Von: Frederik Hanssen

Max Bruch Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26

Entstehungszeit: 1866-1868
Uraufführung: 24. April 1866 in Koblenz, Violine: Otto von Königslöw unter der Leitung des Komponisten; Uraufführung der revidierten Fassung am 5. Januar 1868 in Bremen, Dirigent: Karl Reinthaler, Violine: Joseph Joachim
Dauer: 25 Minuten

  1. Vorspiel: Allegro moderato
  2. Adagio
  3. Finale: Allegro energico

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 4. Dezember 1882 unter der Leitung von Franz Wüllner und mit dem Solisten Pablo de Sarasate

»Man muss die Geige behandeln wie eine Geliebte«, war Max Bruch überzeugt, »und alles tun, um sie zufrieden und glücklich zu machen.« So berichtete es sein Sohn Ewald. Der Komponist selbst war ein exzellenter Pianist, doch sein Instrument hat er nie geschätzt, es sogar als »öden Klapperkasten« bezeichnet. Die Seele der Musik lag für ihn in den Melodien – und die können nun einmal von einer Violine so viel beseelter, so viel sanglicher gespielt werden als von einem Klavier.

Die Geige hat Max Bruch zu seinen besten Werken inspiriert. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1868 mit seinem Ersten Violinkonzert. Fast vier Jahre hatte er an der Partitur gearbeitet, sich in spieltechnischen Fragen mit dem damals berühmtesten deutschen Geiger Joseph Joachim beraten, den Solopart immer wieder geändert, die Orchesterbegleitung umgeschrieben, das Klangbild poliert. Als der 30-Jährige es endlich wagte, sein Herzensprojekt der Öffentlichkeit zu präsentieren, machte es dann auch tatsächlich eine »ganz fabelhafte Carrière«.

Es beginnt mit einem Paukenwirbel im Pianissimo. Das Orchester spielt das Hauptthema nur kurz an, dann übernimmt die Geige. Drei Mal geht das so, und auch im Folgenden bleibt das Orchester vor allem Stichwortgeber und Begleiter, die formale Gestaltung tritt zurück hinter die Atmosphäre. Im Rampenlicht steht allein die Violine – als leidenschaftliche Solistin, die sehnsuchtsvoll seufzt und dramatisch klagt, vergleichbar mit einer Bühnen-Diva, die das Publikum durch die Intensität des Ausdrucks in ihren Bann zieht. 

Sanft gleitet der »Vorspiel« überschriebene erste Satz in ein Adagio über, das von stillem Glück erzählt. In wortlosem Gesang verströmt sich die Geige, formt weite melodische Bögen. Dieser langsame Satz blickt verklärt in die Vergangenheit, die lieblich erscheint, von goldenem Abendlicht verzaubert.

Frischen Wind bringt das finale Allegro energico: Die Sologeige lässt sich mitreißen von der Verve des Orchesters, gibt sich munter und selbstbewusst, zeigt ihre ganze Brillanz, verströmt gewinnenden Charme. Feurig geht es vorwärts, stets bergan, und Jubel kommt auf, wenn schließlich das Hochplateau erreicht ist.

Der Erfolg des Ersten Violinkonzerts erwies sich zu Bruchs Lebzeiten als derart beständig, dass der Stolz des Komponisten schließlich sogar in Frustration umschlug. Zum einen, weil er 1868 sämtliche Nutzungsrechte für die läppische Summe von 250 Talern an den Verleger August Cranz verkauft hatte, der nun allein den Gewinn einstrich. Und zum anderen, weil Bruch den Eindruck hatte, das übermäßig beliebte Stück lenke die Aufmerksamkeit von all seinen weiteren Werken ab. Bis nach Süditalien verfolgte ihn sein Wunschkonzert-Hit: »An der Ecke der Toledostraße, bei Castellamare, stehen sie schon, bereit hervorzubrechen, sobald ich mich sehen lasse, um mir mein erstes Concert vorzuspielen«, berichtet er grantig im November 1903 an seine Familie. »Hol’ sie alle der Teufel! Als wenn ich nicht andere, ebenso gute Concerte geschrieben hätte!«