Von: Dielitz, Alexandra

John Williams Konzert für Klavier und Orchester

Uraufführung: 26. Juli 2025 beim Tanglewood Music Festival durch das Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons und mit dem Pianisten Emanuel Ax
Dauer: 23 Minuten

Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 16. April 2026 unter der Leitung von Mirga Gražinytė-Tyla mit dem Solisten Emanuel Ax

Am 26. Juli 2025 feierte das Publikum John Williams bei der Uraufführung seines Klavierkonzerts in Tanglewood durch Emanuel Ax und das Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons mit Standing Ovations. Es ist nicht das erste konzertante Werk aus der Feder des fünffachen Oscargewinners. Mehr als ein Dutzend Solokonzerte hat der mittlerweile 94-Jährige, der seiner eigenen Filmmusik eher skeptisch gegenübersteht, neben seiner Hollywood-Karriere geschrieben und sich damit ganz andere Klangsphären erschlossen als wir sie aus Star Wars, Harry Potter, Schindlers Liste oder Indiana Jones kennen. Wenn der Millenium Falke durch einen Asteroidengürtel rast oder Indy auf der Suche nach dem Heiligen Gral in einem Tempel verschüttet wird, hat das Kinopublikum kein Ohr für komplexe Kontrapunktik. In seinen atmosphärisch dichten Soundtracks setzt Williams daher auf wiedererkennbare Melodien, zündende Rhythmen und satte Harmonien. In seinen Partituren für den Konzertsaal bedient er sich einer anspruchsvolleren, zerklüfteteren Sprache. Dabei schreibt er meist für eine bestimmte Musikerpersönlichkeit – sei es die Harfenistin der Boston Pops oder internationale Stars wie den Cellisten Yo-Yo Ma oder die beiden Geiger Gil Shaham und Anne-Sophie Mutter. Oder eben Emanuel Ax, der sich in Sachen Klavierkonzert beim Komponisten meldete und ihn wissen ließ: »If you write it, I will play it!« 

Nach dem Scherzo für Klavier und Orchester von 2014 ist es John Williams’ erstes Klavierkonzert in klassisch dreisätziger Form. Jeder Satz ist einem legendären Jazzpianisten gewidmet: Art Tatum, Bill Evans und Oscar Peterson. Eine durchaus vertraute Atmosphäre für den Komponisten, schließlich war Vater John Williams Senior Schlagzeuger des Raymond Scott Quintetts, während er selbst neben dem Studium an der Juilliard School in New Yorker Clubs als Jazzpianist arbeitete. Dennoch wollte Williams kein »Jazz-Stück per se« schreiben, sondern eine persönliche Hommage an drei Künstler, deren spezieller Sound ihn seit Jahrzehnten fasziniert. So erlebte er als Teenager, wie Art Tatum bei seinen Auftritten zunächst drei Akkorde setzte und ihnen nachlauschte, bevor er seinen berühmten, üppigen Klang à la Rachmaninow entfaltete. Auch Williams’ Klavierkonzert beginnt mit drei nachdenklichen Klavierakkorden, aus denen heraus der Pianist frei zu präludieren scheint. Dann muss er sich gegen das farbenreiche Orchester behaupten, das mit Strawinsky-artiger Rhythmik, dunklen Streichertönen oder kristallklaren Akzenten immer neue, spannungsgeladene Situationen schafft. 

Der zweite Satz beginnt mit einem nachdenklichen Bratschensolo, das sich zu einem wunderbar lyrischen Duett mit dem Klavier entwickelt. Vermutlich liegt das am Widmungsträger Bill Evans, dem »sanften Giganten« eines subtilen, introspektiven Jazzstils. Ganz anders der dritte Satz, inspiriert durch Oscar Peterson, dem vielleicht größten Jazzpianisten aller Zeiten, dessen riesige Erscheinung den jungen Williams eher an einen Footballspieler als an einen Tastenlöwen gemahnte. Entsprechend athletisch klingt das von Pauken eröffnete Finale, das mit überraschenden Klangeffekten, turbulenten Glissandi und überbordender Virtuosität dem wirkungsvollen Schlusspunkt zutreibt. Nach Tanglewood, Boston und New York ist Berlin die vierte Stadt, die dieses konzertante Feuerwerk live zu hören bekommt.