Von: Anselm Cybinski

Entstehungszeit: 1845-1847
Dauer: 14 Minuten

»Tannhäuser versinnbildlicht den Kampf zweier Grundprinzipien, die das Herz des Menschen zu ihrem Hauptschlachtfeld erkoren haben, den Kampf zwischen Fleisch und Geist, zwischen der Hölle und dem Himmel, zwischen Satan und Gott. Und dieser Zwiespalt wird gleich in der Ouvertüre mit beispiellosem Geschick dargestellt.« So prägnant fasste der französische Schriftsteller Charles Baudelaire den Widerstreit in Worte, den Richard Wagner, der immer Suchende und lebenslang Zerrissene, in seinem Tannhäuser ausgetragen hatte. Baudelaire berichtete von einer »Wollust« des Hörens, er gestand, »ein spirituelles Erlebnis, eine Offenbarung« erfahren zu haben. Hellhörig vernahm er überdies, wie es dem Komponisten gelang, »Raum und Tiefe zu erzeugen, sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht«, und die Musik damit mit Bedeutung aufzuladen.

Der Theatermusiker Wagner wusste die Register zu ziehen und die Suggestivkraft der Klänge geradezu manipulativ einzusetzen. Wie solche Mechanismen im Detail funktionieren, bleibt faszinierend zu beobachten. Jede einzelne Phrase der Ouvertüre dient der Profilierung der Tannhäuser-Dualität, jeder Moment spiegelt das Wechselspiel ihrer Kräfte. Die orgelartige Instrumentation des Pilgerchores aus dem dritten Akt weckt zu Beginn des Stücks ebenso starke Assoziationen an die geistliche Sphäre wie der schwermütige Celloklang des anschließenden »Reue-Motivs«. Mit blitzenden Leuchtpunkten, nervösen Figurationen und chromatisch drängenden Linien tritt die sündige Bacchanal-Welt der religiösen Ordnung gegenüber. Damit ist ein Gegensatz zwischen »Altem« und »Neuem«, ritueller Praxis der Gruppe und den sinnlichen Bedürfnissen des Individuums etabliert: Der Freud‘sche Konflikt zwischen »Über-Ich« und »Es«, wenn man so will.

Bis in die unglückliche Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes zwischen 1839 und 1842, in der Wagner vergeblich hoffte, sich in der französischen Hauptstadt künstlerisch zu etablieren, reicht die Konzeption des 1845 in Dresden uraufgeführten Tannhäuser zurück. Skizziert wurde die Handlung 1842 auf langen Wanderungen durch Böhmen. Das Buch entwickelte Wagner auf Basis umfassender Quellenstudien, die die Fusion zweier Sagenkreise nahelegten: Die Erzählung vom Tannhäuser im Venusberg verband sich mit der des Sängerkriegs auf der Wartburg. Und der berühmte Pariser Tannhäuser-Skandal vom März 1861? Letztlich entzündete er sich an Wagners Missachtung der französischen Opernkonventionen. Rund 20 Jahre nach seinem ersten Pariser Aufenthalt erhielt der Komponist die Gelegenheit, seinen Tannhäuser an der Grand Opéra aufzuführen. Ein ganzes Jahr lang hatte der Sachse für die Produktion des überarbeiteten Stücks proben lassen. Dass er sich jedoch weigerte, für die Premiere bezahlte Claqueure zu organisieren, sollte sich rächen. Die Salonlöwen des snobistischen Jockeyclubs, die vor allem wegen der Tänzerinnen gekommen waren, vermissten die klassische Balletteinlage im zweiten Akt. Mit Trillerpfeifen bewaffnet, sorgten die jungen Herren für lange Unterbrechungen der Aufführung – und für Tumulte, wie sie das Haus nie gesehen hatte.