Von: Christoph Vratz

Ludwig van Beethoven Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 »Eroica«

Entstehungszeit: 1802-1804
Uraufführung: 7. April 1805 im Theater an der Wien unter Beethovens Leitung (nach Aufführungen im privaten Rahmen)
Dauer: 48 Minuten

  1. Allegro con brio
  2. Marcia funebre: Adagio assai
  3. Scherzo: Allegro vivace – Trio
  4. Finale: Allegro molto – Poco andante – Presto

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 18. September 1882 im Börsensaal in Kaliningrad (damals Königsberg), Dirigent: Ludwig Brenner

Ein gewinnender Charakter scheint er nicht gewesen zu sein, das belegen viele Quellen. Ludwig van Beethoven wird oft als unbeherrscht und als Eigenbrötler beschrieben. Zu den Widersprüchen seines Lebens gehört, dass er sich trotzdem ein Netzwerk von Bewunderern und Unterstützern aufbauen konnte. So wurde Beethovens erste Wien-Reise von Graf Waldstein finanziert; dessen Tante hatte in Fürst Lichnowsky einen Schwiegersohn, der zum großzügigsten Gönner des jungen Komponisten wurde. Ihm widmete Beethoven aus Dankbarkeit die »Pathétique«-Sonate und die Zweite Symphonie. Auch der geigende Fürst Maximilian Lobkowitz hielt schützend seine monetäre Hand über den musischen Genius – bis hin zum eigenen Ruin. Lobkowitz unterhielt ein eigenes Orchester, das im Rahmen eines Privatkonzerts am 9. Juni 1804 die Uraufführung der »Eroica« bestritt. Beethoven widmete Lobkowitz neben der Dritten auch die Symphonien Nr. 5 und 6 sowie das Tripelkonzert für Klavier, Violine und Cello.

Um die Entstehungsgeschichte der »Eroica« rankten sich schon früh Anekdoten, die von Schülern und einem Arzt Beethovens gestreut wurden. Der Wahrheitsgehalt darf bezweifelt werden. Die dauerhafteste und wohl glaubwürdigste Geschichte besagt, dass Beethoven die neue Symphonie Napoleon widmen wollte, den er als Verkörperung der Ideale der Französischen Revolution bewunderte. Doch als Napoleon sich zum Kaiser krönte, soll Beethoven wütend ausgerufen haben: »Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen; er wird sich nun höher, wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!« Daraufhin radierte er die ursprüngliche Widmung wieder aus. Fakt ist: Beethoven beurteilte Napoleon zeitlebens mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis. Die revolutionären Ideale und die Erfolge des Korsen wirkten auf Beethoven anziehend, abstoßend hingegen dessen Selbstherrlichkeit. Auch jenseits der Frage der Widmung ist die Entstehungsgeschichte der »Eroica« nicht leicht zu rekonstruieren: Einige frühe Skizzen stammen bereits aus dem Herbst 1802, möglicherweise sollten sie nur lose Ideen festhalten, ohne konkreten Bezug zu einer Symphonie. Letzte Änderungen, Ergänzungen und Überarbeitungen nahm Beethoven Anfang 1804 vor.

Die »Eroica« stellt gegenüber den beiden vorherigen Symphonien eine deutliche Weiterentwicklung der Gattung dar: in Stil, Struktur und Instrumentation. Vor allem gelingt es Beethoven, ein großes Werk aus ganz begrenztem Material zu formen – ein generelles Charakteristikum seines Schaffens. Der erste Satz etwa fußt auf einem einzigen, schlichten musikalischen Gedanken, bestehend aus zwei Akkordschlägen, die das kantable Thema einleiten. Während Beethoven in der »Marcia funebre« mehrere Motive aus Trauermärschen der Französischen Republik verwendet, schreibt er im Scherzo einen Satz von epischen Dimensionen. Das hatte es so noch nicht gegeben. Der Schlusssatz basiert auf dem knappen Thema einer frühen Contredanse, das Beethoven schon in seinem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus ohrwurmartig eingesetzt hat. Daraus erwächst nun ein über 400 Takte langes Finale mit Variationen und Fugen-Elementen.

Bezeichnend für die Wirkung, die das Werk bei Beethovens Zeitgenossen auslöste, ist die Besprechung eines Konzerts vom 3. Januar 1807, abgedruckt in der Allgemeinen musikalischen Zeitung: »Der erste Satz ist imponirend und voll Kraft und Erhabenheit; die Durchführung treu und fasslich – Der Trauermarsch ist neu, u. trägt den Charakter edler Schwermuth. – Das Scherzo Menuetto ist ein Stück voll lebendiger, rastloser Bewegung – Das Finale hat manchen Werth, welchen ich ihm abzusprechen weit entfernt bin: allein dem Vorwurfe grosser Bizarrerie kann es wol nicht entgehen.«