Entstehungszeit: 1856-1857
Uraufführung: 22. Januar 1859 in Hannover unter der Leitung von Joseph Joachim und mit dem Komponisten am Klavier
Dauer: 51 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 28. Januar 1884 unter der Leitung von Fritz Wüllner und mit dem Komponisten am Klavier
Das Klavierkonzert in d-Moll ist das wohl wildeste, ungezähmteste Werk im Schaffen von Johannes Brahms. Es nahm seinen Anfang in der Zeit, in der Robert Schumann den damals 20-jährigen komponierenden Pianisten aus Hamburg in seinem Essay Neue Bahnen geradezu als Messias angekündigt hatte. Brahms, der sich bis dahin nur mit Klavierwerken und als Interpret einen Namen gemacht hatte, werde vor allem mit Symphonien Großes leisten. Mit seinem Ersten Klavierkonzert kam er dieser Gattung kurz nahe, denn während seiner Entstehung durchlief das Stück verschiedene Stadien: erst als Sonate für zwei Klaviere, dann als Symphonie. Nicht lange nach der Begegnung mit Brahms erkrankte Schumann schwer an fortschreitender Paralyse, die Folge einer jugendlichen Syphilisinfektion war. Brahms war bestürzt über das Unglück des Freundes, der sich, wohl seinen unheilbaren Zustand erkennend, 1854 in den februarkalten Rhein stürzte und daraufhin in eine Nervenheilanstalt eingewiesen werden musste. Brahms war zudem verwirrt durch seine sich von Sympathie zu Liebe weitenden Gefühle für Clara Schumann, die nach dem Tod ihres Mannes 1856 sieben Kinder zu versorgen hatte und sich dazu mit voller Kraft in ihre pianistische Karriere stürzte.
All das hat den Komponisten gewiss bewegt. Inwieweit sich sein Gemütszustand aber in seinen künstlerischen Erfindungen dieser Zeit widerspiegelt, insbesondere in dem so weltzerreißenden Beginn des Werkes, muss offenbleiben. Denn diese Musik dürfte zur Zeit von Schumanns Suizidversuch schon weitgehend entworfen gewesen sein, ist also wohl Ausdruck auch einer inneren kreativen Krise des Komponisten; er selbst hat sich dazu nie geäußert. Es ist ein Satz von ungeahnten Ausmaßen und ungeheurer emotionaler Bandbreite, von katastrophischen Klangballungen und ungebärdiger Schroffheit bis hin zu zartesten, ja zärtlichen Passagen; dazu gespickt mit spieltechnischen Schwierigkeiten wie den gefürchteten Oktavtrillern. Bald nachdem Brahms die drei Sätze in der Originalfassung für zwei Klaviere mit Clara Schumann durchgespielt hatte, genügte ihm diese Besetzung nicht mehr, und er arbeitete den ersten Satz zum Beginn einer Symphonie um. Angeblich ein Traum bewog ihn Anfang 1855 zu einer neuerlichen Umwandlung des Werks in ein Klavierkonzert; anderthalb Jahre danach notierte Clara Schumann: »Johannes hat einen prächtigen ersten Concertsatz componirt.«
Der zweite Satz gleicht einer Meditation oder einem Gebet: Brahms hatte in seinem Manuskript der ersten Notenzeile die Messworte »Benedictus qui venit in nomine Domini« (»Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn«) unterlegt. Die wie traumverloren mit den Orchestersoli verschlungene Klavierstimme singt diesen Abschnitt wortlos. Ende 1857 bekannte Brahms gegenüber Clara, dass der zweite Satz »ein sanftes Porträt« von ihr werden solle; die düstere Passage im Mittelteil spricht denn auch von verzweifeltem Hadern mit einer Liebe, die sich nicht verwirklichen ließ. Anfang 1858 war endlich das Finale abgeschlossen. Mit seinem rhythmisch widerspenstigen Hauptthema nutzt es souverän die Rondoform zu vielfältiger Abwechslung an Stimmungen und durchläuft manch dramatische Verwicklung.
Die Uraufführung in Hannover wurde mit Respekt aufgenommen, die zweite in Leipzig, ebenfalls mit Brahms am Klavier, geriet zum Debakel: Es war genau jene Art öffentlicher Misserfolg, die nur große Kunst erzielen kann. Erst nach der dritten Aufführung – in Brahms’ Geburtsstadt Hamburg – erkannte man das Richtungsweisende an diesem Zugriff auf die Gattung Instrumentalkonzert: kein Bravourstück zur Demonstration von Geläufigkeit, sondern ein quasi symphonischer Bau, in dem das mit dem Orchester verschlungene Soloinstrument eher als Primus inter Pares denn als alles überstrahlender Held auftritt.