Von fremden Ländern und Menschen

Felix Mendelssohn als Reisender

Felix Mendelssohn Bartholdy. Zeichnung von Joseph Schmeller, 1830 / © AKG Images

Dass Felix Mendelssohn uns eine »Schottische« Symphonie hinterlassen hat, ist keine Überraschung. Auf ausgedehnten Reisen hatte er als junger Mann europäische Landschaften und Kulturen kennengelernt – nicht im Sinne einer Sightseeing-Tour, sondern mit dem Vorsatz, sich inspirieren zu lassen, künstlerisch und menschlich zu reifen. Dieses Ziel hat sich erfüllt. Der wache, einfühlsame Beobachter Mendelssohn sammelte unendlich viele Eindrücke, die starke produktive Kräfte in ihm freisetzten. Einige seiner großartigsten Werke sind das Ergebnis.

»Es bildet ein Talent sich in der Stille, / Sich ein Charakter in dem Strom der Welt,« heißt es in Goethes Torquato Tasso. Allein durch stilles Brüten in der Studierstube kann der Mensch nicht zur Vollendung gelangen, nur durch Erfahrung in der Fremde gelangt man zu sich selbst. Felix Mendelssohn hat – nachdem er schon als Wunderkind mehrere Male bei Goethe zu Gast gewesen war, ihm vorgespielt und mit ihm korrespondiert hatte – auf den Weimarer Dichter gehört und ihm, was das Reisen betrifft, mit einer ausgedehnte Exkursion ins Ausland nachgeeifert.

Damit trat er zugleich in die Fußtapfen einer alten Tradition. Schon seit der Renaissance gehörte die sogenannte »Grand Tour« zum guten Ton in der europäischen Aristokratie und wurde im 18. Jahrhundert vor allem in englischen, zunehmend nicht nur adligen, sondern auch gutbetuchten bürgerlichen Kreisen zum Rüstzeug für eine spätere Karriere.

Eine solche oft mehrjährige Studienreise markierte als eine Art Initiationsritus den Abschluss einer umfassenden Ausbildung. Sie führte regelmäßig in den Süden, zu den Zeugnissen der Antike und der Renaissance und den Ursprüngen der christlichen Religion: also über Frankreich nach Italien und Spanien bis in den Nahen Osten. Geografischer Überblick, internationale Umgangsformen, Sprachkenntnisse, diplomatisches Geschick, Durchsetzungsfähigkeit und wohl auch erotische Erfahrungen fern von heimischen Zeugen – all das gehörte zu den Zielen dieser aufwändigen, meist von einem älteren Tutor begleiteten Fahrten.

Mendelssohn ging mit Anfang zwanzig auf eine solche dreijährige Bildungsreise, die in zwei Etappen verlief. Die erste führte ihn 1829 nach England mit einem längeren Aufenthalt in London und kürzeren Besuchen in Schottland und Wales. Die Hauptstadt des britischen Empire war für deutsche Musiker ein lohnendes Ziel, Händel hatte hier eine zweite Heimat gefunden, der alte Haydn die größten Erfolge seines Lebens gefeiert. Beethovens Neunte Symphonie war von der Philharmonic Society in Auftrag gegeben worden, und Carl Maria von Weber hatte hier drei Jahre vor Mendelssohns Reise die umjubelte Uraufführung seines Oberon dirigiert. Mendelssohn wurde mit offenen Armen empfangen, in höchste Kreise aufgenommen und konnte ein Netzwerk knüpfen, das bis weit über seinen Tod hinaus wirkte. So genießt seine Musik bis heute im Vereinigten Königreich einen besonderen Stellenwert.
 

»Die Orchester sind schlechter, als man es glauben sollte, es fehlt recht eigentlich an Musikern und am Sinn dafür.«

Mendelsohn aus Rom
 

Nach dem im heimischen Berlin verbrachten Winter 1829/30 ging es südwärts. Über München und Wien erreichte Mendelssohn in Venedig das Land, wo die Zitronen blühen: »Das ist Italien. Und was ich mir, seit ich denken kann, als höchste Lebensfreude gedacht habe, das ist nun angefangen u. ich genieße es.« Er verbrachte einige Tage in Florenz und traf schließlich, am 1. November 1830, in Rom ein.

Dort wandelte Mendelssohn natürlich auf Goethes Spuren: »Zu meinen Hausbehaglichkeiten gehört noch, dass ich zum erstenmal Goethes Reise nach Italien lese.« Vom musikalischen Geschmack und Niveau der Italiener war er dagegen nicht sonderlich angetan (»die Orchester […] schlechter, als man es glauben sollte, es fehlt recht eigentlich an Musikern und am Sinn dafür«), öffentlich konzertierte er kaum, und anstelle italienischer Komponisten war der Franzose Hector Berlioz der bedeutendste Musiker, mit dem er in Rom zusammentraf.

Das Berner Oberland in einem Aquarell von Felix Mendelssohn Bartholdy / © AKG Images

Nach einer Besichtigung Neapels war Mendelssohn im Frühsommer 1831 wieder in Rom und trat von dort aus die Rückreise über Florenz nun auf westlicher Route an, streifte Genua und Mailand und durchquerte die Schweiz Richtung Deutschland. Zwei Monate verbrachte er in München, lang genug, um sich fast mit der Pianistin Delphine von Schauroth zu verloben; es blieb eine vorübergehende Schwärmerei. Jetzt war noch einmal Paris an der Reihe, das er bereits als Kind kennengelernt hatte, und wie schon in Rom äußerte sich Mendelssohn enttäuscht von dem ihm oberflächlich scheinenden Kunstverständnis in Musikerkreisen.

Immerhin traf er mit dem etwa gleichaltrigen Chopin zusammen, dessen Kompositionen ihm zwar fremd blieben, mit dem ihn dennoch eine lange Freundschaft verbinden sollte. Den Pariser Salons, in denen man stets von ihm erwartete, sein Können am Klavier zur Schau zu stellen, konnte Mendelssohn nicht viel abgewinnen, und über das Pariser Theaterpublikum urteilte er harsch: »Politik und Lüsternheit sind die beiden Hauptinteressen, und die sich hier Alles dreht.« Von Paris hatte Mendelssohn genug, er kehrte nie wieder dorthin zurück. England hingegen, wo er diese Europa-Tournee abschloss, sollte er auch später noch mehrere Male aufsuchen.

Seine Reise durch ein halbes Dutzend europäischer Länder unternahm Mendelssohn nicht zuletzt deshalb, weil er in der Ferne »mancherley zu componieren gedenke«, wie er seinem Lehrer Carl Friedrich Zelter vor der Abfahrt geschrieben hatte. Der Einfall zur »Schottischen« Symphonie ist nur eine von vielen Früchten seiner Erlebnisse. Manchmal war er von der Erhabenheit der Natur so beeindruckt, dass ihm die Worte fehlten und er anstelle schriftlicher Berichte nur die Musik sprechen ließ. Wie nach dem Besuch der geheimnisvollen Fingalshöhle auf der Hebrideninsel Staffa: »Um zu verdeutlichen, wie seltsam mir auf den Hebriden zu Muthe geworden ist, fiel mir eben folgendes bey«, schrieb er, und ließ diesen Worten einige Notenzeilen folgen.

Die Kunstdenkmäler und Naturschönheiten haben Mendelssohn immer dann zu Musik inspiriert, wenn er sie in einen dramatischen Zusammenhang setzen konnte, wenn mit ihnen buchstäblich etwas zu erzählen war. Das ging ihm so bei der Fingalshöhle, die der Schriftsteller James Macpherson mit erdachten Mythen umwoben hatte, oder mit dem Schloss Holyrood, wo einst Maria Stuart gelebt hatte; nicht jedoch mit der schweizerischen Bergwelt, deren Schönheit ganz ohne menschlichen Anteil beeindruckt. Da, wo die Landschaft nur Natur ohne historischen Bezug war, wie die Alpenmassive oder Almidyllen, griff er lieber zu Zeichenstift und Pinsel.

Kunstdenkmäler und Naturschönheiten haben Mendelssohn immer dann zu Musik inspiriert, wenn sie eine Geschichte erzählten.

Insgesamt war die musikalische Ausbeute hoch: Viele Skizzen und Entwürfe brachte er nach Hause, gleich drei Venetianische Gondellieder lassen die Lagunenstadt nachklingen, in Italien entstanden erste Fassungen der die Schottlandreise reflektierenden Hebriden-Ouvertüre und der Ersten Walpurgisnacht, die »Italienische« Symphonie wurde dort weitgehend konzipiert (während die »Schottische« noch reifen musste), ebenso das Klavierkonzert g-Moll und einige geistliche Werke in lateinischer und deutscher Sprache, die auch der Austausch mit Kirchenmusikern, Palestrina-Forschern und Musiksammlern befördert hatte. Eine ganze Reihe seiner bekanntesten Werke trägt also – um einen Stücktitel seines Zeitgenossen und Freundes Robert Schumann zu zitieren – Spuren »von fremden Ländern und Menschen«.

Vor allem aber war es Mendelssohn nach seiner großen Fahrt nun klar, was er mit seinem Leben anfangen wollte: seine Tage als schöpferischer und ausübender Musiker zu verbringen und zwar von seinem Heimatland aus. Als Virtuose durch die Welt zu reisen wie Franz Liszt oder Niccolò Paganini kam für ihn nicht in Frage. So schrieb er seinem Vater am 19. Dezember 1831 aus Paris: »Versuchen will ich es also in Deutschland, und dort bleiben und wirken, so lange ich da wirken und mich erhalten kann.«
 

Malte Krasting
 


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