Entstehungszeit: 1811-1812
Uraufführung: 8. Dezember 1813 in der Aula der Wiener Universität
unter der Leitung des Komponisten
Dauer: 37 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 24. März 1884; Dirigent: Franz Wüllner
»Diese Symphonie ist ein Ungeheuer«, klagte der verstörte Kritiker, als er sie 1827 in Beethovens Todesjahr in einem Konzert hören musste. Er war fassungslos: »Was ist aus dem guten Manne in späteren Zeiten geworden? ist er nicht ganz in eine Art von Verrücktheit gerathen?« Seine Kritik, die in der Allgemeinen Musikzeitung zur Beförderung der theoretischen und praktischen Tonkunst erschien, zeigt die Symphonie, Beethovens Siebte, wie in einem Zerrspiegel, vollkommen überzeichnet und doch auf eine verfremdete Weise zutreffend. Denn was warf er Beethoven vor? Zunächst einmal: die Länge! »Vier Sätze, deren jeder beinahe ¼ Stunde, mithin das Ganze wenigstens ¾ Stunden dauert.« Aber Beethovens Symphonie schien ihm nicht bloß viel zu lang, sondern obendrein zerrissen und verzettelt, ohne roten Faden: »ein wahres Quodlibet von tragischen, komischen, ernsten und trivialen Ideen, welche ohne allen Zusammenhang vom hunderten in das tausende springen, sich zum Überdruss wiederholen«. Und außerdem war sie schrecklich laut: Der anonyme Rezensent verurteilte »den unmäßigen Lärm«, der fast das Trommelfell zum Platzen bringe. Kurzum – diese Symphonie sei ein Rückfall in die Barbarei.
Eine »Stunde null« kann es in der Musikgeschichte nicht geben, aber wer wissen will, wann es anfing, dass moderne Musik als verrückt, maßlos, chaotisch, laut und barbarisch zurückgewiesen wurde, müsste sich nur Beethovens Siebte Symphonie anhören, vollendet im Kriegsjahr 1812. Eine Musik der Extreme, gegen die man sich wehren oder der man sich ergeben muss, dazwischen gibt es keine Wahl, keinen Ausweg. Was Richard Wagner einst über seinen Tristan ausrufen sollte, hätte bereits Beethoven seiner Siebten Symphonie nachsagen können: »Nur mittelmässige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen.«
Vertraut ist diese Symphonie nur dem Anschein nach. Gewiss, zuweilen klingt sie wie eine Ouvertüre, wie eine Pastorale, eine Musette, sie erinnert an Volksmusik, an eine Prozession, an einen Kavalleriemarsch, populär und elementar. Vor allem die Rhythmen brennen sich ein, namentlich die allgegenwärtige Lang-kurz-kurz-Folge, die dem antiken Versfuß des Daktylus nahekommt, weshalb Beethovens Siebte mit Sinn für einprägsame Beinamen als »Symphonie dactylique« bezeichnet worden ist. Aber auch als »dionysisch«, »dithyrambisch« und »dynamisch«.
Denn was mit diesem Stoff, diesen Rhythmen, diesen Ideen geschieht, ist schlichtweg nicht zu fassen. Die Symphonie fängt an, dehnt sich sofort ins Unermessliche aus, zieht sich in sich zusammen, bleibt auf einem einzigen Ton stehen, fängt erneut an, pulsierend wie ein irres Morsesignal, hält gleich wieder an und bricht zum dritten Mal los (worauf es kein Halten mehr gibt). Und sie rast nicht nur auf und davon, sie schießt auch kreuz und quer durch alle Räume, in die Tiefe, in die Höhe. Oder sie kommt von fern heran, mittlerweile im zweiten Satz, wie ein Pilgerchor oder ein Trauerkondukt, mit einem bizarren Effekt herbeigerufen von einem Quartsextakkord der Bläser, einem musikalischen Doppelpunkt, wie er traditionell im Konzert die Solokadenz ankündigte. Diese Symphonie ist reine Energie, schiere Lautstärke, entfesselte Bewegung. Der dritte Satz, das Presto, überbietet alles. Das Finale überbietet noch einmal das Presto und am Ende sich selbst. Und ist bei der gnadenlosen Geschwindigkeit kaum mehr zu verstehen, löst sich auf in klangliche Sensation. Beethoven sucht im Finale seiner Siebten Symphonie die akustische Grenzerfahrung, den Kontrollverlust der Wahrnehmung. »Ist er nicht ganz in eine Art von Verrücktheit gerathen?«