Entstehungszeit: 1916-1919
Uraufführung: 22. Juli 1919 im Alhambra-Theater, London, durch die Ballets russes Sergej Diaghilews, Dirigent: Ernest Ansermet
Dauer: 35 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
in Auszügen am 27. Februar 1935, Dirigent: Leopold Reichwein; erste Aufführung der vollständigen Ballettmusik am 10. September 1967 unter der Leitung von Rafael Frühbeck de Burgos
Ein Preis für seine Oper La vida breve hatte dem 28-jährigen Manuel de Falla 1905 erstmals größere Aufmerksamkeit gebracht. Zu einer Aufführung kam es jedoch nicht. Um seine Karriere in Schwung zu bringen, zog der im andalusischen Cádiz geborene Sohn eines Kaufmanns und einer Pianistin 1907 in die Musikhauptstadt Paris. Dort florierte die Spanien-Mode, die nach Georges Bizets Oper Carmen von französischen Komponisten wie Claude Debussy, Maurice Ravel oder Emmanuel Chabrier weiter gepflegt wurde. In Paris nahm de Falla Anregungen der impressionistischen Musik auf und kreierte so seine ganz eigene orchestrale Klangfarbenpalette. Und er erweiterte seinen Horizont durch Theaterbesuche. Besonderen Eindruck hinterließ eine Aufführung von Modest Mussorgskys Boris Godunow an der Pariser Opéra, die 1908 durch Sergej Diaghilew, den Impresario der Ballets russes, organisiert wurde. Der Paris-Aufenthalt führte de Falla aber auch zu seiner ureigenen Bestimmung: die wahre spanische Musik in den Konzertsälen der Welt heimisch zu machen.
Mit diesen Anregungen und Eindrücken kehrte de Falla 1914 nach Madrid zurück. Hier wurde er durch Igor Strawinsky 1916 bei einer Tournee der Ballets russes Sergej Diaghilew vorgestellt. Der Impresario interessierte sich für de Fallas gerade entstehende Pantomime El corregidor y la molinera (Der Amtsvorsteher und die Müllerin) nach einer Erzählung von Pedro Antonio de Alarcón, dem bekanntesten spanischen Novellisten des 19. Jahrhunderts. Der Titel der Novelle lautete El sombrero de tres picos (Der Dreispitz). De Fallas Pantomime wurde 1917 in Madrid uraufgeführt. Im Auftrag Diaghilews arbeitete er die Musik für die Ballets russes zu einem großen Stück um, das nun den Titel Der Dreispitz trug und den Komponisten zur europäischen Berühmtheit machte. Als Ballett kam das Werk im Juli 1919 in London unter Leitung von Ernest Ansermet heraus, choreografiert von Léonide Massine, der auch den Müller tanzte. Kostüme, Bühnenbilder und Vorhang entwarf Pablo Picasso. De Falla hatte Massine und Diaghilew im Vorfeld zu Tanzvorführungen in verschiedenen spanischen Städten begleitet. Dabei wurden sie auf den jungen Flamencotänzer Félix Fernández Garciá aufmerksam, der sich den Ballets russes anschloss und von Picasso bei den Proben gezeichnet wurde.
Die titelgebende Kopfbedeckung trägt der Corregidor – ein spanischer Bürgermeister und Dorfrichter – als Zeichen seiner Amtswürde. Diese wichtigste Person des Dorfes hat sich in die hübsche Müllerin verliebt, die allerdings nicht im Traum daran denkt, die Avancen der älteren Respektsperson zu erhören und damit ihren geliebten, aber höchst eifersüchtigen Müller zu betrügen. Statt im Bett der Müllerin landet der Corregidor samt Dreispitz im Mühlbach, und die Obrigkeit macht sich wieder einmal zum Gespött des Dorfes. Müller und Müllerin feiern Versöhnung, und das Volk jagt den Corregidor davon.
Spanische und speziell andalusische Tänze, Rhythmen und Motive bestimmen fast jeden Takt der Dreispitz-Partitur: So basiert der »Tanz der Nachbarn« auf einer Seguidilla, einem traditionellen Tanz im 3/4-Takt, und der stolz auffahrende »Tanz des Müllers« auf einer flamencoartigen Farruca. Die triumphale Jota ist ein temperamentvoller Tanz aus Aragón im Dreiermetrum. Dieser Satz beweist de Fallas ausgereifte Instrumentationskunst, ist doch die Partitur weitaus schwieriger zu spielen als die Vorgängerwerke des spanischen Komponisten. In aufrauschenden Schlagzeugakzenten, einer Verbeugung vor Strawinskys Feuervogel, fanfarenartigen Blechbläsereinsätzen und Trillerketten der Streicher kann ein Orchester seine Brillanz unter Beweis stellen.