles wieder in Ordnung.

Nach 13 Jahren geht der Gartentraum in Kleinmachnow nun bald seinem Ende entgegen: »Wir haben uns entschieden, in die Stadt zurückzukehren.« Die Kinder seien aus dem Haus und man brauche nicht mehr so viel Platz. Man glaubt es Jonathan Kelly gerne, dass ihm der Abschied von seinem eigenen Garten nicht leicht fallen wird. »In Zukunft werde ich mich also um den grünen Innenhof unseres Kreuzberger Mietshauses kümmern.« Er lächelt – und seine neuen Nachbarn dürfen sich freuen.

Oliver Hilmes

Eine Reihe aus Phil – Das Magazin der Berliner Philharmoniker
 


Zum Weiterlesen