Entstehungszeit: 1800-1802
Uraufführung: 5. April 1803 im Theater an der Wien unter der Leitung des Komponisten
Dauer: 32 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 8. April 1885, Dirigent: Joseph Joachim
»Sie ist ein merkwürdiges, kolossales Werk, von einer Tiefe, Kraft, und Kunstgelehrsamkeit, wie sehr wenige –; von einer Schwierigkeit in Absicht auf Ausführung … wie ganz gewiss keine von allen jemals bekannt gemachten Sinfonieen.« Solch einen Eindruck machte Beethovens Zweite Symphonie auf den Rezensenten einer der frühesten Aufführungen. Sie entstand, als Beethoven allmählich sein Gehör verlor, und er schloss die Komposition etwa zur selben Zeit ab, in der er auch sein »Heiligenstädter Testament« schrieb. Während er in Worten seiner Verzweiflung Ausdruck verleiht und sich zwingen muss, nicht in Hoffnungslosigkeit zu versinken, strotzt seine D-Dur-Symphonie geradezu vor Zukunftsgedanken: Da sprengt der Komponist die Grenzen des Konzertsaals mit schroffen Akzenten, waghalsigen Harmoniefolgen, ausgeweiteten Formabschnitten und zugespitzten Tempi.
Auf den doppelten Schlag des vollen Orchesters folgt ein langsamer erster Teil, der weit mehr ist als eine Einleitung: Nach vermeintlich formvollendeter Themenvorstellung moduliert Beethoven handstreichartig nach B-Dur. Auf bebendem Boden formen sich vereinzelte melodische Gestalten, man weicht voreinander aus, spricht in Fetzen, fällt anderen ins Wort, wird laut, wenn die Kraft des Arguments allein nicht reicht. In einem Takt wetterleuchtet schon der düster gezackte Beginn der Neunten Symphonie. Der schnelle Hauptteil gewinnt Sprengkraft aus scheinbar allgemeinen Floskeln wie aufsteigenden Dreiklängen, Tonleitern oder der kreisenden Umspielung eines Tons. Ein durchgängiger Puls treibt das Geschehen voran, fast pausenlos die ganze Exposition hindurch, und führt in stets wechselnde harmonische Bereiche, durchsetzt von scharfen Einwürfen und synkopischen Betonungen auf der »falschen« Taktzeit: »Dieses musikalische Denken zielt nicht auf Befestigung, sondern auf Abweichung, Differenz«, befand der Musikwissenschaftler Adolf Nowak. Die Durchführung ist ein Musterbeispiel für Dekonstruktion und Rekombination. Nach der Wiederkehr der Hauptthemen eine weitere Überraschung: Die Coda ist noch einmal fast so lang wie die Durchführung, erkundet bislang unbekanntes Thementerrain, erschreckt mit krachenden Schlägen des Orchesters und erstaunt mit einem chromatischen Gang der Basslinie um eine Oktave aufwärts. Viele Schlussakkorde hämmern den Ton d in den Grund. Der zweite Satz – ein liedhaftes Larghetto – schwebt zwischen Entwicklung und Kontemplation.
Als dritten Satz bietet Beethoven statt des gewohnten Menuetts erstmals ein Scherzo auf. Menuette waren einst Signum adliger Gesellschaft, kamen dann auch unter Bürgerlichen groß in Mode und drohten dort in Konvention und Spießertum zu erstarren. Im Symphonischen zog Beethoven die Konsequenz, wie man eben am Scherzo der Zweiten erkennt: Er schärft den Inhalt, zieht das Tempo an, verstärkt die Kontraste und macht den gestrigen Herrschaften Beine. Abrupt, wie aus heiterem Himmel dann fegt das Finale mit exzentrischen Bocksprüngen durch die Reihen. Die Allgemeine musikalische Zeitung sprach von »seiner tumultuarischen, wilden Abentheuerlichkeit« – diese Musik ist ebenso überdreht wie hemmungslos, selbst wenn sie vorübergehend in ruhigeres Fahrwasser gerät. Auch hier dehnt eine überlange Coda den Verlauf, mit hochdramatischen Steigerungen und unvermittelten Stopps – Aufschrei zwischen Tumult und Jubel. Muss man Angst haben oder darf man sich freuen? Nach vier Schlussakkorden erklingt als letzter Ton – wie schon im ersten Satz – ein vervielfachtes d: nicht Dur, nicht Moll, die Zukunft ist offen.