Entstehungszeit: 1929-1931
Uraufführung: 14. Januar 1932 in der Salle Pleyel, Paris, durch das Orchestre Lamoureux, Dirigent: Maurice Ravel, Klavier: Marguerite Long
Dauer: 20 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 21. März 1932 unter der Leitung von Maurice Ravel und mit der Solistin Marguerite Long
Tschack! Provokanter kann man ein Musikstück nicht beginnen: Eine Peitsche knallt, die Geigen reißen im Pizzikato ihre Saiten an, die durchdringende Melodie der Piccoloflöte scheint direkt vom Jahrmarkt zu kommen. Trompeten, Pauken und Becken werden im weiteren Verlauf wichtige Rollen spielen – doch es erklingt auch ein lyrisches Seitenthema mit Blues-Charakter. Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur ist rhythmisch rasant, mitreißend modern und dabei trotzdem wunderbar elegant. »Divertissement« lautete der Arbeitstitel, denn der Komponist plante ein Werk der leichten Unterhaltung – schließlich schrieb er dann aber doch eine der raffiniertesten Partituren, die je für Klavier und Orchester entstanden sind.
Widmungsträgerin ist Marguerite Long, die 1932 die Uraufführung in der Pariser Salle Pleyel spielte, nachdem der Komponist notgedrungen seinen Plan verworfen hatte, den Solopart selbst zu übernehmen: Er war ihm schlicht zu anspruchsvoll für die eigenen Finger geraten. Immerhin stand er aber an diesem Abend als Dirigent mit auf der Bühne.
Das G-Dur-Klavierkonzert ist Ravels letzter Beitrag für jenes Instrument, das im Mittelpunkt seines Schaffens stand. Mit 18 Jahren konnte er eine Sérénade grotesque veröffentlichen, Höhepunkte der Literatur für Klavier solo sind die grandios-virtuosen Zyklen Miroirs und Gaspard de la nuit. Mit den Valses nobles et sentimentales holte Ravel den Dreivierteltakt ins 20. Jahrhundert, sein Tombeau de Couperin schließlich ist gleichermaßen eine Verneigung vor dem französischen Barockkomponisten François Couperin wie eine Befragung traditioneller Formmodelle auf ihre Tauglichkeit für die Moderne.
1928 begann Ravel mit der Arbeit an zwei Werken für Klavier und Orchester. Zuerst wurde das Konzert für die linke Hand fertig, eine Auftragsarbeit des Pianisten Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte. Dann folgte das G-Dur-Konzert, heiterer in der Stimmung, vor allem aber geprägt von den Eindrücken, die Ravel 1928 bei einer Tournee durch die USA gesammelt hatte. Nach dem spektakulären Beginn bleibt der Kopfsatz durchweg großstädtisch-avantgardistisch, der Komponist erlaubt sich und seinem Solisten keine Sentimentalitäten. Die Blue Notes des zweiten Themas werden schnell wieder beiseite gewischt, in der Kadenz, die von einem nebligen Harfensolo angekündigt wird, bleibt das Klavier unverbindlich wie eine lässige Lady, die die Avancen ihrer Verehrer ins Leere laufen lässt. Mit Drive drängt sich dann wieder der glamouröse Sound der City in den Vordergrund.
Der langsame Satz führt aus der Neuen Welt zurück nach Paris. Mit einem ausgedehnten Monolog eröffnet das Klavier das Adagio assai. Bis das Orchester seinen ersten Einsatz hat, ist fast ein Drittel der Aufführungsdauer vergangen. Ein moderner Metropolenmelancholiker scheint hier durch die Straßen der französischen Hauptstadt zu flanieren, in Gedanken versunken, in sehr langsamem Walzerschritt. Zögerlich nur lässt er sich auf Zwiegespräche mit verschiedenen Holzbläsern ein, allen voran dem Englischhorn. Das Ende bleibt offen, wenn der bittersüße Satz in einem auspendelnden Triller verklingt.
Das Presto wird zur Hommage an die kreative Hektik von New York: Jazzig geht es hier wieder zu, mit schrillen Klarinettenläufen und Posaunenglissandi. Ironisch gebrochen tauchen Marschmusikfetzen aus dem atemlos dahinjagenden Klanggeschehen auf, der Pianist mutiert zum Perkussionisten, wenn er in halsbrecherischen Läufen die Hämmer seines Instruments auf die Saiten prasseln lässt. Nach vier Minuten ist das Finale auch schon wieder vorbei: Im Big Apple hat niemand Zeit für lange Diskurse.