Entstehungszeit: 1915-1918
Uraufführung: 9. Oktober 1921 in Brno (Brünn) unter der Leitung von František Neumann
Dauer: 24 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 28. Januar 1929, Dirigent: Bruno Walter
Heute verehrt man Leoš Janáček als Fürsprecher der sozial Geächteten, als sensiblen Zeichner herzzerreißender Frauenschicksale wie in seinen Opern Katja Kabanowa und Jenůfa. Aber Janáček war auch ein glühender Patriot und Verfechter des Panslawismus. Diese romantische Nationalbewegung wollte alle slawischen Völker vereinen, um die Unterdrückung der verhassten Habsburgermonarchie abzuschütteln. Janáček stammte aus Mähren, das als besonders ursprünglich slawisch gebliebener Landstrich galt. Er sprach zwar fließend Deutsch, hatte sich jedoch schon früh zur Vision eines tschechischen Nationalstaats bekannt.
Aus dieser slawophilen Haltung heraus ist es zu verstehen, wenn Janáček sich schon 1905 von Nikolai Gogols Erzählung Taras Bulba (1835) begeistern ließ. Ihr Held ist ein Kosakenoberst, der um 1620 gegen die Polen kämpft. Als alter Haudegen facht er den Krieg mutwillig an und geht dabei äußerst grausam auch gegen die Zivilbevölkerung vor. In den Schlachten verliert er seine beiden Söhne: Andrej wird von Taras Bulba selbst getötet, als er wegen der Liebe zu einer Polin zum feindlichen Lager überläuft. Ostap wird von den Polen gefoltert und im Beisein Taras Bulbas hingerichtet. Schließlich wird der Kosakenoberst selbst gefangengenommen und lebendig verbrannt.
Gogols Erzählung ist trotz ihrer farbigen Charakterzeichnung keine angenehme Lektüre. Die Brutalität und männerbündische Selbstverherrlichung, auch der darin enthaltene Antisemitismus wirken heute befremdlich. Janáčeks Motivation zur Vertonung von Taras Bulba hat er selbst geschildert, indem er Gogols Worte zitiert: »Weil es in der Welt keine Feuersbrunst, keine Qual gibt, die die Kraft des russischen Volkes vernichten könnte.« Im Januar 1915, also einige Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nahm er die Arbeit daran auf. Sicherlich hat er die Verherrlichung slawischer Kriegskraft als ideelle Unterstützung der russischen Armee empfunden. Von den Österreichern wurden solche Aktivitäten sanktioniert, und Janáček kehrte daher erst 1918 zu der Partitur zurück. Die Uraufführung erfolgte 1921 in Brno (Brünn), also in der inzwischen unabhängigen tschechoslowakischen Republik.
Janáčeks dreiteilige Rhapsodie gehört allerdings zum Schönsten, was er auf diesem Gebiet geschrieben hat. Äußerst zärtlich ist der Beginn: Mit einem Solo des Englischhorns, dem eine Solovioline antwortet, wird zunächst die Liebe Andrejs zu seiner Polin gezeichnet. Immer wieder aber setzen Irritationen ein: durch die typisch Janáček’schen kurzgliedrigen, nervösen Motive und schließlich durch die Schlachtenmusik der Blechbläser. Der zweite Satz gilt dem älteren Sohn Ostap: Als mutiger Kämpfer reitet er gegen die Übermacht an, in glühender Intensität erklingt eine volksliedartige Weise. Ostaps letzter, verzweifelter Schrei nach dem Vater äußert sich in der grellen Es-Klarinette. Wild, zart, tänzerisch und verherrlichend begleitet der letzte Satz Taras Bulbas Ende. Die Prophezeiung des Kosaken über die Größe seines Volkes und dessen festen christlichen Glauben baut sich im Hymnus der Blechbläser auf, untermalt von feierlichen Röhrenglocken- und Orgelklängen. Eine ekstatische Melodie verklärt Taras Bulbas Tod: Musik voll impulsiver Leuchtkraft, wie sie Janáček so wunderbar zu Gebote stand.