Entstehungszeit: 1887
Uraufführung: 18. Oktober 1887 im Kölner Gürzenich durch das Gürzenich-Orchester, Dirigent: Johannes Brahms, Violine: Joseph Joachim, Violoncello: Robert Hausmann
Dauer: 34 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 6. Februar 1888 unter der Leitung von Hans von Bülow und mit den Solisten Joseph Joachim (Violine) und Robert Hausmann (Violoncello)
Clara Schumann bezeichnete das Doppelkonzert ihres Freundes Johannes Brahms nach einer ersten Durchspielprobe im Jahr 1887 als ein »Versöhnungswerk«, das die Wogen zwischen dem Komponisten und dem Geiger Joseph Joachim wieder glätten sollte. Seit den frühen Erwachsenenjahren hatte beide eine enge künstlerische und menschliche Freundschaft verbunden. Joachim nahm im Verlauf der Jahrzehnte an der Uraufführung von insgesamt zehn Werken des Komponisten teil. Außerdem gehörte er zu dem kleinen Kreis der Vertrauten, die Brahms vor der Veröffentlichung seiner Musik regelmäßig um Einschätzungen und Ratschläge bat.
Zu Beginn der 1880er-Jahre aber kam es zum Bruch: Als der notorisch eifersüchtige Geiger seiner Ehefrau Amalie ein Verhältnis mit dem Verleger Simrock unterstellte, ergriff Brahms Partei. In einem Brief an Amalie gab er seiner Hoffnung Ausdruck, Joachim »möge von seinen falschen und entsetzlichen Einbildungen lassen«. Weil seine Frau den Brief im Scheidungsprozess als Beweismaterial einreichte, hatte der Geiger das Urteil seines ehemals so engen Freundes sozusagen amtlich. Beide bemühten sich zwar, die künstlerische Zusammenarbeit fortzusetzen, hatten sich aber vor der ersten Probe des Doppelkonzerts mehrere Jahre lang nicht gesehen. Vermutlich plante Brahms ursprünglich, ein Solokonzert für den Cellisten Robert Hausmann zu schreiben, mit dem er 1886 seine zweite Cellosonate uraufgeführt hatte. Die Hinzufügung des zweiten Soloinstruments folgte dem Wunsch, Joachim wieder stärker in sein Schaffen einzubinden.
So ungewöhnlich wie die Besetzung ist der Anfang des Konzerts: Das Orchester intoniert zunächst nur den Beginn der beiden Hauptthemen. Auf das dramatische erste, das in Moll steht, antwortet zunächst das Cello mit einer melancholischen Meditation. Dann reflektieren beide Soloinstrumente über das lyrische und von Seufzermotiven geprägte zweite Thema in Dur. Erst danach folgt die vollständige Darstellung der Themen durch das Orchester. Die Klangfülle der Doppelgriff-Passagen und das alle Streicherregister ausschöpfende Figurenwerk brachten den Musikkritiker Max Kalbeck auf die Idee, Brahms habe die beiden Instrumente zu einer »achtsaitigen Riesengeige« zusammengesetzt. Die Behauptung geht aber am dialogischen Charakter des Konzerts vorbei. Auf die dramatische Wechselrede des ersten Satzes folgt im Andante ein versöhnlicher Tonfall: In trautem Unisono intonieren Geige und Cello das andächtige erste Thema. Und in den folkloristischen und tänzerischen Passagen des Rondo-Finales dürfen beide Instrumente ihr virtuoses Potenzial entfalten.
Nichts spricht dafür, dass der bis zur Verschwiegenheit diskrete Brahms im Doppelkonzert seine Freundschaft mit Joachim oder gar dessen Ehedrama in Töne übersetzen wollte. Ein musikalischer Dialog mit dem bewunderten Geiger ist das Werk aber dennoch – einige Passagen des Finales erinnern an Joachims ungarische Heimat.