Im Sommer wird es bunt im sonst steingrauen Edinburgh. Dann holt das Edinburgh International Festival die Stars aus Konzert, Oper, Tanz und Theater in die Stadt. Aber auch wer es schräg und alternativ mag, kommt auf seine Kosten. Nach 20 Jahren sind nun auch die Berliner Philharmoniker wieder dabei.
Dass Edinburgh eine Stadt mit reicher, spannender Geschichte ist, sieht man auf den ersten Blick. Die Silhouette wird von einer markanten Burg überragt, es gibt ein Labyrinth aus verwinkelten Gassen und steilen Straßen, und zwischen den dunklen Fassaden öffnet sich immer wieder der Blick über eine verwunschene Altstadt. Im Sommer allerdings ist es vorbei mit der ganzen schönen Schroffheit. Dann präsentiert das Edinburgh International Festival Herausragendes aus Konzert, Oper, Tanz und Theater. Über die Jahre hat sich ein ganzes Ökosystem weiterer Festivals entwickelt, etwa zu Literatur, Film und Jazz. Berühmt ist auch das Edinburgh Festival Fringe das den Charme des Alternativen verbreitet – mit Straßentheater oder auch mal einem Hamlet in einer Hüpfburg.
Die berühmtesten Künstlerinnen und Künstler zieht allerdings das Edinburgh International Festival in die Stadt. In diesem Jahr sind auch die Berliner Philharmoniker zu Gast – zum ersten Mal seit 20 Jahren. Mit Chefdirigent Kirill Petrenko spielt das Orchester unter anderem Elgars Enigma-Variationen und Tschaikowskys Vierte Symphonie, in Beethovens Violinkonzert ist Augustin Hadelich zu erleben.
Gegründet wurde das Edinburgh International Festival 1947 mit dem Ziel, nach Krieg und Zerstörung die Menschen durch Kunst wieder zusammenzubringen: »a platform for the flowering of the human spirit« wollte man schaffen. Bewegend war im Gründungsjahr vor allem ein Konzert der Wiener Philharmoniker, die hier zum ersten Mal seit dem Krieg mit Bruno Walter auftraten – einem ihnen musikalisch und menschlich eng verbundenem Dirigenten, der als Jude 1939 aus Europa emigrieren musste.
Auch das Festival-Debüt der Berliner Philharmoniker zwei Jahre später sollte dazu beitragen, Wunden des Krieges zu heilen. Denn zum ersten Mal seit 1945 stand wieder ein britischer Dirigent am Pult des Orchesters: Sir John Barbirolli. Dass Musiker aus noch vor kurzem verfeindeten Ländern gemeinsam konzertierten, hatte einen hohen Symbolwert. Darüber hinaus war dies der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den Berliner Philharmonikern und Barbirolli, der das Orchester in den kommenden zwei Jahrzehnten in nicht weniger als 70 Mal dirigieren sollte.
Vor allem zwischen 1955 und 1972 kamen die Berliner Philharmoniker regelmäßig zum Edinburgh International Festival: mit berühmten Dirigenten wie Eugene Ormandy und Rudolph Kempe und vor allem mit Chefdirigent Herbert von Karajan. Auch die mitgebrachten Solistinnen und Solisten lassen den Ehrgeiz erkennen, in Edinburgh einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Unter anderem waren der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und der Geiger Henryk Szeryng zu hören, und als Karajan 1972 Mahlers Lied von der Erde aufführte, gab es eine vokale Luxusbesetzung mit Christa Ludwig und René Kollo.
Danach allerdings traten die Berliner Philharmoniker nur noch punktuell beim Edinburgh International Festival auf. Claudio Abbado dirigierte 1998 Beethovens Neunte Symphonie, Sir Simon Rattle beim letzten Gastspiel 2006 die Vierte von Gustav Mahler. Höchste Zeit also für eine Wiederbegegnung. Damit können die Berliner Philharmoniker nun erstmals in Edinburgh ihre Partnerschaft mit Kirill Petrenko präsentieren – und im Gegenzug die eine oder andere Facette des Festivalsommers erleben. Denn der ist in Edinburgh allgegenwärtig. Erwähnt sei nur das fast allabendliche »Royal Edinburgh Military Tattoo« vor Edinburgh Castle, bei dem rund 180 Dudelsackspieler*innen und Trommler*innen unüberhörbar den Tag ausklingen lassen.