Entstehungszeit: 1902-1903
Uraufführung: 9. Januar 1904 in Prag durch die Tschechische Philharmonie, Dirigent: Oskar Nedbal, Violine: Karel Hoffmann
Dauer: 23 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 18. Dezember 1911 unter der Leitung von Arthur Nikisch und mit dem Solisten Carl Flesch
Josef Suk, 1874 als jüngster Sohn des Organisten und Kantors der Lukaskirche im nahe Prag gelegenen Křečovice geboren, war zwar selbst Geiger, hat jedoch nur sehr wenig für sein ureigenstes Instrument komponiert. Auch bei seiner Fantasie für Violine und Orchester op. 24 war er nie versucht, den Solopart selbst zu spielen. Er spekulierte stattdessen auf den Geiger František Ondříček, einen der bedeutendsten Violinisten seiner Zeit, der 1883 auch das einzige Violinkonzert Antonín Dvořáks uraufgeführt hatte. Doch dieser Plan zerschlug sich, so dass bei der Premiere im Januar 1904 Karel Hoffmann, ein enger Vertrauter Suks, den Solopart spielte. Hoffmann war Primarius im Tschechischen Streichquartett, in dem Suk über vier Jahrzehnte die zweite Geige spielte und mit dem er mehr als 4.000 Konzerte gab.
1891 wurde Suk Schüler von Dvořák am Prager Konservatorium. Die Beziehung zwischen beiden intensivierte sich noch, als Suk 1898 Dvořáks Tochter Otylka heiratete. In Werken wie der Streicherserenade op. 6 oder der frühen E-Dur-Symphonie op. 14 zeigt sich der Einfluss seines Lehrers noch überdeutlich. Als Dvořák 1904 starb, war das für Suk eine entscheidende Zäsur in seinem Leben. Wenige Monate später erlag auch seine junge Frau einer Herzkrankheit. Dieses doppelte Trauma verwand Suk nie – fortan prägte es nachhaltig seine musikalische Sprache.
Die Violinfantasie entstand noch vor diesen Schicksalsschlägen in den Sommermonaten des Jahres 1902, einer Zeit erster großer Erfolge und noch größerer Hoffnungen. Doch Josef Suk galt bereits als einer der führenden tschechischen Komponisten. Das Werk ist einsätzig und steht in der Tradition der Konzertfantasie seit Beethoven. Immer wieder ist es als verkapptes Violinkonzert bezeichnet worden, doch die freie Form, sein rhapsodischer Charakter und das Fehlen eines ausgeprägt langsamen Teils sprechen klar dagegen.
Suk wartet im hochvirtuosen Solopart der Fantasie mit allerlei artistischen Kniffen und Mehrfachgriffen auf. Die freie Form ermöglichte es ihm, ein ganzes Füllhorn von Ideen, Themen, Episoden und Stimmungen auszuschütten. Dabei lassen sich vier dramatisch kontrastierende Themenbereiche ausmachen, die an verschiedenen Stellen des Werkes wieder aufgenommen werden und so dieser freien Fantasie doch ein stabiles formales Gerüst verleihen. Typisch für Suks musikalische Sprache sind darüber hinaus die Art der Themenerfindung, die Ökonomie der motivischen Arbeit und gelegentliche harmonische Kühnheiten wie eine konstant modulierende chromatische Harmonik mit häufigen Wechseln zwischen Dur und Moll. Anklänge an die böhmische Volksmusik spielen in der Fantasie nur eine untergeordnete Rolle. Zwar verwendet Suk einige volksliedartige Melodien, und auch die Akzentuierung des ersten Schlags, die sich in allen zentralen Themen des Stückes findet, ist typisch für die tschechische Musik. Doch gegenüber seinen Frühwerken wie etwa den Bühnenmusiken zu Pohádka op. 14 oder Pod jabloni op. 20 ist der nationale Charakter in der Violinfantasie eher zweitrangig.