Von: Dielitz, Alexandra

Mieczysław Weinberg »Burattino und das goldene Schlüsselchen«: Orchestersuite Nr. 4 op. 55d

Entstehungszeit: 1964
Uraufführung: Ballett am 10. Juni 1962 Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater Moskau
Dauer: 17 Minuten

  1. Burratinos Tanz mit dem goldenen Schlüsselchen
  2. Elegie
  3. Artemons Tanz
  4. Tanz des Heimchens
  5. Tanz des Katers und der Füchsin
  6. Tanz der Ratte Schuschera
  7. Lektion
  8. Die Verfolgungsjagd

Bei den Berliner Philharmonikern:
16.04.2026

Mieczysław oder Móisei? Weinberg, geschrieben mit W oder V, mit ei oder ay? Es kursieren viele Namensvarianten dieses sowjetischen Komponisten polnisch-jüdischer Herkunft, was nicht gerade zu seiner Auffindbarkeit beigetragen hat. Jahrzehntelang hat allerdings auch niemand nach ihm gesucht, weder in Russland, noch im westlichen Ausland. Tauchte sein Name doch irgendwo auf, so wurde er als eine Art »B-Schostakowitsch« oder epigonaler Schüler des älteren Kollegen genannt. Dass davon keine Rede sein kann, dämmerte der Musikwelt im Jahr 2010 – als David Pountney, damaliger Intendant der Bregenzer Festspiele, Die Passagierin zur szenischen Uraufführung brachte. 42 Jahre nach ihrer Entstehung stieß Weinbergs Oper über die Wiederbegegnung einer ehemaligen KZ-Aufseherin mit einem ihrer Opfer auf enormes Presseecho. Ein posthumer Booster für die Wiederentdeckung eines Komponisten, dessen Schaffen 17 Streichquartette, 22 Symphonien, sechs Solokonzerte, 28 Sonaten, sieben Opern, über 200 Lieder und an die 70 Film-, Theater- und Zirkusmusiken umfasst.

Mieczysław Weinberg kam 1919 als Sohn eines Geigers in Warschau zur Welt. Bei Hitlers Überfall auf Polen floh der 19-jährige Klavierstudent allein nach Weißrussland; alle zurückgebliebenen Mitglieder seiner Familie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zwei Jahre später – inzwischen hat Weinberg in Minsk Komposition studiert – zwang ihn der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion ein zweites Mal zur Flucht. Diesmal ging es 4000 Kilometer per Bahn bis nach Usbekistan. Nach der deutschen Kapitulation in Stalingrad konnte er sich 1943 in Moskau niederlassen – unterstützt von Dmitri Schostakowitsch, dem er die Partitur seiner ersten Symphonie geschickt hatte. Bis zu dessen Tod waren die beiden Komponisten durch Freundschaft und künstlerischen Austausch eng verbunden. Da ihre Werke nicht den ideologischen Vorgaben des sozialistischen Realismus entsprachen, wurden beide 1948 zur Zielscheibe der berüchtigten Anti-Formalismuskampagne des sowjetischen Regimes.

Der geforderte »Hurra-Patriotismus« ist in Weinbergs Oeuvre tatsächlich nicht zu finden. Ein großer Teil seines Werks reflektiert die durch Krieg und Holocaust verursachten menschlichen Tragödien des 20. Jahrhunderts. Trotz des Verlusts von Heimat und Familie und trotz seiner prekären Existenz im totalitären Überwachungsstaat gelangen Weinberg in seiner Musik auch immer wieder tröstliche Momente. Ganz abgesehen von seiner hinreißenden Musik für die russische Kinderfernsehreihe Winnie Pooh, schuf er eine ganze Reihe humorvoller, musikantischer und sogar lustiger Werke.

Ein solches Werk ist das Ballett Das goldene Schlüsselchen mit – so die Dirigentin Mirga Gražinyté-Tyla – seiner »unglaublich farbigen, heiteren, fantastisch instrumentierten Musik«. Es basiert auf dem Volksmärchen Burattino von Aleksej Tolstoi, dessen Vater ein entfernter Verwandter des berühmten Lew Tolstoi war. Dieses ist wiederum eine Variation von Carlo Collodis Pinocchio: Nach vielen turbulenten Abenteuern gelingt es der Puppenfigur Burattino mithilfe seines Freundes Pierrot, des Hundes Artemon und der Fee Malvina in den Besitz des goldenen Schlüssels zu gelangen und sich aus der Tyrannei des Theaterdirektors Karabas Barabas zu befreien. Dabei weisen sie eine gewisse Verwandtschaft mit den Figuren der Commedia dell’arte auf und erinnern bisweilen an Strawinskys Ballett Petruschka.