Von: Tobias Möller
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»Das war Liebe auf den ersten Ton«Kirill Petrenko über die Saison 2026/27

Ein Dirigent leitet ein Orchester während einer Aufführung; die Musiker spielen verschiedene Instrumente, darunter Streicher und Blechbläser, während sie die Noten auf Ständern lesen.
Bild: Monika Ritterhaus

Wie blickt Chefdirigent Kirill Petrenko auf die anstehende Saison 2026/27 der Berliner Philharmoniker? Welche Werke sind ihm besonders wichtig? All dies und noch mehr konnten Journalistinnen und Journalisten bei einem Pressegespräch in der Philharmonie erfahren. Es ging um kaum bekannte Naturbilder, um einen musikalischen »Achttausender« und um »Musik wie aus einer anderen Welt«.

Es gab natürlich viel zu besprechen bei diesem Pressetermin: die Saisoneröffnung mit Tschaikowsky und Elgar, Wagners Walküre bei den Osterfestspielen in Salzburg oder die Uraufführung eines Werkes von Sarah Nemtsov. Längere Diskussionen ergaben sich indessen zu drei anderen Konzertprogrammen – die in ihrer Unterschiedlichkeit eine Ahnung der Vielfalt dieser Saison mit Kirill Petrenko vermittelten.

Der »Achttausender der Musik«

Für Gesprächsstoff sorgte etwa die Aufführung von Beethovens Missa solemnis – als Bestandteil der Biennale Zeichen und Wunder – vom Glauben, Hoffen und Zeichen und zugleich als Beitrag zum 200. Todestag des Komponisten im März 2027. Für Kirill Petrenko ist dies neben der Neunten Symphonie »sein vielleicht wichtigstes Werk«. Wie generell sein Beethoven-Bild sei, lautete eine Frage. »Wenn ich mich mit Beethoven befasse, dann sehr stark auch mit der Person«, so der Dirigent. »Was war er für ein Mensch, in welchen sozialen Umständen hat er gelebt, wie ist er mit seiner tragischen Erkrankung umgegangen?« 

Überhaupt Beethovens Gehörverlust: »Wenn man sich vor Augen führt, wie titanisch er sich gegen dieses Schicksal aufgelehnt hat, welche Musik er dennoch schrieb – dann wird deutlich, dass seine Leistung wohl mit der keines anderen Komponisten vergleichbar ist.« Was ist nun sein interpretatorischer Ansatz? Darauf Kirill Petrenko, der zur Zeit des Gesprächs Beethovens Zweite Symphonie mit den Berliner Philharmonikern aufführte: »Wir setzen uns intensiv mit der historisch informierten Aufführungspraxis auseinander, die dem Klang eine neue Schärfe, einen neuen Biss, auch eine gewisse Aggressivität verleihen kann – auch bei einem traditionellen Symphonieorchester.« Es sei ein Spagat, den er sehr spannend finde: »Wir wollen ein aktuelles, zeitgemäßes Beethoven-Bild zeichnen, ohne unseren eigenen Klang zu verraten.« Kirill Petrenko freut sich sehr darauf, mit dieser Haltung nun die Missa solemnis zu erarbeiten, diesen »Achttausender der Musik«, den er übrigens erst ein einziges Mal dirigiert hat.

Kaum gespielte Schätze

Natürlich stehen nicht nur solche Schwergewichte des Repertoires auf dem Programm. »Meine Vorliebe für weniger oft gespielte Werke zeigt sich in dieser Saison mit der Römischen Trilogie von Ottorino Respighi.« Kirill Petrenko erklärt, er sei »ein großer Fan von Respighi und besonders dieses Werks«, habe es allerdings noch nie in seiner Gesamtheit aufgeführt. Woher die Begeisterung kommt? Diese Leidenschaft gebe es schon seit vielen Jahren, so die Antwort. »Ich halte die Römische Trilogie für ein absolut großartiges Werk. Ich finde sie sehr modern, und es fasziniert mich, wie Respighi mit den Farben des Orchesters umgeht«. 

Dabei gebe es eine interessante Beziehung zwischen westeuropäischer und russischer Musik – immerhin habe Respighi bei Nikolai Rimsky-Korsakow studiert. »Er verbindet diese Naturbilder mit russischer Harmonik, mit einem Hauch französischem Impressionismus und einer genuin italienischen Melodik.« Für Kirill Petrenko ist unverständlich, warum diese Musik nicht viel öfter gespielt wird. »Gerade mit einem Orchester von der Qualität der Berliner Philharmoniker kann man daraus viel machen.«

»Das vielleicht größte Highlight«

Am Schluss der Saison steht für Kirill Petrenko »das vielleicht größte Highlight«: eine halbszenische Aufführung von Humperdincks Hänsel und Gretel, die im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Education- & Outreach-Programms stattfinden wird. Kirill Petrenko hat das Werk kennengelernt, als er Ende der 1990er-Jahre Kapellmeister an der Wiener Volksoper war. »Es war Liebe auf den ersten Blick, oder besser gesagt: auf den ersten Ton. Diese Musik lässt mich bis heute nicht los.« Die Handlung erschien ihm damals nebensächlich. Aber: »Für mich war diese Musik wie aus einer anderen Welt: so hoffnungsvoll und in gewisser Weise reinigend. Ich habe fast jede Aufführung in der Volksoper erlebt – das war für mich eine prägende Erfahrung.« 

Als Generalmusikdirektor in Meiningen hat er Hänsel und Gretel dann selbst dirigiert. Mit der Aufführung mit den Berliner Philharmonikern erfüllt sich für Kirill Petrenko nun ein lang gehegter Wunsch. Was aber genau fasziniert ihn so an dem Werk? »Es geht mir vor allem um die Musik, um die Instrumentation, um diesen unglaublichen Reichtum an Themen, an humorvollen Momenten – und das alles in einer Tradition, die von Wagner bis Richard Strauss reicht. Diese Verbindung zeigt schon der beträchtliche Orchesterapparat«. 

Folgt man dieser Charakterisierung, dann erscheint es umso naheliegender, dass sich die Berliner Philharmoniker nun diesem Werk widmen. Das meint auch Kirill Petrenko: »Dieser romantische Klang ist für unser Orchester wie geschaffen, das wird sicher etwas sehr Exquisites.« Im Übrigen findet der Chefdirigent es keineswegs zwingend, Hänsel und Gretel zur Weihnachtszeit aufzuführen. »Dass wir das im Mai spielen, wenn draußen alles blüht, ist besonders schön. So haben wir einen sehr familienfreundlichen Ausklang der Saison.«

 

Die Saison 2026/27