Entstehungszeit: 1792
Uraufführung: 9. März 1792 in London unter der Leitung des
Komponisten
Dauer: 22 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals nachgewiesen am 10. Dezember 1937, Dirigent: Carl Schuricht, Violine: Hans Bastiaan, Violoncello: Arthur Troester, Oboe: Erich Venzke, Fagott: Karl Leuschner
Ein geschäftstüchtiger Konzertveranstalter, eine gehörige Portion produktiver Konkurrenzdruck, ein äußerst kreativer Komponist und ein Publikum, das sich nach Neuigkeiten die Finger leckt: Im Frühjahr 1792 kommt in London alles zusammen. Seit 14 Monaten weilt Joseph Haydn in der britischen Metropole, und genauso lange ist seine Anwesenheit bereits die große Sensation im dortigen Konzertleben. Die Begeisterung um seine Person und seine Werke reißt nicht ab und spült gutes Geld in seine eigene sowie Johann Peter Salomons Kasse. Ende 1790 ist es dem umtriebigen Impresario gelungen, Haydn nach London zu holen – ganz zum Missfallen der konkurrierenden Konzertunternehmer. Allen voran Wilhelm Cramer, der wenige Jahre zuvor noch selbst Anstrengungen unternommen hat, den Komponisten für seine Subskriptionsreihe zu gewinnen.
Aber auch Cramer ist ein gewitzter Geschäftsmann: Er setzt auf ein Zugpferd aus Haydns unmittelbarem Umfeld und lädt für die Konzertsaison 1792 Ignaz Pleyel ein. Dass dessen Kompositionen in London gut ankommen, hat er bereits in jüngerer Vergangenheit erprobt und lässt im Februar 1792 aufgrund der großen Beliebtheit zum dritten Mal eine Sinfonia concertante von ihm aufführen. Pikantes Detail: Pleyel ist ehemaliger Schüler von Haydn. Ein gefundenes Fressen für die englische Presse, die in Erwartung erbitterter Hahnenkämpfe zweier Superstars bereits die Federn spitzt. Doch sie macht die Rechnung ohne die Protagonisten. »Pleyel zeugte sich bey seiner ankunft gegen mich so bescheiden«, berichtet Haydn nach Wien, »daß Er neuerdings meine liebe gewann, wür sind sehr oft zu sam, und das macht Ihm Ehre, und Er weis seinen vatter zu schätzen. wür werden unsern Ruhm gleich theillen und jeder vergnügt nach hause gehen.«
Haydn ist sich sicher, dass sein »credit zu fest gebaut ist«, als dass ihm ein Pleyel die Vormachtstellung im Londoner Konzertbetrieb streitig machen könnte. Dennoch wirft er ebenfalls und in großer Eile eine Sinfonia concertante aufs Papier. Sein Auftraggeber Salomon wird ihn dazu gedrängt haben. Denn der weiß, dass nicht nur Pleyel, sondern auch dieser eigentümliche Musik-Hybrid, der zwischen Konzert und Symphonie changiert, in ganz Europa gerade ungemein en vogue ist. Die Form fußt auf dem barocken Concerto grosso und stellt dem Orchestertutti eine mehr oder weniger kleine Gruppe an Instrumentalsolisten gegenüber. In Haydns Sinfonia concertante B-Dur Hob. I:105 sind es vier: Violine, Violoncello, Oboe und Fagott. Haydn versteht es, mit diesem Mix aus Streichern und Bläsern immer wieder andere reizvolle Klangkombinationen zu gestalten. Zugleich kommt jeder Solist auch in puncto Virtuosität auf seine Kosten. Allerdings sticht ein Instrument deutlich hervor und darf zu Beginn des Finalsatzes mit gewichtigen »Worten« dem Tutti Paroli bieten: die Geige, denn deren Part übernimmt bei der Uraufführung am 9. März 1792 Johann Peter Salomon höchstpersönlich. Haydn erweist seinem Geschäftspartner die Reverenz und schafft eine Win-win-Situation: Cramer und Pleyel dürfen große Erfolge verbuchen – doch Oberwasser behalten auch in diesem Wettstreit letztlich Haydn, Salomon und die »Salomon’s Concerts«.