Mit Wagners Ring eröffnete Herbert von Karajan 1967 sensationell die Salzburger Osterfestspiele. Eine Aufzeichnung des Rheingolds in der Digital Concert Hall ermöglicht einen spannenden Rückblick.
Wenn die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko bei ihrer Rückkehr zu den Salzburger Festspielen Wagners Ring des Nibelungen aufführen, ist das eine unübersehbare historische Reverenz. Denn es war dieser Opernzyklus, mit dem Herbert von Karajan 1967 die Salzburger Osterfestspiele einweihte – übrigens nicht mit dem chronologisch korrekten Rheingold, sondern der repräsentativeren Walküre. Die Eröffnung des neuen Festivals mit dem Ring bedeutete in mehrfacher Hinsicht ein Signal. Zum einen sollte es zeigen, dass die Berliner Philharmoniker – damals allein im Konzertsaal zu Hause – auch vor dem gewaltigsten Werk des Musiktheaters keine Angst hatten.
Zum anderen war es eine Unabhängigkeitserklärung Karajans, der sich 1959 mit den Bayreuther Festspielen und 1964 mit der Wiener Staatsoper überworfen hatte. Zwei der wichtigsten Opernbühnen der Welt waren ihm nun verschlossen, worauf Karajan – der seine Karriere als Operndirigent begonnen hatte – sich kurzentschlossen eine eigene Wirkungsstätte schuf, um mit maßstabsetzenden Produktionen für internationale Aufmerksamkeit zu sorgen.
Leider wurde Karajans Salzburger Ring nicht audiovisuell für die Nachwelt festgehalten. Allerdings hat sich ein Film mit dem Rheingold von 1978 erhalten, der eine Ahnung der Premieren-Produktion vermittelt. Ursprünglich hatte Karajan geplant, seinen Ring in den späten 1970er-Jahren erneut bei den Osterfestspielen auf die Bühne zu bringen und die Aufführungen parallel unter Studiobedingungen fürs Kino zu produzieren. Weder die Wiederaufnahme noch das Kinoprojekt – das gewaltige finanzielle Mittel erfordert hätte – ließen sich realisieren. Einzige Ausnahme: der Rheingold-Film, der in der Digital Concert Hall zum Abruf bereitsteht.
Ein exzellentes Vokalensemble mit Thomas Stewart als Wotan und Peter Schreier als Loge ist hier zu bewundern, hinzu kommt das gleichermaßen volltönende und brillante Spiel der Berliner Philharmoniker. Neben der Musik – die der Produktion als Playback unterlegt wurde – ist das Interessanteste an diesem Film der visuelle Aspekt: die Inszenierung Herbert von Karajans mit den weiträumigen, zugleich abstrakten und atmosphärischen Bühnenbildern von Günther Schneider-Siemssen.
Karajan hatte sich jahrzehntelang über seiner Meinung nach missglückte Inszenierungen geärgert, denen er als Dirigent ausgesetzt war. Seine Lösung: selbst Regie führen. Dabei strebte er eine zugleich kraftvolle und stilisierte Optik an, die von den bahnbrechenden Bayreuther Regiearbeiten Wieland Wagners inspiriert war. Die Ergebnisse waren gemischt – eine temporeiche Oper wie Carmen lag Karajan offensichtlich weniger als Werke mit einer statischeren Handlung. In diesen konnte er effektvoll Szenen von erhabener Größe auf die Bühne bringen. Das ist auch in diesem Rheingold zu erkennen, in denen die Auftritte der Götter eine Würde ausstrahlen, die nach wie vor beeindruckt. Hingegen verträgt sich Karajans artifizielle Ästhetik weniger mit der kontrastreichen Dramatik der Nibelheim-Szene, die aus heutiger Sicht an Science-Fiction-Fernsehserien der 1960er-Jahre erinnert.
Insgesamt aber können wir glücklich sein, dass sich wenigstens dieser Teil des Karajan-Rings mit den Berliner Philharmonikern erhalten hat – nicht zuletzt als Ausdruck der Erkenntnis, dass jede Zeit ihren eigenen Zugang zu Wagners Welttheater finden muss.