Von: Malte Krasting

Peter Tschaikowsky »Variationen über ein Rokoko-Thema« für Violoncello und Orchester A-Dur op. 33

Entstehungszeit: 1876-1877
Dauer: 18 Minuten

  1. Moderato assai quasi andante – Tema. Moderato semplice – Variationen I – VII
  2. (Kadenz von Hans Bottermund)

Bei den Berliner Philharmonikern:
BPH Erstaufführung am 25.03.1905 Saal der Sing-Akademie

Peter Tschaikowsky umgab sich gern mit den Helden seiner geistigen Welt. An den Wänden seines Wohnzimmers hingen Porträts großer Komponisten der Vergangenheit – Bach, Händel, Beethoven, Glinka – und in den Bücherregalen fanden sich Werke der Weltliteratur von Dante und Shakespeare bis Heine und Puschkin ebenso wie philosophische Schriften. Das Herzstück seiner Notenbibliothek aber bildete »ein Schrank mit der herrlichen Leipziger Edition des Gesamtwerks von Mozart«, erinnert sich der Cellist Julian Poplawsky, der Tschaikowsky rund zwei Wochen vor dessen Tod besuchte. Tschaikowsky führte, als Leser wie als Komponist, einen Dialog mit der Geschichte, und besonders nahe scheint ihm die klassische Epoche, das musikalische Rokoko, gewesen zu sein. Auch die Rokoko-Variationen, komponiert für den aus Seesen im Harz stammenden Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, sind Ausdruck von Tschaikowskys Verbundenheit mit dem Stil der Mozart-Zeit. Fitzenhagen war 1870 Professor am Moskauer Konservatorium geworden und hatte bereits an den Uraufführungen von Tschaikowskys drei Streichquartetten mitgewirkt. 1876 bat er den Komponisten um ein Stück für sein eigenes Instrument – und erhielt bald darauf ein Thema mit Variationen für Violoncello und Orchester.

Eine kurze Einleitung steht am Beginn, ähnlich einem Vorhang, der sich langsam für einen melancholischen Helden hebt. Das 16 Takte umfassende Thema ist dem Rokoko formal täuschend echt nachempfunden, atmet aber die Gefühlswelt seines Komponisten, dessen leidenschaftliches Wesen sich in einer kadenzierenden Wendung zeigt. Ein Nachspiel der Holzbläser über einem Orgelpunkt kehrt, ländlich-rustikal kontrastierend, gelegentlich wieder – und während sich die erste Variation noch im schlichten Rahmen hält, lösen sich die anderen als freie Charaktervariationen immer weiter vom Schema: in der dritten, einer Art Valse triste, tanzt ein Ballett, die sechste gibt sich als lyrischer russischer Gesang, und in der siebten feuern Violoncello und Orchester im Wechselspiel aus allen Rohren. Eingestreut sind mehrere Solokadenzen, in denen das Cello mal verführerisch singt, mal furios tobt. Dabei durchstreift es in virtuosen Figurationen und gewagten Doppelgriffen den ganzen Tonraum, von seiner tiefsten Note, dem His, bis in die schwindelerregende Höhe des viergestrichenen e. 

Das Werk gehört zum Schwierigsten, was bis dahin – und eigentlich noch immer – fürs Violoncello komponiert wurde. Fitzenhagen hat die Partitur für die Veröffentlichung überarbeitet, die Reihenfolge der Variationen umgestellt, eine gestrichen und einige Passagen für sein Instrument angepasst. Dass das gegen Tschaikowskys Willen geschah, wie die Forschung zeitweise annahm, ist nicht recht wahrscheinlich: Beide blieben bis zum frühen Tod des Cellisten in Verbindung. Nachdem Fitzenhagen 1879 die Rokoko-Variationen in Wiesbaden und damit erstmals im Ausland präsentiert hatte, schrieb er dem Komponisten vom großen Anklang, den sie dort gefunden hätten, und krönte seinen Bericht mit den Worten Franz Liszts: »Nun, das ist doch endlich wieder einmal Musik.«