Entstehungszeit: 1841
Uraufführung: 31. März 1841 im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy
Dauer: 34 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 9. April 1883 im Saal der Sing-Akademie, Dirigent: Joseph Joachim
»Was rufst Du Tränen ins Gesicht / Und Schatten in der Seele Licht? / O wende, wende Deinen Lauf / Im Tale blüht der Frühling auf!« So lauten die letzten Verse des Frühlingsgedichts von Adolf Böttger (1815–1870), die Robert Schumann zu seiner Ersten Symphonie inspirierten, der von ihm selbst so bezeichneten »Frühlingssymphonie«. Ein Titel, der gleich in mehrfacher Hinsicht passend erscheint.
Die Stimmungswende im Gedicht – raus aus dem Tal der Tränen, rein in den farbenfrohen Frühling – steht zunächst symbolisch für Schumanns eigene Lebenssituation. Fünf Jahre waren der junge Komponist und seine Verlobte Clara – die Tochter seines Klavierlehrers Friedrich Wieck – schon ein Paar, doch der renitente Schwiegervater in spe wollte seine Zustimmung zur Hochzeit partout nicht erteilen. Erst ein Gerichtsprozess machte 1840 den Weg frei – ein Drama, das Schumann in fast 150 Liedern reflektierte.
Beruflich stand Schumann ebenfalls am Scheideweg. Die angestrebte Karriere als Konzertpianist scheiterte, weil er die Sehnen seiner rechten Hand durch übermäßiges Üben ruinierte. Und als Komponist musste er – wie alle seine Kollegen – erst einmal aus dem schier übermächtigen Schatten Ludwig van Beethovens heraustreten. Gut zehn Jahre hatte er probiert und gehadert und am Ende doch immer wieder alles verworfen. »Aber wüssten Sie, wie es in mir drängt und treibt und wie ich mit meinen Symphonien schon bis zu op. 100 gekommen sein könnte, hätte ich sie aufgeschrieben«, klagte er Clara.
Die künstlerische Initialzündung war schließlich die Uraufführung der bislang unveröffentlichten »Großen« C-Dur-Symphonie des längst verstorbenen Franz Schubert, die Schumann im Haus von dessen Bruder entdeckt hatte. Bald darauf konnte er einem Studienfreund berichten: »Ich hab’ in den vorigen Tagen eine Arbeit vollendet (wenigstens in den Umrissen), über die ich ganz selig gewesen. Denken Sie, eine ganze Sinfonie – und obendrein eine ›Frühlingssinfonie‹! Ich kann es selbst kaum glauben, dass sie fertig ist.« Innerhalb von nur vier Tagen hatte er im Januar 1841 die Rohskizze aufs Papier geworfen. »Ich schrieb die Sinfonie in jenem Frühlingsdrang, der den Menschen bis ins höchste Alter hinreißt und in jedem Jahr von Neuem überfällt.«
Im Überschwang verlieh er den vier Sätzen sogar programmatische Überschriften: »Frühlingsbeginn«, »Abend«, »Frohe Gespielen« und »Voller Frühling«. Zwar strich er sie später wieder, um die Imagination des Hörers nicht einzuengen: »Schildern, malen wollte ich nicht. Dass aber die Zeit, in der die Sinfonie entstand, auf ihre Gestaltung eingewirkt hat, glaube ich wohl.«
Der Kern der Symphonie liegt im eröffnenden Ruf der Trompeten und Hörner, der wie ein Motto in die weiteren Sätze hineinwirkt. »Gleich den ersten Trompeteneinsatz, möcht’ ich, dass er wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen«, notierte Schumann dazu. Tatsächlich entspricht der Rhythmus exakt Böttgers Verszeile »Im Tale blüht der Frühling auf«. Gerade an dieser Passage zeigte sich aber auch, dass Schumann als Komponist noch längst nicht ausgelernt hatte: In der ersten Fassung nutzte er eine Tonart, die die damals noch ventillosen Bläser nur durch die »Stopftechnik« spielen konnten. Dabei modifiziert die Hand im Trichter die Tonhöhe, dämpft allerdings auch den Klang. Von Mendelssohn darauf hingewiesen, transponierte er den Satz in eine praktikablere Tonart.
Der lyrische zweite und der bruchlos folgende schnelle dritte Satz führen schließlich auf das ebenfalls stark rhythmisch geprägte, triumphale Finale hin. Schumanns Lesart: »In das Folgende könnte ich dann hineinlegen, wie es überall zu grünen anfängt, wohl gar ein Schmetterling aufsteigt, wie nach und nach alles zusammenkommt, was zum Frühling gehört.«